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Monat: Oktober 2017

Basiswissen Judentum

Basiswissen Judentum

„Judentum“? Schnell verbinden sich da auch unter Christen Klischees und Halbwissen und ergeben ein in Diskussionen nicht belastbares Konglomerat von Vermutungen und Hypothesen. Ein neues Buch von drei in Berlin lebenden Autoren, allesamt dem liberalen Judentum zuzurechnen, bietet Interessierten fundierte Informationen.

688 Seiten „Basiswissen Judentum“: Viel Stoff für Basis, zugegeben. Doch wer einmal diese Buch aufschlägt, kommt aus dem Staunen nicht heraus und liest sich unwillkürlich fest. Wie feiern Juden den Schabbath? Was sind die dreizehn Ikkarim des Maimonides? Und was passiert während der „Drei finsteren Wochen“? Wie sieht das Judentum Homosexualität? Was lehrt der jüdische Feminismus? So viele Fragen – und so geduldige, verständliche und informative Antworten.

Auch der Aufbau des Buches überzeugt: Im ersten Teil wird die Lehre dargestellt, von der Frage „Wer ist Jude?“ bis zum Jüdischen Recht in der Moderne. Das zweite Kapitel beschreibt jüdisches Leben: Gebete, Rituale, Feste und Lebenskreis. Der dritte Abschnitt widmet sich der Ethik und beginnt mit der Goldenen Regel, um sich dann über Speise und Kleidungsvorschriften der Sexualethik zu nähern. Die Geschichte des Judentums vom Zion bis zum heutigen Judentum folgt, schließlich stellen die Autoren jüdische Projekte und Positionen im interreligiösen Gespräch vor.

Für diesen Dialog ist das Buch eine ideale Arbeitsgrundlage. Es wird zudem als Lehrbuch der jüdischen Religion von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz beim Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam empfohlen. Als „praktischen Leitfaden, der aus der jüdischen Binnenperspektive heraus Akzente setzt“, würdigt Landesrabbiner Henry G. Brandt das Buch. Es wird für viele Jahre Standardwerk sein.

Andreas Nachama, Walter Homolka, Hartmut Bomhoff: Basiswissen Judentum, Herder Verlag Freiburg/Brsg. 2015, 688 Seiten, 40,00Euro

Marcus Steinweg – Evidenzterror

Marcus Steinweg – Evidenzterror

„Ich denke, also bin ich.“ Diese philosophische Einsicht kann ich noch gerade verstehen. Der Zugang zu darüber hinausgehenden dialektischen Spitzfindigkeiten bleibt mir leider meist verschlossen, da genügt mir ein kräftig undurchdachtes „Ich bin, also glaube ich“.

Das Büchlein „Evidenzterror“ nahm ich folglich mit zwiespältigen Gefühlen zur Hand, doch der Titel klang dermaßen verlockend, dass ich es nicht liegen lassen konnte. Der in Berlin lebende Philosoph Marcus Steinweg durchdenkt darin die Wirklichkeit. 191 mal einsätzige, mal mehrseitige Denkereien hat er aufgeschrieben. Keine leichte Kost. Aber mit dem Mut zur Wissenslücke finden sich grandiose Sentenzen über Gott und die Welt, das Lachen und die Liebe.

Ich lerne, dass ein Dieb eigentlich Romantiker ist, schließlich gilt sein Begehren nur „einer Sache, als deren Substitut es fungiert“. Okay, das hilft nicht, mein gestohlenes Fahrrad zurückzubekommen, ist aber eine nette Erklärung. Auch schön, Woody Allen lässt grüßen: „Ich leugne nicht die Allmacht Gottes, ich bestreite seine Existenz.“ Überhaupt, Gott – oder besser der menschliche Gebrauch des Begriffes, beschäftigt Philosoph Steinweg viel: „Es ist bequemer, an einen toten Gott zu glauben als an gar keinen. Erste Lektion des Christentums: Gott ist tot, nun glaube an ihn.“ Zur fundamentalistischen Abart des christlichen Glaubens findet sich dieser Gedanke: „Nichts lässt das Subjekt fanatischer werden als ein denken, das seine Exzesse verneint.“

Folgenden Satz versuche ich auswendig zu lernen für Smalltalks unter Gelehrten: „Die andauernde Resurrektion diviner Imperialität und Autorität, Gottes Omnipräsenz, ist apodiktischer Beweis seiner Inexistenz.“ Geradezu lebenspraktisch wird Steinweg jedoch, wenn er sich der Liebe in männlicher und weiblicher Form widmet.

