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Monat: Mai 2017

Who is Who der Wittenberger Schlosskirche

Who is Who der Wittenberger Schlosskirche

Was wohl nachts hinter den Türen der Wittenberger Schlosskirche lost ist? Wilder Trubel: All die ehrwürdigen gestalten, die dort auf Medaillons, Gemälden, Glasfenstern oder als Standbild dargestellt sind, werden lebendig: „Philipp Melanchthon unterhält sich mit der Heiligen Katharina und Ulrich von Hutten mit Friedrich dem Weisen. Hans Sachs trägt sein neuestes Gedicht zum Ruhm der Wittenbergisch Nachtigall vor. Und schließlich greifen Martin Luther und Justus Jonas zur Laute und lassen ihre reformatorischen Lieder erklingen.“

So stellt es sich Pastorin Hanna Kasparick vor, die als Direktorin des Predigerseminars für die gerade frisch renovierte Kirche mitverantwortlich ist. Zu lesen ist die nette Vision , fast wie im Film „Nachts im Museum“, in einem neuen Buch, das alle 61 in der Schlosskirche abgebildeten Männer und Frauen prträtiert, in Wort und Bild. Auch ein echter Brandenburger ist in der „Ruhmeshalle des Protestantismus“ verewigt: Von einem Medaillon, ziemlich nah an Altar und Kaiserstuhl, blickt Joachim II. hinab; der Kurfürst hatte 1539 die Reformation in Brandenburg eingeführt. Die jüngste aller Schlosskirchengestalten ist in Öl gemalt und hat lange in Berlin gewirkt: Johann Hinrich Wichern. Er rief 1858 hier in einer mitreißenden Rede die evangelischen Kirchen dazu auf, tätige Nächstenliebe zu üben und wurde zum Vater der Diakonie.

Bei der feierlichen Wiedereröffnung der Schlosskirche besuchte allerhand Prominenz den Gottesdienst. Die gestalten der Schlosskirche waren wieder in museale Starre verfallen, als man sie im Fernsehen zu sehen bekam. Doch in der folgenden Nacht hatten sie sicherlich viel Neues zu tratschen. Sie sind ja auch nur Menschen.

Who is Who der Wittenberger Schlosskirche. Hg. v. d. Ev. Wittenbergstiftung, Lutherstadt Wittenberg 2016. 176 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 14,95 Euro. Erhältlich über www.evangelische-wittenbergstiftung.de. Das Buch ist auch in englischer Sprache erschienen.

Peter Barrenstein, Wolfgang Huber, Friedhelm Wachs (Hg.) – Evangelisch. Erfolgreich. Wirtschaften.

Peter Barrenstein, Wolfgang Huber, Friedhelm Wachs (Hg.) – Evangelisch. Erfolgreich. Wirtschaften.

Gott steht auf der Seite der Armen. Eine von vielen Einsichten, die mir das Theologiestudium und die Beschäftigung mit der Bibel brachten. Da gab es die armen Bauern von Solentiname, die mit Priester Ernesto Cardenal die Bibel lasen und auslegten. Da gab es christliche Stimmen, vereinzelt sogar aus den Kirchen, die den Reichen dieser Welt einen Satz Jesu vorhielten: „Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon!“ Und nun liegt dieses Buch auf meinem Tisch: „Protestantische Führungskräfte sprechen über ihren Glauben.“

Ja, natürlich, es ist gut, dass auch Unternehmer sich über den Sinn der Welt, über ihr Tun und ihren Glauben Gedanken machen und dann – hoffentlich – verantwortungsvoll handeln. Aber muss das gedruckt und in Buchdeckel gepresst werden, auch noch mit der seltsamen Wortverbindung „Evangelisch. Erfolgreich. Wirtschaften“? Ja, wirtschaften protestantische Unternehmer etwa erfolgreicher als katholische oder nichtgläubige? Ist Erfolg eine protestantische Tugend? Was ist mit erfolglosen protestantischen Unternehmern?

Der Wurm, der in dieser Sichtweise steckt, wird andersherum noch deutlicher: Wäre ein Buchtitel denkbar: „Evangelisch. Erfolgreich. Platte machen. Protestantische Obdachlose sprechen über ihren Glauben“? Oder: „Evangelisch. Erfolgreich. Mit Hartz-IV leben“. Geht nicht.

