Browsed by
Monat: August 2017

Christoph Markschies – Gottes Körper

Christoph Markschies – Gottes Körper

900 Seiten?! Wenn sich’s schnell wegliest – Thriller, Liebe, „Herr der Ringe“ – sind die vielleicht in einer Urlaubswoche zu schaffen. Nicht aber das gigantische Werk des Berliner Kirchenhistorikers Christoph Markschies. Seinem Faible für die Antike hat er bereits in mehreren Büchern Ausdruck verliehen; in Interviews schätze ich seine Kunst, sogar komplizierte theologische Gedankengänge in kürzester Zeit verständlich und oft zudem humorvoll zu formulieren.

„Es waren nicht die Doofsten, die glaubten, Gott ist Person“, sagte er im Deutschlandfunk zu seinem Buch „Gottes Körper. Jüdische, christliche und pagane Gottesvorstellungen in der Antike“ – und fasst damit im bewährten Markschies-Stil sein Anliegen zusammen. Seine Hauptfrage formuliert Markschies im Vorwort: Ob die Vorstellung eines körperlichen Gottes nur Kinderglaube und eine längst überwundene Sich sei oder ob „es auch in der Gegenwart gute Gründe dafür gibt, Gott körperlich zu denken“. Markschies geht es natürlich nicht darum, Bilder von Gott als altem Mann mit weißem Rauschebart zu verfechten. Gott hat keine menschliche Gestalt, aber wird doch von den drei abrahamitischen Religionen nicht körperlos, sondern als Person geschildert und geglaubt. Dies gelte es ernst zu nehmen, auch wenn die neuzeitliche Philosophie und Aufklärungstheologie einen transzendenten, körperlosen Gott beschreibe. „Wenn man alles Leibliche von Gott absondert: so ist Gott ein Nichts“, zitiert Markschies zustimmend den schwäbischen Pietisten Friedrich Christoph Oetinger. Mit der Vorstellung, dass Gott mehr als „reine Geistigkeit“ ist, provoziert Markschies. Wer sie verneint, hat es schwer, „gegen all die vielen körperfeindlichen, körperverachtenden Tendenzen zu agieren“.

Sechs Jahre arbeitete Markschies an seinem Buch, schreib hauptsächlich in Jerusalem, Princeton und Oxford. 900 Seiten. 1,2 Kilo. 5,5 Zentimeter Regalplatz. Dorthin stelle ich es nun quergelesen zurück und freue mich auf regnerische Herbstabende, an denen ich es mir zu Gemüte führen werde.

Christoph Markschies: Gottes Körper, Jüdische, christliche und pagane Gottesvorstellungen in der Antike. C.H. Beck Verlag, München 2015, 900 Seiten, 15 Abb., 48,00 Euro

Esther-Beate Körber – Wortfrühling

Esther-Beate Körber – Wortfrühling

„Öffentlichkeiten der Frühen Neuzeit: Teilnehmer, Formen, Institutionen und Entscheidungen öffentlicher Kommunikation“ – in ihrem Berufsleben an der Freien Universität Berlins hat die Geschichtsprofessorin Esther-Beate Körber interessante, aber doch eher trockene Themen zu beackern. Daneben hat sie sich eine literarische Nische gesucht, in der sie ihr lyrisches Talent ausleben kann. Die Gelehrte schreibt Gedichte.

„Wortfrühling“ heißt ihre neue Gedichtsammlung. Ein Knospenstrauch ziert das frischgrüne Cover, freundlich kreativ sieht es aus, und so lesen sich auch ihre vom christlichen Glauben durchdrungenen Poems. Mit feinen Worten und Sinn für die Tiefe des Glaubens buchstabiert Esther-Beate Körber Gott und das Leben durch. In wohltuend unspektakulärer Sprache malt sie Bilder, die auf tiefere Wahrheiten hinweisen. Ein Gedicht über das Abendmahl beginnt so: „Du nimmst Gott zu dir / Unter das Dach deines Mundes…“ In einem „Reformatorischen Choral“ schildert sie wie der Geist der alten Kirche „in uns … zerbrach“. Den Tod lässt sie sagen: „Dort warte ich wenn / Deine Träume zerschellt sind.“ Und zwischendurch lässt sie Raum für kluge Aphorismen: „Der Teufel hatte sich / in das Detail verliebt, / in dem er steckte.“

Die Gedichte sind floskelfrei und von Glaubenshoffnung durchdrungen; aus ihrem lebenserfahrenen Zweifel macht Esther-Beate Körber jedoch kein Geheimnis. „Für meine Schüler von morgen / Schreibe ich auf, was ich nicht weiß; / in welcher Zeit wir leben, / Krieg, Vorkrieg, Nachkrieg“. Sogar dem Gartenreich, den „Frühblühern“, ringt sie eine tiefere Bedeutung ab „Mild waren die letzten Tage. / Da treiben Forsythia, Hasel / und all die stillen Kämpfer / der Frühe ihre unzeitig / zählebigen Blüten.“ Eine interessante Autorin. Als Professorin schrieb sie einen Aufsatz über die „Zahlensymbolik in Kirchenliedern Paul Gerhardts“. Den werde ich mir besorgen.

