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Monat: Juli 2017

Gideon Böss – Deutschland, deine Götter

Gideon Böss – Deutschland, deine Götter

Was für ein witziger Trip: Journalist Gideon Böss will wissen, wo und wie in Deutschland geglaubt wird. Also reist er los, christliche Kirchen, klar, Moscheen, Synagogen, buddhistische und hinduistische Tempel – aber auch Sekten, Hexen, Splittergrüppchen sucht er auf, von den Zeugen Jehovas bis Osho, von der Heilsarmee bis zu den Piusbrüdern, Naiv und neugierig befragt er die Menschen, die er dort trifft: Was macht und glaubt ihr?

Es entspinnen sich außergewöhnliche Gespräche ohne Häme und Ironie: Böss schildert die Atmosphäre der Begegnungen so detailverliebt und sachlich, dass sie inhaltsreich, unterhaltsam und humorvoll sind. Auch in der Region der EKBO liegen viele Ziele, und was für welche! Böss besucht die Berliner Scientology „Kirche“, köstlich der Dialog mit der Pressesprecherin und die Schilderung einer „Sonntagsandacht“.

Dann fährt Böss in die Provinz: In Templin besucht er „Bruder Spaghettus“, Oberhaupt der „Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters“. Böss ist enttäuscht: „Diese Satirereligion hat mit Satire eigentlich nichts zu tun.“ Und er fährt zurück nach Berlin: Hier trifft er den einzigen „Realisten“ Berlins, einen Ex-Muslim und Anhänger einer Ufo-Religion. Seriöser wird es beim Besuch des Berliner Bahai-Büros. „Hier ist das Licht!“, steht verheißungsvoll an der Hauswand – der Slogan entpuppt sich dann aber doch als Werbung einer Lampenfirma, nicht der Bahai.

Und ab ins Auto aufs Land, diesmal in die „Friedensstadt Weißenberg“ bei Trebbin, ins Zentrum der „Johannischen Kirhe“, die 1926 von dem Berliner Kirchenreformer Joseph Weißenberg gegründet wurde. Beim Passionsspiel sitzt Böss hinter der verehrten Enkelin des Kirchengründers und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wer etwas über Religion wissen will: Kein Lexikon kaufen sondern mit Gideon Böss auf Reisen gehen – oder, noch besser: Selbst auf Reisen gehen und Fragen stellen.

Gideon Böss: Deutschland, deine Götter. Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern. Tropen Verlag / Klett-Cotta Stuttgart 2016, 398 Seiten, 19,95 Euro

Herfried Münkler – Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa

Herfried Münkler – Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa

Schwieriges verständlich zu erklären, zudem den eigenen Standpunkt nicht zu verhehlen – diese Fähigkeit hat der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Deshalb ist er gefragter Gast in Polit-Talkshows. Harald Lesch erklärt uns die Naturwissenschaften, Anne-Marlene Henning den Sex – und Herfried Münkler die Politik.

Er sitzt einfach da und erzählt, wie der Wust an Nachrichten zu ordnen ist. Das tut er gelehrt und geduldig. Auch schriftlich gelingt ihm das. Nun hat er über Europa geschrieben, jenes Gebilde, das derzeit bei vielen Abwehr und Gähnen auslöst. Brexit und Grexit, Gurkenkrümmungsverordnungen und Flüchtlingsaufnahmequoten. Finanzkrise und Korruption: Geht es um Europa, stehen sofort viele Themen im Raum. An denen geht Herfried Münkler vorbei. Seine Frage ist grundsätzlicher: „Wie kann Europa zusammengehalten werden und welche Aufgabe kommt dabei Deutschland als der Macht der Mitte zu?“

Von dieser Rolle können wir uns nicht befreien, also kommt es darauf an, sie konstruktiv und zum Wohle Europas zu füllen. „Mitte“ klingt kuschelig irgendwie, ist es aber gar nicht, meint Münkler: Deutschland „muss permanente Anstrengungen unternehmen, um den politischen und wirtschaftlichen Raum, dessen Mitte es ist, in der Balance zu halten und dem Einwandern von Krisen aus der Peripherie entgegenzuwirken.“

Angesichts des Erstarkens rechtspopulistischer Kräfte werde diese Aufgabe zukünftig noch größer und bedeutsamer. Deutschland habe die Rolle, „Ausgleicher und Balancier“ zu spielen. Unter den verschiedenen Arten der Macht müsse Deutschland die kulturelle Macht stärken, wünscht sich Münkler. Ja, auch die Beteiligung an militärischen Interventionen sei nötig, etwa wenn es darum gehe, Bürgerkriege oder Vertreibungen zu verhindern. Aber: „Die Macht in der Mitte verfolgt ihre Interessen am besten, wenn sie als Friedensmacht handelt. Ob die Umstände ihr das erlauben, steht freilich auf einem anderen Blatt.“

Herfried Münkler: Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa. edition Körberstiftung, Hamburg 2015, 208 Seiten, 18 Euro

Johann Hinrich Claussen – Reformation. Die 95 wichtigsten Fragen.

