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Monat: September 2017

Christine Anlauff – Der Fall Garnisonkirche

Christine Anlauff – Der Fall Garnisonkirche

„Allen bedeutenden Taten wohnt ein magischer initialer Moment inne.“ Und alle guten Krimis beginnen mit einem Satz, der magisch ins Geschehen hineinzieht. Die Potsdamer Schriftstellerin Christine Anlauff weiß, wies funktioniert. Sie schreibt für Rundfunk und Zeitung, hat bereits mehrere Krimis veröffentlicht. „Killen und chillen“ heißt eine regelmäßige Veranstaltung, die sie mitmoderiert – und es könnte das Motto auch ihres neuesten Krimis sein.

Für den hat sie ein kirchenpolitisch heißes Thema gewählt: den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche. Die Story spielt im Sommer 2016. Ein Sprengstoffanschlag zerstört den bereits teilweise wiederaufgebauten Turm der Potsdamer Garnisonkirche. Dem Literaturkritiker und Blogger Justus Verloren läuft es eiskalt den Rücken hinunter: Wenige Tage zuvor ist ihm ein Manuskript zugespielt worden, das haarklein den Hergang des Anschlags schildert. Nur der Tote, den man unter den Trümmern gefunden hat, wird darin nicht erwähnt.

Unterstützt von seiner attraktiven Errungenschaft Magda geht Justus der Sache nach – und verstrickt sich in einem Geflecht von Hass, Eifersucht, Gier und Politik.

Besonderen Lesekick bietet der fiktive Blog, den Hauptperson Justus unterhält, und in dem sich unter skurrilen Decknamen allerlei Menschen tummeln, die was wissen könnten oder sogar mehr. Reizvoll ist es auch, wie die Autorin ihre Heimatstadt beschreibt, die Kneipen, Kinos und Stadtteile. Und für mich ganz persönlich die Nähe zum Protagonisten Justus, der wie ich regelmäßig Bücher rezensiert.

Kurzum: Dieser Krimi bietet vergnüglich-spannenden Lesegenuss, nicht nur für alle mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche Befassten. den Deutschen Katzenkrimipreis hat Christine Anlauff bereits erhalten. Gäbe es einen Kirchenkrimipreis, sie hätte ihn verdient.

Christine Anlauff: Der Fall Garnisonkirche. Ein Verloren-in-Potsdam-Krimi. Be.bra Verlag, Berlin 2015, 272 Seiten, 9,95 Euro

Thomas Mayer – Hier stehe ich… 30 Lebensbilder von Menschen mit Haltung

Thomas Mayer – Hier stehe ich… 30 Lebensbilder von Menschen mit Haltung

Arg überstrapaziert wird derzeit Luthers Satz, den er gar nicht so gesagt hat: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Sinnbild für eine Haltung, die weder von Mächtigen noch vor Autoritäten kuscht, sondern die – allein dem Gewissen verpflichtet – zu couragiertem Handeln führt. Wer so Stärkeren die Stirn bietet, gilt als stur im besten Sinne und irgendwie lutherisch – selbst dann, wenn ihm der Glaube fehlt.

Der Journalist Thomas Mayer, jahrelanger Chefreporter der „Leipziger Volkszeitung“, hat 30 Männer und Frauen gesprochen und porträtiert, die seiner Meinung nach in dieser Haltung leben. Unterhaltsam beschreibt Mayer sehr unterschiedliche interessante Menschen; das Spektrum reicht von dem Schweizer Karikaturisten Tomi Ungerer über den Bergsteiger Reinhold Messner bis hin zum Menschenrechtsaktivisten Rupert Neudeck und der Holocaust-Überlebenden Ruth Klüger.

Auch nach Berlin ist Mayer gereist für sein Buch. Hier besuchte er den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und Liederpoeten Stephan Krawczyk und entlockte ihm lebensgeprüfte Weisheiten. Und er sprach mit Katrin Hattenhauer, die für ihre Standfestigkeit in DDR-Zeiten gelitten hat. Nachdem sie im Herbst 1989 in Leipzig ein Plakat mit der Aufschrift „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ entrollt hatte, nahm die Stasi sie in Haft, direkt vor der Nikolaikirche. Vier Wochen lang saß sie im Knast. Bis heute ist sie Bürgerrechtlerin; als unabhängige Künstlerin legt sie mit ihren eigenen Mitteln die Finger in die Wunden der Gesellschaft. Die Flüchtlingsproblematik beschäftigt sie, auch das Schicksal von in anderen Ländern inhaftierten Oppositionellen.