Esther-Beate Körber: Wortfrühling. Gedichte. Echter Verlag Würzburg 2016, 120 Seiten, 12,80 Euro

Volker Wagner – Geschichte der Berliner Juden

Volker Wagner – Geschichte der Berliner Juden

Die Quizfrage der Woche: Was haben Rahel Varnhagen, Albert Einstein, Marcel Reich-Ranicki, Stefan Heym, Rolf Eden und Showmaster Hans Rosenthal gemeinsam? Dalli, Dalli Luftsprung – richtig wäre: Sie alle waren Juden und haben eine biografische Verbindung zu Berlin.

Ihre und die Lebensgeschichten insgesamt vierzig Berliner Jüdinnen und Juden beschreibt dieser prächtige Bildband. Der Historiker Volker Wagner hat ihn erdacht und geschrieben. Er präsentiert eine bewegende, interessante Kulturreise durch 800 Jahre: die Zeit seit der ersten Ansiedlung von Juden in Spandau bis zu den im Jahr 2015 erstmals seit 1933 in Berlin stattfindenden Europäischen Makkabi-Sportspielen. Warum sich so intensiv jüdisches Leben in Berlin konzentrierte?

Ein Grund dafür ist Wagner zufolge das weltweit ziemlich einzigartige Emanzipationsedikt von 1812, das alle in Preußen lebenden Juden zu Staatsbürgern erklärte. Zwischen 1812 und 1933 lag der Bevölkerungsanteil der Juden in Berlin zwar bei nur maximal fünf Prozent, aber die „Repräsentanten der jüdischen Welt – ungeachtet, ob sie gottesfürchtig und gläubig waren oder nicht – waren in allen gesellschaftlichen Gebieten erfolgreich“, schreibt Wagner. „Jüdische Unternehmer, Kaufhausmagnaten, Theater- und Filmleute, Professoren, Wissenschaftler, Maler und Künstler, Schriftsteller, Anwälte und Ärzte, Rabbiner und Lehrer prägten unverwechselbar das Gesicht der aufstrebenden Kaiserstadt und Weltmetropole Berlin. Mit dem Namen Adolf Hitler fand diese rasante Entwicklung ein jähes und katastrophales Ende.“

Wagners Wunsch: „Eingedenk der Verantwortung vor der gebrochenen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den bekannten verheerenden Folgen soll dieses Buch dazu einladen, in Frieden miteinander zu leben und zur Entwicklung der Stadt beizutragen, ungeachtet des Glaubens, den man hat.“ So sei es.

Volker Wagner: Geschichte der Berliner Juden. Elsengold Verlag Berlin 2016, 168 Seiten, 120 Abbildungen, 29,95 Euro

Titus Müller – Feuerland. Roman eines Aufstands

Titus Müller – Feuerland. Roman eines Aufstands

Feuerland? Nein, nicht das am Zipfel von Südamerika, da unten kurz vor der Antarktis, am Kap Hoorn. Feuerland wurde vor rund 150 Jahren ein Industrieviertel in Berlin genannt, weil hier die Schornsteine qualmten. Dort lebte – jedenfalls im aktuellen historischen Roman Titus Müllers – ein Mann namens Hannes Böhm. Er ist eine Art selbst ernannter Fremdenführer, verdient sich ein kleines Zubrot, indem er neugierigen Bürgern die Armut und die Not in den Hinterhäusern zeigt. Bei einer solchen Gelegenheit lernt er Alice kennen, die als Tochter des Kastellans im Berliner Stadtschloss wohnt, der Frühlingsresidenz des preußischen Königs. Alice ist schockiert über das Ausmaß der Verelendung – und zugleich tief beeindruckt von Hannes, der voller Ehrgeiz und Fantasie zu sein scheint.

Auf wenige Tage verdichtet stellt Erfolgsautor Titus Müller mit schriftstellerischem Geschick eine der wenigen Revolutionen in Deutschland dar, die nicht völlig scheiterten: den Märzaufstand 1848. Hauptperson Alice steht zwischen zwei Männern, es geht um Liebe und Politik, um Leidenschaft und Standeszugehörigkeit. Und dann gibt es noch den Polizeipräsidenten von Berlin, Julius von Minutoli, und den General Pfuehl, beide historisch reale Figuren.

Die Revolution bringt sie in Gewissensnot. Einerseits sind sie dem preußischen König verpflichtet, andererseits sympathisieren sie mit den neuen Ideen der Demokratie, der Presse- und Versammlungsfreiheit. Zwischen Schloss und Barrikaden: „Feuerland“ schildert eine Geschichte voller Liebe und Abenteuer, minutiös recherchiert, packend und atmosphärisch dicht erzählt. Genau das Richtige für den Sommerurlaub. Und für alle, die hinter die Fassade des Berliner Schlosses blicken wollen, bevor es in der Betonversion wiedereröffnet wird.