Johann Hinrich Claussen – Reformation. Die 95 wichtigsten Fragen.

Wie die heilige Zahl der Reformation lautet? Nicht 12 wie Jesu Jünger, sondern 95. Mit so vielen Thesen hat vor 500 Jahren Martin Luther dem damals herrschenden Ablasswesen die Stirn geboten. Also sind zum Reformationsgedenkjahr allerlei Bücher erschienen, deren Verlage die 95 in den Titel ihrer Publikationen hieven. Auch der C. H. Beck Verlag konnte dieser Versuchung nicht widerstehen. „Die 95 wichtigsten Fragen“ zur Reformation will ein kleines Büchlein stellen und beantworten.

Festzustellen, wie die lauten, überließ der Verlag einem klugen Kopf: Johann Hinrich Claussen war Hauptpastor in Hamburg, ist EKD-Kulturbeauftragter in Berlin und hat sich durch eine gute Schreibe und ungewöhnliche Thesen einen Namen gemacht. Was Claussen alles zur Reformation zusammengetragen hat, ist beachtlich. An den Standardfragen kommt auch er nicht vorbei, klar: „Was erlebte Luther im Turm?“ „War Calvin ein Tugend-Tyrann?“ „Warum haben sich Luther und Erasmus zerstritten?“

Immer wieder wechselt er aber von der Pflicht in die Kür. Dann kommen solche Fragen heraus wie: „Wer war der liebenswürdigste Katholik der Reformationszeit?“ (Antwort: Philipp Neri, der den sangesfreudigen Orden der Oratorianer gründete.) „Wie sollte man den Reformationstag feiern?“ (Zum Beispiel indem man Luther als „zerrissene Gestalt“ sieht, „in der das Licht des Evangeliums und gefährliches Denken eine widersprüchliche Einheit bilden“.) Oder: „Warum sollte man für Kaiser Karl V. Respekt und Mitleid empfinden?“ (Weil er als frommer Christ mit nahezu evangelischer Frömmigkeit und als kluger Staatsmann das Zerbrechen der Christenheit nicht verhindern konnte.) Bemerkenswert deutlich auch Claussens Antwort auf die Frage, ob Luther Antisemit war: „Ja. Luther hasste das Judentum und war Antisemit.“

Im Vorwort zu seinem Büchlein schreibt Claussen: „Langweilig wird es selten, wenn man sich mit der Geschichte der Reformation beschäftigt.“ Diese Verheißung löst er ein.

Johann Hinrich Claussen: Reformation. Die 95 wichtigsten Fragen. C. H. Beck Verlag München 2016. 176 Seiten, 10,95 Euro

theo. Katholisches Magazin.

theo. Katholisches Magazin.

„theo.“ Schlichter kann man eine Zeitschrift kaum nennen, die sich christlichen Themen widmet. „Katholisches Magazin“ steht im Untertitel, aber das ist nur halb wahr. Zwar ist die Zeitschrift im katholischen Milieu verwurzelt, doch arbeiten viele evangelische Kreative mit, auch aus Berlin. Sie sorgen dafür, dass „theo“ eine der wundervollsten Zeitschriften im christlichen Bereich geworden ist. Und das, obwohl „theo“ sich fast ganz aus eigenen Mitteln, das heißt mit Anzeigen, finanzieren muss.

Für die Mitarbeiter bedeutet das ein hohes Risiko und fordert viel Mut und Idealismus. Leserinnen und Leser können sich über das Ergebnis freuen: Hier kommen Stimmen zu Wort, denen die Freiheit des Wortes und die Unabhängigkeit mehr bedeuten als kirchliche Stromlinienförmigkeit. Hier kommen Grafiker zum Zuge, die Inhalte mit viel Liebe und Können in Aussehen umsetzen. Und hier ist eine Redaktion an der Arbeit, die in ihren thematischen Kompositionen der einzelnen Hefte mit viel Bedacht und Gespür für das am Glauben Wesentliche zur publizistischen Tat schreitet. Sie wahren die Tradition des christlichen Glaubens und zwar ganz unspektakulär und jenseits aller konfessionellen Grabenkämpfe.

