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Monat: November 2017

Sabine Zinkernagel – 24 Rastplätzchen auf dem Weg zur Krippe

Sabine Zinkernagel – 24 Rastplätzchen auf dem Weg zur Krippe

Weißwasser nahe Görlitz, Juni 2015. Vielleicht haben einige Passanten irritiert geschnuppert: in die Oberlausitzer Sommerluft mengen sich Weihnachtsdüfte: Zimt, Kardamom, Vanille, Kakao. Sie entströmen der Küche des Pfarrhauses. Während ihr Mann mit freiem Oberkörper auf der Terrasse an der Predigt schreibt und ihr Sohn beim Kirschen Entsteinen schwitzt, backt die Pfarrfrau Weihnachtsplätzchen: Lebkuchen. Vanillekipferl. Zimtsterne. Das Wohnzimmer steht voller Weihnachtsdeko.

Was ist da los, Advent beginnt doch erst im Dezember?! Die Lösung: Sabine Zinkernagel arbeitet an ihrem Adventsbuch. Das muss im September fertig sein. Und um stimmungsvolle Fotos hinzukriegen, muss sie mitten im heißen Sommer auf Weihnachten umschalten. Also rührt sie, backt, probiert, drapiert und fotografiert. Und dann ist es da, ihr Buch: „24 Rast-Plätzchen auf dem Weg zur Krippe“ sind darin enthalten, kurze Geschichten rund ums Backen, die wohlige Erinnerungen an die Kindheit wecken.

Lebendig und wortgewandt erzählt die plätzchenliebende Pfarrfrau von ihrer Großmutter und anderen wichtigen Menschen in ihrem Leben. Ihre Back-Erinnerungen nimmt sie zum Anlass, über das Leben und den Glauben zu sinnieren. Da entpuppt sich die Pfarrfrau als Missionarin, die mit Worten genauso gut wie mit Backzutaten hantieren kann.

Munter kommt sie von Kokosmakronen auf den Wert der Tradition zu sprechen, zielsicher steuert sie von Vanillekipferl zu Gottes Liebe, am Heilig Abend zieht sie eine Linie von der Keks-Krippe zur tröstlichen Botschaft: „Gottes Arme stehen für jeden offen.“ Und als Zugabe gibt’s noch ihr Familienrezept: „Brünner Schokoladenkugeln“. Lecker.

Sabine Zinkernagel: 24 Rastplätzchen auf dem Weg zur Krippe. Neufeld-Verlag Schwarzenfeld 2015, zahlreiche Abbildungen, 9,90 Euro

Friederike Gräff – Warten. Erkundung eines ungeliebten Zustands

Friederike Gräff – Warten. Erkundung eines ungeliebten Zustands

Schade, bald, heißa, da ist Weihnachtstag, dann ist die Zeit erfüllt und das Warten hat ein Ende. Damit wird uns ein Zustand genommen, der das Leben ungemein bereichern kann. Das ist die spirituelle Erkenntnis frommer Menschen durch alle Zeiten und Religionen. Auch jenseits des Glaubens prägt das Warten das Leben.

Die Journalistin Friederike Gräff hat viele erhellende Zusammenhänge herausgefunden. Sie ergründet, was das Warten in uns auslöst, in dieser schnelllebigen Gegenwart, die die Vorzüge des Wartens aus den Augen verloren hat. Wer ihr Buch liest, kommt zu dem Schluss: Unsere Kultur legt es darauf an, das Warten zu vermeiden. Alles muss schneller gehen, das Warten wird als Last empfunden. Dabei hat es oft etwas Gutes: „Wer wartet, steigt aus dem schnellen Fluss des Gegebenen aus. Er verweigert sich dem Effizienzterror“, schreibt Gräff und freut sich ein bisschen darüber, dass das Warten einfach nicht abzuschaffen ist.