Marcus Steinweg: Evidenzterror. Reihe fröhliche Wissenschaft 071, Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015, 190 Seiten, 16,00 Euro

Rainer Dabrowski – verknackt, vergittert, vergessen

Rainer Dabrowski – verknackt, vergittert, vergessen

Eigentlich sollten Pfarrer die Menschen in ihre Kirche einladen. Rainer Dabrowski ist anders. „Ich hoffe, dass Sie meine Kirche in Tegel niemals kennenlernen müssen!“, schreibt er – und meint das keineswegs abweisend oder unhöflich. Dabrowskis Kirche steht im Gefängnis. Und freiwillig möchte da niemand hin.

Von 1990 bis 2014 war Dabrowski hier Pfarrer und lernte die Knastwelt kennen. Dieser Alltag hinter Gittern war eine Herausforderung der besonderen Art. Wo Akademiker Tür an Tür mit Drogenbossen leben, Kleinkriminelle neben Mördern, Deprimierte neben ewigen Stehaufmännchen. Eine Welt für sich, mit eigenen Gesetzen, Sehnsüchten und Zwängen Außer den Justizbeamten haben Pfarrer regelmäßigen Zutritt hinter die Mauern. Ein Gefängnispfarrer ist Seelsorger, Sexualtherapeut und Weihnachtsmann in einer Person, manchmal auch Vater und immer Zuhörer: für viele Häftlinge der einzige Mensch, mit dem sie über ihre Sorgen und Nöte sprechen können.

Rainer Dabrowski, gebürtiger Berliner, war nach Pfarrstellen in Glienicke und Berlin von 1990 bis 2014 Gefängnispfarrer in Deutschlands größtem geschlossenen Männervollzug in Berlin-Tegel. Viele der bewegenden Geschichten, die er dort erlebte und hörte, hat er in diesem Buch zusammengetragen: „verknackt, vergittert, vergessen“. Er erzählt von Menschen und Tragödien, die ihm in über 20 Jahren als „Himmelskomiker“ begegnet sind. Auch wie er gelernt hat, die Knastsprache zu verstehen und zu akzeptieren. Gelungen ist ihm mit diesem Buch ein schnörkelloses Bild heutigen Strafvollzugs jenseits aller Klischees und Vorurteile.

Am Ende fasst der Theologe seine Lebenserfahrung zusammen – und zu der gehört auch eine gehörige Portion Kirchenkritik. Viele der Pfarrer seien „alles andere als feurige Glaubenszeugen geworden. Wir giften uns untereinander eher an, als dass wir miteinander lachen, und nennen uns dabei noch Schwestern und Brüder“. „Seelsorge braucht Begeisterte“, ist Dabrowski überzeugt. Er scheint einer zu sein.

Rainer Dabrowski: verknackt, vergittert, vergessen. Ein Gefängnispfarrer erzählt, Gütersloher Verlagshaus 2015, 224 Seiten, 17,99 Euro

Ulrich Werner Grimm (Hg.) – Aufstörung tut not

Ulrich Werner Grimm (Hg.) – Aufstörung tut not

Christen und Juden – ist das Thema nicht längst durch? Nein, gar nicht. In den Gelehrtenstuben nicht – die wurden ja gerade durch den Streit erschüttert, in welcher Weise das „Alte“ Testament zur „christlichen“ Bibel gehört. Im Kirchenvolk nicht – noch immer ernten Pfarrer ungläubiges Staunen, wenn sie die so schlichte wie unumstößliche Wahrheit verkünden: „Jesus war und blieb Jude.“ Und in der derzeitigen aufgeregten gesellschaftlichen Lage auch nicht, in der der Zentralrat der Juden vor wachsendem Antisemitismus warnt.

Dialog zwischen Christen und Juden ist also weiterhin nötig. Die „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ ist eine wichtige und konstante Größe in diesem Dialog, in Berlin seit 1949. Ihr Wirken sei wichtig, weil „weiterhin radikale Aufstörung not tut“, sagte der einstige Regierende Bürgermeister Berlins, Pfarrer Heinrich Albertz. Aus seinem Satz ist der Titel des Sammelbandes geformt, der wichtige Texte aus der Geschichte des christlich-jüdischen Dialogs präsentiert.