Wäre das Wort Spiritualität nicht schon so abgegriffen – hier würde es passen. Wer in der Zeitschrift zu Wort kommt, schreibend oder erzählend dem geht es nicht um Gräben und Abgrenzungen, sondern um eine lebendige Auseinandersetzung mit Glaubensthemen und mit sich selbst. Die überzeugende Ästhetik der Hefte mit einer ganz eigenen Bildsprache verstärkt die Lust, „theo“ erst durchzublättern und im zweiten Schritt durchzulesen.

Theo. Katholisches Magazin. 64 Seiten, nur im Versand erhältlich. Einzelheft: 4,80 Euro, Jahresabonnement (5 Hefte): 27 Euro. Bestellbar über Telefon (06803)3910518 oder im Internet über www.theo-magazin.de

Alexander Garth – Warum ich kein Atheist bin

Alexander Garth – Warum ich kein Atheist bin

Warum ich kein Atheist bin? Ähm … und schon sieht man sich vor der Herausforderung, den eigenen Glauben zu beschreiben Was ja gar nicht so einfach ist, zumal wenn andere das verstehen sollen. Der aus dem evangelikalen Bereich stammende sächsische Pastor Alexander Garth hat seine ausführliche Antwort in Buchform gebracht. Der 58-Jährige war lange in Berlin für die Stadtmission und das Projekt „Junge Kirche Berlin“ tätig. In dieser und anderer Funktion war er in vielen Kirchen Gemeinden durch alle Genres hindurch zu erleben: it blonden Wuschelhaaren und oft mit der Gitarre um den Hals belebte er manchen Gottesdienst, auch in Gemeinden der EKBO.

Garth zeigt enorme kreative Schaffenskraft und sprengt kühn die Grenzen zwischen Volks und Freikirchen. Seit dem Frühjahr ist er Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, also der Urkirche des Protestantismus, und versucht, in der christenarmen Lutherstadt missionarische Projekte zu starten. Gleichzeitig bastelt er an einem Verkündigungsformat im Social-Media-Bereich.

Seine Glaubensgrundgedanken hat er in diesem Buch dargelegt, das in gründlich überarbeiteter Fassung nun neu erschienen ist. „Die meisten christlichen Bücher zum Thema sind nach meinem Geschmack zu fromm, zu kirchlich oder zu theologisch“, schreibt Garth im Vorwort. In der Tat: Sein Buch mischt auf wohltuende Weise viele Impulse aus vielen evangelischen Traditionen. Mit zum Teil verblüffenden Erkenntnissen. Dass Fernsehpastor Jörg Zink ein berührendes Gebet zur Lebensübergabe an Jesus formuliert und veröffentlicht hat – hätten Sie das gewusst? Garths Darstellung des christlichen Glaubens ist so unterhaltsam wie überzeugend und wirft bei aller Offenheit Fragen auf, an denen man sich reiben kann und sollte – etwa die des Verhältnisses zu anderen Religionen. Egal, wie die Antworten ausfallen, diese Frage sollte sich jeder Christ mindestens einmal stellen: warum bin ich kein Atheist?

Alexander Garth: Warum ich kein Atheist bin. Glaube für Skeptiker. SCM-Verlag, Holzgerlingen 2015, 320 Seiten, 16,95 Euro

Hansjörg Hemminger – evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern

Hansjörg Hemminger – evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern

„Evangelikale“: Sind das nicht die, die sich selbst als wahre Christen betrachten? Die, die abfällig über sogenannte liberale Christen und über die Volkskirche reden in einer anstrengenden Mischung aus bibeltreu und konservativ, fundamentalistisch, rechthaberisch und superfromm? Pfingstler und Charismatiker zählen dazu, die „Evangelische Allianz“ und US-Fernsehprediger, ebenso Kreationisten und die sektiererischen „Zwölf Stämme“, oder? Sie beten in seltsamen Haltungen, reden viel von Jesus und der Bibel, noch mehr aber von dem, was sie verabscheuen: Homosexualität und Abtreibungen, Gender-Theorien und die historisch-kritische Methode der Bibelforschung!?