Es sind aber eher die Porträts der nicht so prominenten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die Mayers Buch lesenswert machen. Luthers berühmter Haltungssatz ist eine nachvollziehbare thematische Klammer, die die Lebensgeschichten zusammenhält.

Thomas Mayer: Hier stehe ich… 30 Lebensbilder von Menschen mit Haltung. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2016, 256 Seiten, 19,90 Euro

Barbe Maria Linke – Wege, die wir gingen

Barbe Maria Linke – Wege, die wir gingen

Erst seit wenigen Jahren lebe ich als Wessi in Ostdeutschland und komme aus dem Staunen nicht mehr raus über die vielen ganz anders geprägten Lebensgeschichten meiner neuen Nachbarn. Ja, es gibt „DDR-“ und „BRD-Biografien“. Und es ist außerordentlich interessant und erhellend, sie sich gegenseitig zu erzählen. Wie war das damals, wie habt ihr, wie haben wir gelebt, was war uns wichtig, was hat uns bewegt, was haben wir gedacht und gehofft, wie wirkte sich die gesellschaftliche Wirklichkeit auf das Alltagsleben aus?

Diesen Fragen geht auch die Autorin Barbe Maria Linke nach. Bis 1983 lebte die studierte Theologin in der DDR, mitbegründete die oppositionellen „Frauen für den Frieden“. In Westberlin arbeitete sie in der Klinikseelsorge und in der politischen Bildung. Die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit liegt ihr am Herzen. Also führte sie mit zwölf Frauen, jeweils sechs aus Ost- und Westdeutschland, ausführliche Interviews. Sie sprach mit ihnen über ihre Kindheit, Ausbildung, über Freundschaft und Liebe.

Die Frauen erzählten freimütig von ihrem Glauben und der Friedlichen Revolution, folgten dabei stets ihrer eigenen sinnstiftenden Wahrheit. In den Interviews beharrte Barbe Maria Linke auf wenigen vergleichbaren Momenten, etwa dem Mauerbau und der Maueröffnung als historisch einschneidenden Ereignissen, ansonsten ließ sie die Frauen ihr Leben frei erzählen. „Leben einsammeln wie die Bienen den Nektar“ wollte Autorin Linke – das ist ihr gelungen.

Auch Rita Süßmuth zeigt sich in ihrem Vorwort überrascht über die Individualität und Unterschiedlichkeit der Lebenswege, die sich hierbei offenbaren. „Obwohl ich es weiß, verblüffte mich erneut, wie unterschiedlich sich jedes Leben gestaltet. Hier Demokratie, dort Diktatur. Aber so einfach ist es nicht.“ Genau. Und wer nicht persönlich reden kann oder mag, der lese dieses Buch.

Barbe Maria Linke: Wege, die wir gingen. Zwölf Frauen aus Ost- und Westdeutschland geben Auskunft. Geest-Verlag, Vechta 2015, 550 Seiten, 16,80 Euro

Bettina de Cosnac – Yehudi Menuhin

Bettina de Cosnac – Yehudi Menuhin

„Jetzt weiß ich dass es einen Gott im Himmel gibt!“, entfuhr es Albert Einstein, nachdem er ein Konzert von Yehudi Menuhin erlebt hatte. Nicht nur mit seinem virtuosen Spiel faszinierte der weltbekannte Violinist Menschen auf der ganzen Welt. Sein Können setzte er für die Versöhnung ein, er „geigte entschlossen gegen Apartheid und Diktaturen“,  schreibt Bettina de Cosnac.

Aus Anlass von Menuhins 100. Geburtstag verfasste die aus Berlin stammende Journalistin ein kurzes, kluges, feinfühliges Porträt. Konsequent den Blick aufs Wesentliche gerichtet, zeichnet sie die wichtigsten Stationen seiner Biografie nach: Als Sohn weißrussisch-jüdischer Einwanderer kam er in New York zur Welt. Seine Eltern entdeckten sein Talent, sorgten für die besten Geigenlehrer, zogen nach Europa. Yehudi riss als Wunderkind das Publikum mit schwierigen Violinkonzerten zu Rührung und Beifall hin, spielte etwa mit den Berliner Philharmonikern.