Erfolg hat vielleicht etwas mit der calvinistischen Spielart des Protestantismus zu tun. Mit dem Evangelium nichts. Da geht es um anderes: um Wahrhaftigkeit und Demut, um Ehrlichkeit und Glauben. Über den eigenen wirtschaftlichen Erfolg in einem Atemzug mit dem Glauben zu sprechen, wirkt hingegen ungewollt pharisäisch.

So viel zum faden Nachgeschmack, den diese Art von Büchern bei mir hinterlässt. Die Berichte der 31 Männer und vier (!) Frauen sind nicht uninteressant, einige leben und arbeiten im Raum der EKBO. Viele sind Mitglied im Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer, für den dieses Buch gute PR darstellt.

 

Peter Barrenstein, Wolfgang Huber, Friedhelm Wachs (Hg.) – Evangelisch. Erfolgreich. Wirtschaften. Protestantische Führungskräfte sprechen über ihren Glauben. edition chrismon, Frankfurt/Main 2016. 318 Seiten, 24,90 Euro

Kerstin Hack – Stark glauben. Natürlich Gottes Kraft erfahren

Kerstin Hack – Stark glauben. Natürlich Gottes Kraft erfahren

„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben“, meinte 1941 Rudolf Bultmann, der berühmte Theologe, und plädierte dafür, die Texte des Neuen Testaments zu „entmythologisieren“.

Dazu gehört es auch, die Teufel und Wunder, von denen im Neuen Testament berichtet wird, als zeitbedingte Vorstellungen in die Schranken zu verweisen. Evangelikale sehen das anders und wettern gegen jede Art von kritischer Bibellektüre – und gegen Rudolf Bultmann. Der gab ihnen ordentlich Zunder. Wer an die „Geisterwelt“ des Neuen Testaments glaube, müsse „sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christlichen Verkündigungen in der Gegenwart unverständlich macht“.

Eine lange Hinführung zum Buch. Sie ist nötig, um Kerstin Hacks „Quadro-Heft“ zu verstehen: „Stark glauben. Natürlich Gottes Kraft erfahren.“ Auf den ersten Seiten stehen schöne Bilder, wie der Glaube an Gott in den Alltag eingebunden werden kann. Doch schon bald folgen Verengungen. Da kommen Wunderheilungen und Dämonen ist Spiel, die für manche Krankheiten verantwortlich seien und exorziert werden könnten. „Geistlich effektiv handeln“ nennt Kerstin Hack das und preist es als eine wesentliche christliche Glaubenshaltung an. Starker Tobak, werden viele sagen. Und verwundert reibt sich der denkende Rezensent die Stirn: Glaube ist doch mehr und das Mysterium des Lebens viel geheimnisvoller als antiker Wunderglaube?! Wer Kerstin Hacks Buch liest, findet sich unwillkürlich in den Streit zwischen kritischem Denken und fundamentalistischer Bibelauslegung verwickelt. Und den kann man nicht oft genug führen, mit sich selbst und mit anderen.

Kerstin Hack: Stark glauben. Natürlich Gottes Kraft erfahren. Quadro Nr. 55. Verlag Down to Earth, Berlin 2015. 40 Seiten, 5 Euro

Martin Brama: Mein Deckname war „Schuft“

Martin Brama: Mein Deckname war „Schuft“

„Was hast Du im Westen erlebt?“ – „Welche Erfahrungen hast Du im Osten gemacht?“ Letztlich sind es die Lebensgeschichten, die die Geschichte verstehbar machen – auch die der Trennung und Wiedervereinigung Deutschlands. Viele Menschen schreiben ihre bisweilen unglaubliche Geschichte auf. Die neuen Möglichkeiten der preiswerten und verlagsfreien Buchveröffentlichung führen dazu, dass sich ein Genre der Volksbiografien entwickelt: spannende Geschichten, die das Leben schrieb und die so außergewöhnlich sind, dass kein Romanautor sie sich hätte ausdenken können. Aber verfasst von Autoren, die keine professionellen Schreiber sind. Die Lektüre wird so bisweilen zur Arbeit – doch die wird belohnt durch das Kennenlernen der Geschichte aus erster Hand.

Das Buch von Martin Brama gehört dazu. 1943 geboren, verlebte er seine Kindheit im Ostteil Berlins und studierte in den 1960er Jahren Theologie. Im Alter von 25 Jahren wurde er von der Staatssicherheit wegen „staatsfeindlicher Hetze und Propaganda“ sowie sogenannter „subversiver Diversion“ zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Grund: eine Flugblattaktion sowie seine sieben Jahre zurückliegende Korrespondenz mit einem weißrussischen Jugendlichen. Nach 16 Monaten Zuchthaus wurde Brama von Westdeutschen freigekauft – blieb aber, unfassbar, trotzdem in der DDR.