Höchstens für die sozial Privilegierten, die manchmal an den Warteschlangen des Volkes vorbeihuschen dürfen zu ihrem Premium-Schalter. Mit dem wartelosen Zustand entgeht den First-Class-Reisenden aber auch eine wichtige Erfahrung: „Das Warten konfrontiert uns mit uns selbst – das kann, muss aber nicht anstrengend sein.“ Gräff widmet sich aber nicht nur dem Alltagswarten. Das Warten auf die große Liebe erkundet sie im Gespräch mit einer Partnervermittlerin. Auch Trauern ist ein Zustand des Wartens – darauf, dass das Leben wieder seinen Gang geht, ohne den verlorenen Menschen.

Gefangene, die auf ihre Freilassung warten; Religiöse, die den Messias oder die Apokalypse herbeisehen; Asylbewerber, die auf den positiven Bewilligungbescheid hoffen; Sterbenskranke, die im Hospiz sinnvoll auf den Tag ihres Sterbens hinleben – in ihrem liebevoll ausgestatteten Buch beleuchtet Friederike Gräff viele Schattierungen ihres Themas. Gut zu lesen in den Wartesälen dieser Welt.

Friederike Gräff: Warten. Erkundung eines ungeliebten Zustands. Ch. Links Verlag Berlin 2015, 190 Seiten, 16,00 Euro

Ein Mann, ein Wort. Adventskalender für Väter

Ein Mann, ein Wort. Adventskalender für Väter

Ein Zelt im Schnee mit Schlitten und Lagerfeuer: Stimmt, zu einem Mütteradventskalender würde dieses Titelbild nicht passen. Und wir Väter sind ja tatsächlich etwas vernachlässigt. Während die Befindlichkeiten, Sorgen und Freuden der Mütter in der Öffentlichkeit bedacht werden, bleiben die Väter oft im Schatten – so wie Josef, der auf vielen Krippendarstellungen das Feuer entfachen oder gebückt hinter Maria stehen darf, während die „holde Magd“ sich im Lichte ihres Sohnes sonnt. Problem erkannt – und der dreifache Vater Stefan Weigand hat es gebannt, indem er den Vätern wenigstens einen Adventskalender gönnt. Er ermutigt Väter, frühmorgens, bevor der Familientrubel losgeht, einen Spaziergang zu machen; er hält eine Lobeshymne auf den Muskelkater, lädt zum Experiment „Ärgerstopp“ ein, nimmt statt Bibelzitaten gerne andere weise Sätze, zum Beispiel von Sting: „Be yourself – no matter, what they say.“ Weigand sinniert über die Unvermeidlichkeit des eigenen Todes, bekennt seine Liebe zum Plattenspieler, erkennt sich selbst im eigenen Kind und gibt zu, dass er eigentlich gar nicht genau sagen kann, was Weihnachten ist. Sympathisch und kreativ, dieser Vater – und mit großem Herzen für alle Väter, die sich nicht trauen, ihre Sehnsüchte zu verwirklichen. Und garantiert ohne Rezept und Bastelanleitung.

 

Stefan Weigand: Ein Mann, ein Wort. Adventskalender für Väter, Patmos-Verlag Ostfildern 2017

 

Denn wir haben Deutsch. Luthers Sprache aus dem Geist der Übersetzung

Denn wir haben Deutsch. Luthers Sprache aus dem Geist der Übersetzung

„Denn wir haben Deutsch“ – hä? Seltsamer Titel, was soll das bedeuten: Wollen da welche zum Deutschunterricht? Oder ist das Slang, so nach dem Motto, „Wir haben fertig?“ Nein,  der Buchtitel knüpft an eine Aussage Martin Luthers an, in der er seinen Übersetzungsgrundsatz beschreibt: „… denn ich habe deutsch, nicht lateinisch noch griechisch reden wollen“. Der Umsetzung seines Vorhabens haben wir die heutige Wortgewalt der deutschen Sprache zu verdanken.

Das Deutsch, das wir heute sprechen, wäre ohne Luthers Glaubens- und Übersetzungsleidenschaft an sprachlichen Möglichkeiten und Wörtern ärmer. Das behaupten übrigens nicht nur Theologen, die die Bedeutung des Reformators steigern wollen. Welche Tricks Luther verwendete, haben professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer herausgefunden, viele von ihnen stammen aus Berlin. „Die sinnliche Kraft von Luthers Sprache“ habe sie mitgerissen, schreiben sie im Vorwort. Das merkt man: Neugierig zerlegen sie Luthers Übersetzungen, vergleichen sie mit anderen, auch vorlutherischen deutschen Bibeln und der Bibelübertragung von Martin Buber und Franz Rosenzweig, und erkunden die Zusammenhänge.