Rasch tourte er um die ganze Welt. Von 1942 an dirigierte er zusätzlich. Musik heilt und tröstet, war er überzeugt. Die für Frieden und Verständigung Engagierten waren froh über Menuhins Unterstützung; einige Musikkenner kritisierten seinen intuitiv-romantischen Interpretationsstil, attestierten ihm allerdings große Musikalität.

Als Menuhin 1999 kurz vor seinem 83. Geburtstag starb, hinterließ er mehreren Organisationen seinen Namen, die sich nun in seinem Sinne weiter für Frieden und Toleranz engagieren – und junge Menschen ermutigen, ihr musikalisches Talent zu entwickeln, ganz im Sinne des Meisters: „Jeder Mensch sollte irgendwie schöpferisch sein, ohne Rücksicht auf die Qualität seines Schaffens.“ Wie die anderen, auch hier vorgestellten Hefte der Reihe „Weltveränderer“ eignet sich die Mini-Biografie für die Bildungsarbeit, auch für Kirchengemeinden und Jugendliche.

Bettina de Cosnac: Yehudi Menuhin. Einer, der für den Frieden musizierte. Verlag Down to earth, Berlin 2016, 32 Seiten, 2,80 Euro

Reinhard Dithmar – Lutherdenkmäler

Reinhard Dithmar – Lutherdenkmäler

2017 soll Luther vom Sockel geholt werden; statt als heldenhafter Heiliger soll er nun mit allen menschlichen wie theologischen Höhen und Tiefen gezeigt werden. Dazu ist es gut, die Sockel zu kennen, auf die ihn die evangelische Christenheit der letzten Jahrhunderte gestellt hat.

Reinhard Dithmar, emeritierter Professor für Literaturdidaktik an der feien Universität Berlin, hat sich viele Lutherdenkmäler angeschaut und zu Gemüte geführt. Sie seinen „Lesezeichen der Geschichte“, schreibt er im Vorwort – und dann beginnt seine beeindruckende Tour durchs deutsche Lutherland, schön geordnet nach Orten und Zeiten. Auch auf dem EKBO-Terrain hat Dithmar einige gefunden und beschreiben. In Berlin, natürlich, die Statue und Reliefs im Dom, außerdem eines auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof sowie vor der Marienkirche und an der Pankower Hoffnungskirche. Ein Engel trägt Luther auf seinen gewaltigen Flügeln vor der Moabiter Reformationskirche. In Babelsberg steht Luther, ebenso vor der jugendstiligen Fassade des Niedersorbischen Gymnasiums in Cottbus.

Je später die Lutherdenkmäler entstanden, umso ungewöhnlicher wurden sie. So blickt der Luther in Frankfurt (Oder) nicht festen Glaubens, sondern sorgenvoll gen Himmel und hält eine Hand suchend geöffnet. Interessant die Geschichte des Lutherdenkmals in der der Bekennenden Kirche nahestehenden Martin-Luther-Kirche in Berlin-Lichterfelde. Der barhäuptige Mönch presst die geöffnete Bibel mit seiner linken Hand fest an seine Brust; die rechte Hand weist nach oben, zwei Finger ragen wie Schwurfinger empor, drei sind zur Faust gekrümmt. Übrigens: Auch drei Berliner Denkmäler von Luthers Mitstreiter Philipp Melanchthon kommen vor. Dithmars Buch ist eine ungewöhnliche Kirchengeschichtliche Lesereise in die Tiefen der Lutherverehrung.

Reinhard Dithmar: Lutherdenkmäler. Wartburg-Verlag Weimar 2014, 192 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 17,50 Euro

Reinhard Dithmar (Hg.) – Luthers Briefe an Katharina

Reinhard Dithmar (Hg.) – Luthers Briefe an Katharina

„Mei Herzliebchen“ nannte Martin Luther seine Katharina, „meine Herrin“. Die Ehe zwischen Martin Luther und Katharina von Bora war etwas Besonderes. Sie begann nicht romantisch, entwickelte sich aber zu einer bemerkenswert beglückenden, liebe- und lustvollen Lebensbeziehung. Schon über dem Anfang liegt ein Zauber: Da hatten Katharina und elf andere Nonnen im Kloster Marienthron bei Grimma Luthers Schriften gelesen und waren fasziniert. Sie baten den Reformator um Hilfe und weckten dessen männlich-christliches Helferpathos: Von einem befreundeten Fuhrunternehmer ließ er die zwölf keuschen Frauen insgeheim nach Wittenberg bringen, eine ganz konkrete Umsetzung der Freiheit eines Christenmenschen. Dort half er, sie zu verkuppeln.