Sein christlicher Glaube und das feste Band seiner Familie bewahrten ihn nach eigenen Angaben vor psychischen Folgeschäden. Brama fand einen Beruf in der Behindertenarbeit, wurde leitender Angestellter. Und wurde nun von der Staatssicherheit intensiv umworben. Die dafür von der Stasi bewilligten Westreisen nahm er an, sträubte sich aber freundlich und vehement immer wieder gegen Anwerbungsversuche. Diese gefährliche Gratwanderung, seine Erlebnisse als politischer Häftling im Zuchthaus Cottbus sowie seinen alltäglichen mutiger Kampf gegen die SED-Diktatur schildert er in seiner Autobiografie.

Martin Brama: Mein Deckname war „Schuft“. Zuchthaus und Stasi-Anwerbung überstanden im christlichen Glauben. OEZ Berlin-Verlag 2016, 398 Seiten, 16,90 Euro

Uwe Siemon-Netto: Luther. Lehrmeister des Widerstands

Uwe Siemon-Netto: Luther. Lehrmeister des Widerstands

Die Lutheraner sind obrigkeitshörig und die Reformierten demokratisch gesinnt. Diese Ansicht wird in verschiedenen Varianten gerne gepflegt. Karl Barth, der große reformierte Theologe – klar, ein Nazifeind. Die nazikritische Barmer Theologische Erklärung wurde ebenfalls in der Mehrzahl von Theologen der reformierten Tradition aufgesetzt und unterzeichnet. Die „Deutschen Christen“ hingegen hingen mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre unterm Arm ihrem vermeintlich gottgesandten Führer an den Lippen und vergaßen vor lauter Obrigkeitshörigkeit, wie unchristlich und -menschlich dessen krude Ideologie war.

Ja, so war es wohl – wenn man denn verallgemeinern will oder muss. Dem in Leipzig geborenen Theologen und Publizisten Uwe Siemon-Netto gehen diese Verallgemeinerungen allerdings gegen den Strich. Trotzig hält er ihnen entgegen, der lutherische Protestantismus habe die Deutschen nicht zu „obrigskeitsduseligen Duckmäusern“ gemacht – im Gegenteil. Luther sei ein „Lehrmeister des Widerstandes“ gewesen. „Dieses Buch ist ein Plädoyer für den Freispruch Martin Luthers von dem stereotypen Vorwurf, der Wegbereiter Adolf Hitlers gewesen zu sein“, verspricht Siemon-Netto.

Das Vorhaben scheint ehrenwert, baut aber bei näherem Hindenken auf einer populistischen Verzerrung auf, schließlich wirft niemand Luther vor, bewusst Weichen in Richtung antisemtischer Ideologie des 20. Jahrhunderts gestellt zu haben. Dass er von den Nazis instrumentalisiert wurde, ist hingegen unbestreitbar.

Sei‘s drum: Die Argumente, mit denen Siemon-Netto Luther vor ideologischer Vereinnahmung schützen will, sind gar nicht schlecht. Penibel analysiert er Luthers Schriften und entmachtet das Vorurteil, Luther sei ein Fürstenknecht gewesen. Ja, es kann sich lohnen, Luther von Klischees zu befreien und noch einmal gründlich zu lesen. Und es ist erhellend zu sehen, wie fromme Männer im Geiste Luthers den Nazis die Stirn boten, zum Beispiel Carl Goerdeler oder Dietrich Bonhoeffer.

Siemon-Netto geht allerdings noch weiter. „In Wahrheit“, schreibt er, „war Luther der Lehrmeister der Résistance gegen jegliche Tyrannei.“ Mit einemm Augenzwinkern könnte man das behauten und Luther in ein Che-Guuevara-Gewand kleiden. Bei Siemon-Netto klingt das jedoch wie undifferenzierte Lobhudelei. Ebenso seine Deutung, die friedliche Revolution sei ein „sehr lutherisches Ereignis“ gewesen. Der christliche Glaube kann Menschen zweifellos darin bestärken, gegen Tyrannen vorzugehen. Aber, dass die Lutheraner da gegenüber den Reformierten oder Katholiken im Vorteil wären, ist eine bloße Behauptung.