Erwartbar kann nicht jeder Text einlösen, aufzustören; viele sachliche Vorurteilsentkräftungen sind zu finden, zwischendrin aber auch einige Phrasen, die sich Protagonisten anlässlich Gedenkfeiern einfallen ließen. Weise hat der Herausgeber Ulrich Werner Grimm die Texte alphabetisch angeordnet, das schafft unerwartete Querverbindungen; ein Witz beendet die Sammlung und zeigt, dass Humor manchmal die vielen Worte und Bekundungen toppen kann.

Besonderes Highlight: Ein Faksimile der Begründung, mit der Helmut Gollwitzer 1985 die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit „schmerzlich“ verließ – ihm missfiel, dass bei der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit ganz und gar unversöhnliche Politiker wie Franz-Josef Strauß zu Wort kamen.

Ulrich Werner Grimm (Hg.): Aufstörung tut not. Christen und Juden im Gespräch, Verlag Hentrich und Hentrich Berlin 2014, 256 Seiten, 10 Abb., 22,00 Euro

Juli Zeh – Unterleuten

Juli Zeh – Unterleuten

„In Unterleuten gab es keine Kanalisation, die Straßen besaßen keine Bürgersteige, und die Dorfbeleuchtung stammte noch aus der DDR.“ „Unterleuten“? Gibt’s in Wirklichkeit nicht, wohl aber als erdachtes Dorf tief in der brandenburgischen Provinz – da, wo die Ruinen von LPGs traurig alte Zeiten bezeugen, wo sich einige Städter kleine Ferienhäuser für ihre Zivilisationsfluchten errichtet haben, wo Einheimische und Aussteiger in Schicksalsgemeinschaft zusammengewürfelt leben.

Auf den ersten Blick ist Unterleuten ein verschlafenes Provinznest. Aber hinter den Fassaden und unter blaubedachten Eigenheimdächern lauern angestaute Enttäuschungen und Gefühle aus Jahrzehnten. Das vermeintliche ländliche Paradies wird langsam und absehbar zur Hölle. Schriftstellerin Juli Zeh schildert die Bewohner und ihre Marotten, nimmt sich viel Zeit, die alten Seilschaften aus der DDR-Zeit zu beschreiben, schildert die schrulligen Männer und Frauen gleichzeitig liebevoll und erschreckend. Mit Humor und Liebe zum Alltagsdetail beschreibt sie, wie die neu zugezogenen Berliner Aussteiger mit ihrer großstädtischen Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Jahrzehntelang waren alle Beziehungs-Altlasten in Unterleuten zwar unterdrückt, aber in Balance. Das ändert sich, als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will. Alte Streitigkeiten brechen auf, skurrile neue Konstellationen ergeben sich. Der nach wie vor schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern bricht auf, die Hölle zeigt sich vollends.

Das alles liest sich hochspannend wie ein Thriller. Unterleuten gibt es nicht, stimmt – aber irgendwie gibt es Unterleuten überall. Und die Fragen, die Juli Zeh mit ihrem Gesellschaftsroman stellt, brennen auch allerorten: Gibt es eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Wie kommt es, dass alle nur das Beste wollen und am Ende trotzdem Schreckliches Passiert?

Juli Zeh: Unterleuten. Roman, btb Verlag München 2016, 656 Seiten, 12,00 Euro

Deborah Feldmann – Unorthodox

Deborah Feldmann – Unorthodox

„Ich hatte immer einen starken Willen. Und ich wusste früh, ich würde dort irgendwann rauskommen.“ Deborah Feldmann wirkt wie eine ganz normale junge Frau. Im schwarzen Shirt und mit rotem Rock stellte sie auf der Probebühne des Berliner Ensembles ihre Lebensgeschichte und ihr Buch vor. Der Titel weist darauf hin, wo sie denn da rausgekommen ist: aus einer ultra-orthodoxen jüdisch-chassidischen Sekte, genannt die „Satmarer“.

Rund 120 000 Männer und Frauen leben nach strengsten jüdischen Regeln mitten in Brooklyn/New York. Ein Ghetto, in dem die Welt stehengeblieben zu sein scheint. Die Sekte wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Holocaust-Überlebenden gegründet; sie glauben unter anderem, dass die Verfolgung der Juden unter den Nazis eine Strafe Gottes für ihre Assimilation und für die Pläne zur Staatsgründung Israels war. Ziel der Satmarer ist es, durch vermeintlich gottgefällige Lebensweise eine neue Shoa zu verhindern.