Die letzte, die ledig übrig blieb, war Katharina. Martin Luthers Favoritin Eva hatte sich in einen anderen verliebt, die Eltern des von Katharina Erwählten waren mit der aus armen Verhältnissen stammenden potentiellen Schwiegertochter nicht zufrieden. So blieben am Ende zwei Singles übrig: Martin, 41, und Katharina, 26. Die Hochzeit am 15. Juni 1525 traute sich Luther nicht öffentlich zu machen, er hatte Angst vor Häme. Martin und Katharina hielten zusammen, freuten sich an ihren Kindern, weinten gemeinsam, wenn eines starb. Und sie schreiben sich viele Briefe.

Trotz aller Macho-Sprüche, die Luther über „die Weiber“ abließ, hatte er großen Respekt vor Katharina, achtete sie als Verwalterin der gemeinsamen Güter und als Gesprächspartnerin. Leider sind Katharinas Briefe verloren; die Ehe der beiden lässt sich also nur bruchstückhaft rekonstruieren. Reinhard Dithmar hat alles, was gesichert ist über das Traumpaar der Reformation, sachlich zusammengetragen und die 21 erhaltenen Briefe Martins herausgesucht. Ein kleines, feines Büchlein, das schildert, wie es wirklich war, damals im Hause Luther.

Reinhard Dithmar (Hg.): Luthers Briefe an Katharina. Ludwigsfelder Verlagshaus 2015, 54 Seiten, 12,00 Euro

Dirk von Nayhauß – Ich lebe. Wofür es sich lohnt

Dirk von Nayhauß – Ich lebe. Wofür es sich lohnt

„Man tut und macht und lebt so vor sich hin – und vergisst dabei zu oft die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.“ Mit dieser Erfahrung im Hinterkopf klopft der Berliner Journalist Dirk von Nayhauß regelmäßig bei prominenten Zeitgenossen an die Tür und fragt sie, was sie denn wichtig und wesentlich im Leben finden. dabei entstehen oft außergewöhnlich intensive Gespräche, die in der Zeitschrift „chrismon“ eine Rubrik füllen: „Fragen an das Leben“.

So was liest sich weg – und landet meist im Altpapier. Deshalb ist es sinnvoll, einige der Texte in gekürzter Form nochmal als Buch zu veröffentlichen. Sehr herzige und berührende Liebeserklärungen an das Leben hat Nayhauß herausgesucht – von Menschen, die man irgendwie kennt, aber über die man eben doch nichts weiß. Nun kann ich mir Ben Becker vorstellen, wie er hibbelig am Gartentisch sitzt, eine Ameise beobachtet und denkt: „Mein Gott, ist das schön.“ Ich sehe Amelie Fried beim Schreiben weinen, „weil es so unglaublich ergreifend ist, was ich da gerade erzähle“. Ich freue mich mit dem Musiker Gentelman, der“ manchmal auch das Sinnlose sehr schön findet“. Ich trauere mit dem Liedermacher Klaus Hoffmann darüber, dass seine Mutter ihn, als er zehn Jahre alt war, nicht mit zur Beerdigung seines Vaters genommen hat – „sie hat mir dadurch die Möglichkeit genommen, seinen Tod zu begreifen“. Und ich freue mich mit Politikerin Marina Weisband, die als Kind als hässlich gehänselt wurde und seit sie für die Piratenpartei in den Medien ist, als „die schöne Piratin“ gilt – „Ich würde am liebsten eine Klasse gemobbter Außenseiter versammeln und ihnen klarmachen, wie relativ das alles ist, was sie durchmachen und dass sich das alles komplett ändern kann.“

„Wie eine Collage“ möchte Nayhauß das Buch sehen: „Jeder Gedanke steht für sich. Zugleich ergeben alle Aussagen zusammen ein Bild, das vielleicht einige Antworten gibt auf die Frage was das Leben lebenswert macht.“ Eine schöne Collage, auch wegen der Fotos.

Dirk von Nayhauß: Ich lebe. Wofür es sich lohnt, edition chrismon in der EVA, Leipzig 2016. 128 Seiten, zahlreiche Fotos, 12,90 Euro