Zum Schluss verlässt Siemon-Netto dann gänzlich den ernstzunehmenden Diskurs. Wie besessen schimpft er auf „Kirchenführer“ der EKD – was für eine demagogische Bezeichnung nach seinen langen Ausführungen über den Führer Hitler! – und behauptet, sie würden einen „Kotau vor dem extremen Feminismus und dem Massenmord an ungeborenem Leben“ machen. Dann folgt ein Rundumschlag. Siemon-Netto prangert die Gleichstellung Homosexueller und das Gender Mainstreaming an, da die göttliche Schöpfungsordnung dadurch unterminiert werde. Der EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann wirft er „klerikale Hypokrisie“ vor, sie habe Luther nicht begriffen. Und überhaupt, die ganze EKD sei „getrieben von süßlicher Gutmenschlichkeit“. „Kirchenfunktionäre“ weigerten sich „gefühlsduselig“, Muslimen das Evangelium zu verkünden, und die „Tragik“ der EKD bestehe darin, dass dort viele zu „bibelwidrigem Denken“ zurückgekehrt seien. Wie einst Luther mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen habe, solle die evangelische Kirche gefälligst gegen die moderne New-Age-Religion angehen, die von dem Okkultisten Alistair Crowley beeinflusst sei. Au weia.

Mit seinen Rundumschlägen stellt sich Siemon-Netto selbst ins Abseits und disqualifiziert sich als ernstzunehmenden Dialogpartner. Schade eigentlich.

 

Uwe Siemon-Netto: Luther. Lehrmeister des Widerstands. Fontis-Verlag Basel 2016. 234 S., € 15,99

Miriam Paeslack – Berlin im 19. Jahrhundert. Frühe Photographie 1850-1914

Miriam Paeslack – Berlin im 19. Jahrhundert. Frühe Photographie 1850-1914

„Berlin ist eine Stadt, deren Bild auf einmalige Weise davon geprägt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Mit diesem programmatischen Satz eröffnet die in Buffalo/USA lehrende Kunstprofessorin Miriam Paeslack ihren fulminanten Bildband über Berlin.

Sie ist in Heidelberg aufgewachsen; ein Teil ihrer Familie lebte in Ostberlin, dadurch hat sie die Geschichte und den Wandel Berlins von Kindheit an miterlebt. Die Faszination von der Stadt blieb, auch als Paeslack ins Ausland ging. Wie sich die Stadtgeschichte in Fotografien spiegelt, interessiert sie besonders. Also ging sie in die Archive und sammelte die frühesten Fotografien der Stadt. Aus einer Zeit, als Berlin – mal wieder – im Wandel war.

Im 19. Jahrhundert stieg die Einwohnerzahl sprunghaft an; die königliche Residenzstadt wurde zur Industriemetropole mit Elendsquartieren. Fotografen dokumentierten diesen Wandel, der sich auch im Stadtbild niederschlug. Ihre Bilder sind durchdachte künstlerische Momentaufnahmen aus einer Zeit, in der das wilde Knipsen noch nicht möglich war. Das macht den Wert dieser Bilder aus. Unwillkürlich setzen sie die Erinnerung und das Kopfkino in Gang. Sie rufen keine romantischen Gefühle hervor nach dem Motto: „Früher war alles schöner“ – nein, sie zeigen, dass das heutige pulsierende Berlin sich tatsächlich immer schon neu erfand. Die ganze Stadt wird zum Sinnbild der Einsicht: Veränderung ist nicht immer schön, aber unvermeidlich.

Gerade angesichts des neu in Beton gegossenen Stadtschlosses bekommen die Aufnahmen eine große Aktualität. Bewegend auch der Wandel in der Berliner Kirchenarchitektur: Fotos zeigen die Sprengung des alten Doms aus dem Jahr 1893, daneben ein Bild, das fünf Jahre danach den imposanten noch eingerüsteten neuen Berliner Dom zeigt. „Die Photographen der Kaiserzeit bringen die Bilder zum Sprechen“, schreibt Miriam Paeslack in ihrem Lesenswerten Vorwort, „sie zeigen nicht nur, wie es war sie zeigen auch, dass sich […] Prozesse und visuelle Muster wiederholen. Damit geben sie der Nachwelt vor allem Denkanstöße.“

Miraim Paeslack: Berlin im 19. Jahrhundert. Frühe Photographie 1850-1914. Verlag Schirmer/Mosel, München 2015, 232 Seiten, 49,80 Euro