Ja, stimmt irgendwie. Und auch im Gebiet der EKBO sorgen Evangelikale für Wirbel, indem sie sich dem ernsthaften Dialog mit anders praktizierenden Christen verweigern. Jüngstes Beispiel sind Auseinandersetzungen um den sogenannten „Marsch für das Leben“ in Berlin, bei dem Evangelikale mit wenig Gespür für seelsorgerliche Wirklichkeit Menschen abkanzeln, die vermeintlich sündhafte Lebensentscheidungen getroffen haben. Trotzdem: Was die Evangelikalen wirklich ausmacht, lässt sich schwer benennen.

Als inzwischen ruheständiger kirchlicher Weltanschauungsbeauftragter beschäftigt sich Hansjörg Hemminger seit Jahrzenten mit dem Phänomen evangelikaler Gruppen. Seine Erfahrungen hat er nun auf sehr erhellende Weise in Buchform dargelegt. Mit großer Gelassenheit, viel Kenntnis der Szene und analytischer Schärfe beschreibt er, wie Evangelikale in Deutschland agieren, was sie glauben und warum sie so penetrant selbstkritiklos sind. Ein witziger Kniff: Hemminger lässt einen fiktiven Wissenschaftler den „Stamm der Evangelikalen“ besuche. Der Forscher ist ziemlich verwirrt und versucht, seine Erkenntnisse dann zusammenzufassen.

Hemmingers Buch ist wichtig und könnte das Gespräch zwischen verhärteten Fronten in Gang bringen. Dass ein Verlag aus dem evangelikalen Bereich es herausgebracht hat, ist ein hoffnungsvolles Zeichen.

Hansjörg Hemminger: evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern. Brunnen Verlag, Gießen 2016. 240 Seiten, 15,00 Euro

 

Hanna Spiegel – „Gefesselte Kirche“. Facetten aus dem Leben des Bildhauers und Predigers Wilhelm Groß

Hanna Spiegel – „Gefesselte Kirche“. Facetten aus dem Leben des Bildhauers und Predigers Wilhelm Groß

Die wirklich interessanten Geschichten stammen nicht von Drehbuchautoren, sondern die schreibt das Leben. Zum Beispiel die des Bildhauers und Predigers Wilhelm Groß. Vielen sind seine Kunstwerke bekannt: der kniende Christus vor Gethsemane, der in der gleichnamigen Berliner Kirche steht; der Fischerbrunnen in Rügenwalde oder die Amos-Skulptur in Stralsund: Kunstwerke, die eine geheimnisvolle, geradezu mystische Kraft ausstrahlen.

Hanna Spiegel lebt in Oranienburg – dem Ort, in dem Groß 1974 starb; im hinterpommerschen Schlawe ging sie zur Schule, dort wurde Groß 1883 geboren. Diese Gemeinsamkeit brachte Hanna Spiegel dazu, in das Leben Wilhelm Groß‘ einzutauchen. Sie sammelte, recherchierte, sprach mit Zeitgenossen – und fügte schließlich alles zu einem Buch zusammen. Staunend lese ich, wie einflussreiche Förderinnen das künstlerische Talent des Jugendlichen entdecken; ich sehe, wie er im Berliner Zoo Tiere zeichnet und im Alter von 15 Jahren vom renommierten Künstlerbund einen Preis verliehen bekommt. Groß lebt drei Jahre lang in Florenz, lernt Ernst Barlach kennen, Max Liebermann fördert ihn. 1913, der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, hat Groß ein Bekehrungserlebnis. Fortan fühlt er sich von Gott berufen, den Glauben zu verkünden.

Biblische Figuren und Themen stehen von nun an im Mittelpunkt seines Werkes. Er heiratet, zieht 1919 in die Genossenschaft von Eden bei Oranienburg. 1933 stufen die Nazis seine Kunst als entartet ein, er wird mit Berufsverbot belegt – und schließt sich der Bekennenden Kirche an. Der Bruderrat ordiniert ihn 1945 offiziell zum „Prediger“. Groß blieb nach der Teilung Deutschlands in der DDR. Eine große, bleibende Anerkennung seines Werkes blieb auch nach seinem Tod aus.

Hanna Spiegel: „Gefesselte Kirche“. Facetten aus dem Leben des Bildhauers und Predigers Wilhelm Groß. Edition Pommern, Elmenhorst 2014. 98 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 12,95 Euro