Im eisigen Klima von Selbstverleugnung und Unfreiheit wuchs Deborah Feldmann auf. Doch sie fügte sich nicht willenlos dem System. Die strenge Unterwerfung unter die Regeln empfand sie als ungerecht, las heimlich verbotene Literatur und hinterfragte die Lebensweise ihrer Gemeinde. In ihrem Buch schildert sie ergreifend, wie es ihr als Heranwachsender erging: Wie sie zwangsverheiratet wurde und ihr Körper gegen die sexuelle Ausbeutung rebellierte. Allem Druck zum Trotz fand sie Mut und Kraft, sich den Fesseln der religiösen Extremisten zu entziehen und die Gemeinde zu verlassen.

Später schrieb sie sich Angst und Einsamkeit, Ekel und Wut vom Leibe. Entstanden ist ein gleichsam feinsinniges wie erschütterndes Dokument des Kampfes einer Frau um Selbstbestimmung. In New York stand das Buch auf den Bestsellerlisten. Die deutsche Ausgabe ist nicht nur ein literarisches, sondern auch ein wunderschönes bibliophiles Meisterwerk. Seit kurzem lebt Deborah Feldmann übrigens mit ihrem Sohn in Berlin – „eine Stadt der Ruhe und des Aufbruchs“, in der sie ohne Angst leben kann.

Deborah Feldmann: Unorthodox. Secession Verlag für Literatur, Zürich/Berlin 2016. 320 Seiten, 22,00 Euro

Orte der Reformation: Oberlausitz

Orte der Reformation: Oberlausitz

Martin Luther war nie in der Oberlausitz. Ich schon, aber nur in Herrnhut, der Heimat der Losungen und Adventssterne. Zittau und Bautzen, Görlitz und die wunderschönen weiten Landschaften und Wälder in der Grenzregion zu Polen und Tschechien – die sind mit bislang leider noch unbekannt. Ebenso die Kirchengeschichte dieser Region.

Meiner Wissenslücke hilft das neue Heft aus der Reihe „Orte der Reformation“ ab, das sich der Oberlausitz widmet. Klug, schön bebildert und unterhaltsam belehrt es mich: Obwohl Luther nicht dort war, hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte der Großteil der Bevölkerung für seine Ideen geöffnet. Nur die Zisterzienserinnenklöster St. Marienstern, St. Mareinthal, das Magdalenerinnenkloster Lauban sowie das Domstift Bautzen widersetzten sich der Reformation und konnten einen Teil ihrer Untertanen beim alten Glauben halten. Es entwickelte sich eine außergewöhnliche konfessionelle Vielfalt, in der neben Lutheranern und Katholiken zeitweilig auch mährische Brüder und Schwenkfelder Aufnahme fanden und in der es mit der bis heute bestehenden, weltweit aktiven Herrnhuter Brüdergemeine sogar zur Bildung einer evangelischen Freikirche kam, die ihre Wurzeln in der Reformation Martin Luthers hat.

Nach der Teilung der Oberlausitz 1815 folgte die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens der Lehre Luthers, während auf preußischer Seite lutherische und reformierte Traditionen in der unierten Kirche zusammengeschlossen wurden und heute in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vereint sind. Da hat die EKBO einen Schatz, der noch gar nicht gehoben ist. Und das, obwohl der Bautzener Dom eine Vorbildfunktion für die Ökumene haben könnte: Die Kirche wird seit dem Reformationszeitalter vorn beiden Konfessionen benutzt, eine der wenigen Simultankirchen Deutschlands. Ich schreibe ihn auf meine Reiseliste.

Orte der Reformation: Oberlausitz. Hrsg. vom Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig. 92 Seiten, viele Abbildungen, 9,90 Euro

Martin Rothe (Hg.) – Genug gejammert! Gedanken über die Zukunft der Kirche

Martin Rothe (Hg.) – Genug gejammert! Gedanken über die Zukunft der Kirche

„Kirchendepression“, diese Selbstdiagnose stellte sich der Journalist und Theologe Martin Rothe. Gründe dafür gibt es viele, allenthalben herrscht großes Jammern: über die hohe Zahl von Kirchenaustritten, über den kirchlichen Bürokratismus, über die Behäbigkeit der Volkskirche, über die abnehmende Zahl der Gottesdienstbesucher. Aber Jammern bringt nicht weiter. Was dann?