Titus Müller: Feuerland. Roman eines Aufstands. Blessing Verlag München 2015, 480 Seiten, 19,90 Euro

Harald Birck: Bilder von Luther

Harald Birck: Bilder von Luther

Wie Luther aussah? Wissen wir, Cranach sei Dank, auch ohne Fotografie. Und dann gibt’s ja auch noch das berühmte Denkmal von Johann Gottfried Schadow auf dem Wittenberger Marktplatz, unzählige Male kopiert. Künstler, die den Reformator mal ganz anders darstellen wollten, haben es schwer.

Harald Birck hat die Herausforderung angenommen. 2009 erhielt er einen ungewöhnlichen Auftrag: Das Wittenberger Luther-Hotel wollte eine zwei Meter hohe Lutherstatue aus seinem Atelier. Birck dachte nach. „Mein Luther sollte ein Mensch werden: leidend, kraftvoll, stolz, sinnlich, verletzlich, handelnd, hadernd… eben lebendigt.“

Ein Freund stand Birck Modell; im Dezember 2010 wurde die ungewöhnliche Bronzestatue ins Hotelfoyer gebracht, wo sie noch heute Gäste erstaunt. Denn sie wirft die herkömmlichen Klischees über den Reformator über den Haufen.

Nach Abgabe des Werkes ließ der Reformator Birck nicht los. Er formte weiter, zeichnete, fertigte Studien an. In Bircks Bildnissen klingen viele Facetten an, fremd wirkt der vertraute Luther, mal beängstigend, mal melancholisch. Gut, dass sie nun in einem Buch abgedruckt sind. „Bilder mit Luther“ heißt es, enthält aber auch viele Texte. Was Bilder und Beiträge eint: Sie alle versuchen Luther aus ungewohnter Perspektive zu zeigen. Auch aus der EKBO-Region haben Autor(inn)en etwas beigesteuert. Der Querdenker Bazon Brock, der in Berlin.Kreuzberg die „Denkerei“ betreibt. Er hat 2009 einen „experimentellen Tassenwurf“ auf der Wartburg gewagt. Peter Burkowski von der Führungsakademie für Kirche und Diakonie in Pankow schreibt, EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann, Diakonie-Präsident Ulrich Lilie und „Tagesspiegel“-Redakteur Harald Martenstein, der Luther als „geschickten Dramaturg seiner Biografie“ beschreibt.

Birck selbst übrigens arbeitet ebenfalls in Berlin – wenn er sich nicht gerade in seinen anderen Ateliers im französischen Marval und im nordfriesischen Fahretoft aufhält.

Harald Birk: Bilder von Luther, Andreas Pitz (Hg.). edition chrismon/EVA Leipzig 2016, 158 Seiten, 19,90 Euro

Kerstin Hack – Mut

Kerstin Hack – Mut

„‚Bist du mutig!‘, sagen mir häufig Menschen, wenn sie hören, dass ich einen Verlag gegründet und ein fast schrottreifes Schiff gekauft habe.“ Die Berlinerin Kerstin Hack ist eine ziemlich umtriebige Frau. Um ihre Visionen Wirklichkeit werden zu lassen, nimmt sie Risiken in Kauf und hofft auf Gottes Hilfe. Nun hat sie über das Mutigsein sinniert: Warum sind’s einige, während andere sich nicht so trauen? Und wie geht das überhaupt, mutig sein?

„Aus einem ängstlichen Häschen wird nicht über Nacht ein mutiger Löwe“, weiß Kerstin Hack und rät: „Lass dich inspirieren, aber setze dich bitte nicht selbst unter Druck.“ „Mut – Impulse für mehr Kühnheit“ hat sie ihr kleines Heft zum Thema betitelt. Das ist kurz und beachtlich stringent geschrieben – da ist kein Wort zu viel und kein Ratschlag kommt besserwisserisch daher. In sieben Kapiteln weist Kerstin hack einen Weg auf, den eigenen Mut zu entdecken, und wenn’s nur in kleinen Schritten ist. „Was ist Mut?“, fragt sie zunächst, dann denkt sie über „Mut und Emotionen“ nach. Sie sagt, welche Schritte nötig sind, um mutig etwas anzugehen: Das Risiko muss eingeschätzt, die eigenen Ressourcen realistisch gesehen werden. Es geht um langsames, beständiges Mutigwerden. „Mut kann tatsächlich wachsen, wenn man ihn gut pflegt“, meint Hack. Sinnvoll kann es sein, sich Vorbilder zu suchen. Das müssen gar nicht Vorbild-Promis wie Mandela und Mutter Teresa sein, nein, sie können auch aus dem eigenen Umfeld stammen.

Wichtig ist es, andere mit dem eigenen Mut zu stärken. Und zu wissen: Wenn’s nicht klappt, geht es nach dem Scheitern weiter. „Du brauchst dich nicht mit anderen zu vergleichen, sondern nur mit dir selbst. Vergleiche das, wo du jetzt stehst und wie du jetzt handelst, mit dem, wie es noch vor einer Weile war. Schon der Gedanke, mutig zu handeln, kann ein Wachstumsschritt gewesen sein – selbst wenn es nicht zur Ausführung kam.“

Kerstin Hack: Mut. Impulse für mehr Kühnheit. Impulsheft Nr. 89, Verlag Down to earth, Berlin 2016. 32 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 2,50 Euro