Viele Beispiele bringen sie, etwa Psalm 23, an dessen deutscher Version Luther lange feilte, bis sie perfekt war. Interessant, wie er Substantive aneinanderreihte und Verben wohl platzierte; kühn und theologisch folgenreich, wie er den gefühlten Sinn der hebräischen oder griechischen Begriffe in deutsche Worte kleidete, die fortan das Glaubensverständnis prägten; genial, wie er manche biblischen Texte zu kleinen, leicht verstehbaren bisweilen sogar unterhaltsamen literarischen Kunstwerken formte. „Dafür können wir ihm dankbar sein“, meint Sibylle Lewitscharoff in ihrem einleitenden Beitrag, „und zwar nicht nur der schrumpfende Teil unserer Gesellschaft, der bis heute bibelhörig geblieben ist.“

Marie Luise Knott, Thomas Brovot, Ulrich Blumenbach (Hg.): Denn wir haben Deutsch. Luthers Sprache aus dem Geist der Übersetzung. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015, 334 Seiten, 24,90 Euro

25 Jahre Mauerfall. Berliner Unternehmer schreiben Geschichte

25 Jahre Mauerfall. Berliner Unternehmer schreiben Geschichte

Seit langem steht es in meinem Rezensionsregal, hat viel mit Berlin, aber so irgendwie gar nichts mit Kirche oder Glaube zu tun. Und dann blättere ich rein und komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Darüber, was für Visionen Menschen haben, wie sie die in die Tat umsetzen – und wie sie den kreativen Aufbruchsgeist Berlins nutzen, um auch noch Erfolg damit zu haben.

Zum Beispiel Olaf Höhn, er putschelt in den 1980er Jahren mit seinem Eiscafé in Spandau so vor sich hin, dann fällt die Mauer und er kann sich vor Kunden nicht retten. Als Klein-David bietet Höhn dem Langnese-Goliath die Stirn, inzwischen hat er eine Eisfabrik mit begrüntem Dach und Pelletheizung, stellt dort über 60 Sorten Eis her, selbstverständlich auch gluten- und lactosefrei. Oder Wolfgang M. Sacher, dessen kleiner Kurierdienst am 10. November 1989 in Windeseile Fotos vom Berliner Mauerfall zur „Times“ nach New York schaffen musste. Er erledigte den Job fristgerecht per Fahrradkurier, Motorrad und Concorde – und betreibt heute einen der größten Kurierdienste Deutschlands.

Die Wiedervereinigung setzte ungeahnte Kräfte frei, „Berlin ist immer quirlig und immer in Bewegung – so wie ich selbst“, freut sich Caterine von Fürstenberg-Dussmann und berichtet von den jährlich drei Millionen Besuchern des Kulturkaufhauses an der Friedrichstraße. Sara Nachama stellt sich vor, sie eröffnete 2003 in Charlottenburg das Touro-College, eine amerikanisch-jüdische Privathochschule, an der Studierende verschiedener Religionen, Nationalitäten und sozialer Herkunft lernen.

Kommunikationsprofis und Einzelhändler, Start-Up-Gründer und Künstler, sie alle beschreiben, wie Berlin ihnen Auftrieb gibt: „Ein Ort für Macher, wo Scheitern und Gewinnen gleichermaßen zelebriert werden“, meint Theaterintendantin Gabriele Streichhahn. Stimmt, mit Kirche hat dieses Buch nichts zu tun. Aber Kirchenverantwortliche könnten daraus lernen, wie auch sie sich vom Geist Berlins beflügeln lassen können.

25 Jahre Mauerfall. Berliner Unternehmer schreiben Geschichte. Verlag Elsengold, Berlin 2014, 64 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 9,95 Euro