Mit dieser Frage hat Martin Rothe 22 interessante Persönlichkeiten, evangelisch wie katholisch, besucht und behelligt. Wie sieht die Zukunft der Kirche aus?, wollte er wissen und erhielt bedenkenswerte Antworten. Allen gemeinsam ist die Überzeugung: Ja, die Kirchen stecken in einem Schrumpfungsprozess. Aber: Nein, das bedeutet nicht, dass das Ende der Kirche bevorsteht, sondern lediglich einen Wandel; kein Kirchensterben, sondern einen Umbau. Auch die Berliner Gesprächspartnerinnen und -partner von Rothe bezeugen das. Zum Beispiel Georg Schubert und Barbara Schubert-Eugster von der Kommunität „Don Camillo“, die in Berlin das „Stadtkloster Segen“ im Prenzlauer Berg gegründet haben. Sie sind überzeugt: Geistliche Gemeinschaften sind ein notwendiges Gegenmodell zum weit verbreiteten Individualismus. Sie bieten in ihrem Kloster Spiritualität für Großstadtmenschen, zum Beispiel U-Bahn-Meditationen, Glaubenskurse und gregorianische Psalmen.

Petra Bahr, ehemalige EKD-Kulturbeauftragte und inzwischen in der Konrad-Adenauer-Stiftung tätig, bekennt: „Ich hab ein Herz für die vermeintlich Lauen, für die Unentschiedenen, die Zögerlichen. Über ihre heißen Herzen wissen wir ganz wenig.“ Ihrer Meinung nach überzeugt Menschen „eher die Art des Fragens, als saloppe Antworten“. Und Kirchenhistoriker Christoph Markschies erklärt, was wir heute von den „Urchristen lernen können“. Die Interviews sind erfrischend – und haben den Sammler Martin Rothe von seiner Kirchendepression kuriert. Das könnte auch den Leserinnen und Lesern geschehen.

Martin Rothe (Hg.): Genug gejammert! Gedanken über die Zukunft der Kirche, Plöger Medien Annweiler 2014, 176 Seiten, 14,80 Euro

Reinhard Dithmar und Volker Dithmar – Kursbuch Religion

Reinhard Dithmar und Volker Dithmar – Kursbuch Religion

Theologen stehen besonders in der Versuchung, die eigene Version des christlichen Glaubens mal aufzuschreiben – auf dass junge Menschen die Sache mit Gott verstehen: Wie das mit der Bibel und dem Glaubensbekenntnis ist, was das soll mit den Zehn Geboten und der Bergpredigt, worin die heilsame Kraft von Kirchenjahr und Sakramenten besteht.

Reinhard Dithmar, Luther-Experte und emeritierter Professor für Literaturdidaktik an der Freien Universität Berlin, und Volker Dithmar, Pfarrer in Hohen Neudorf-Stolpe, haben versucht, alles aus ihrer Sicht Wichtige in Buchform zu bringen, das „Kursbuch Religion für Schüler und Konfirmanden“. Gut gemeint. Inhaltlich auch gelungen, ein niveauvolles, dabei verständliches Kompendium für den Konfirmanden- und Religionsunterricht.

Junge Leute solle es ansprechen – aber ach: Dieser Wunsch ist so gut gemeint, wie merkwürdig wirklichkeitsfern. Gefühlte Lichtjahre liegen zwischen der Aufmachung und didaktischen Konzeption dieses Büchleins und dem Medienverhalten heutiger Jugendlicher. Die Bleiwüsten mit eingeklinkten Bildern laden nicht ein, sondern sehen nach Arbeit aus. Auf der dem Buch beigelegten CD finden sich die Bilder des Buches zum Ausdruck und zur Weiterverwendung – für Jugendliche in Referaten, für Lehrpersonal zur Erstellung von Unterrichtsmaterial. Schon mal was von Internet gehört?!?

Schade, dass das Buch so wenig ansprechend aussieht. Wer heute junge Menschen erreichen möchte, sollte deren Mediengewohnheiten akzeptieren, ob er sie mag oder nicht. Und dazu gehören Social Media, Instagram, Youtube. Oder, zumindest, eine ansprechende, moderne Grafik. Die Zielgruppe wird dieses Büchlein wohl nicht erreichen. Vielleicht aber Lehrende, denn sie erhalten einen fundierten, gerafften Zusammenblick über Glauben, Bibel und Kirche und können ihn in Gemeindesälen oder Klassenzimmern als Grundstock gut nutzen.

Reinhard Dithmar und Volker Dithmar: Kursbuch Religion für Schüler und Konfirmanden, Ludwigsfelder Verlagshaus 2015, 134 Seiten, mit CD-Rom, 16,00 Euro