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Monat: Dezember 2017

J. Andrew Kirk – Wahrheit im Angebot

J. Andrew Kirk – Wahrheit im Angebot

Ein frommer Christ tritt dafür ein, unreligiös zu werden. „Der erste Schritt, nach dem Bilde Jesu wirklich menschlich zu werden, besteht darin, die Religion zu verabschieden“, meint  J. Andrew Kirk. In seinem Buch begründet der mutige Theologe aus England, warum ein Christ so religionsfeindlich eingestellt sein kann – warum er es sogar sein sollte. Kirk unterrichtete an den renommierten „Selly Oak Colleges“, einer christlichen Vordenkerschule in der multikulturellen Vorzeigestadt Birmingham, an der auch Walter J. Hollenweger seine „interkulturelle Theologie“ entwickelte und praktizierte.

Umso erstaunlicher erscheint die Auffassung des dialogerprobten Kirk: Die Wahrheit ist ganz klar nur an einer Stelle zu entdecken und zu greifen – und zwar in der Person Jesu Christi. Und der Glaube an ihn sollte nicht viel mit Religion zu tun haben. Im Gegenteil: „Religion bewegt sich stets auf dem Rand der Klippe, die über den Abgrund des Götzendienstes ragt. Die Geschichte ist voll von Beispielen, bei denen Religionen und Sekten immer wieder ein falsches Bild von Gott gezeichnet haben, dem sie dann gefolgt sind.“

Nicht nur mit jeder Art von Religion geht Kirk hart ins Gericht. Auch den Pluralismus entlarvt er als Geisteshaltung, die gar nicht so tolerant ist, wie sie sich gibt. Schließlich erhebe sie die Prämisse der Gleichwertigkeit aller religiösen und ideologischen Gebäude zum Dogma.

Andrew Kirk: Wahrheit im Angebot. Religion als Droge und als Befreiung. Brunnen-Vlg., Gießen 1995, 223 Seiten, ISBN 3765510491

Abbas – „Glaube – Liebe – Hoffnung?“ Eine fotografische Reise in die Christenheit

Abbas – „Glaube – Liebe – Hoffnung?“ Eine fotografische Reise in die Christenheit

„Nachdem du nun den muslimischen Extremismus abgelichtet hast wäre es unverzeihlich, nicht mit anderen Religionen weiter zu machen”: Diesen Ratschlag seiner Freundin beherzigte der iranische Fotograf Abbas und zog aus, das Christentum kennen zu lernen. In Jerusalem und Serbien, Südkorea und auf Kuba, in den Vereinigten Staaten, Irland und zwölf weiteren Ländern entdeckte er die unterschiedlichsten Spielarten des Christentums. Mürrisch dreinblickende Mönche, die den Eingang zur Grabeskirche hüten. Schwarz gekleidete koptische Frauen, die ihre Kinder zu einem Pater mit Heilungskräften tragen. Erwachsene Gläubige, die im Meer vor Kapstadt ihre Taufe empfangen. Kinder, die in Ulster vor jener Mauer spielen, die das protestantische vom katholischen Wohnviertel trennt. Ein Christuskopf, eingebettet in die Dekoration eines spanischen Schuhgeschäfts. Ein vornehm gekleideter US-Amerikaner, der von einem Autodach herab predigt. Pilger in Lourdes, die Wasser aus der “heiligen” Quelle in eine Plastik-Maria füllen. Sudanesische Schüler der katholischen Mission, nach Stammestradition bemalt. Selbst dem christlich informierten Leser erscheinen die Fotos wie Momentaufnahmen aus einer fremden Glaubenswelt. Abbas gelingt es, mit großer Distanz Szenen des frommen Alltags darzustellen. Seine Schwarzweißbilder bieten eine Bestandsaufnahme des real existierenden Christentums, die dem Anliegen der kirchlichen Glaubenshüter entgegensteht. Denn hier sind keine frommen Beter durch ein Weichzeichner-Objektiv zu sehen. Auch sind die Fotos nicht Instrument zur Verkündigung der “frohen Botschaft”, sondern Spiegel der Wirklichkeit. Großformatig und in hervorragender Qualität gedruckt laden sie dazu ein, sich dem Christentum mit den Augen eines neutralen Beobachters zu nähern. Als Mitglied der renommierten Pariser Agentur Magnum gehört Abbas zu den weltweit angesehensten Fotografen. Diesem Ruf entspricht jede Aufnahme dieses Buches.

Abbas: „Glaube – Liebe – Hoffnung?“ Eine fotografische Reise in die Christenheit. Knesebeck Vlg., 2000, 327 Seiten, ISBN 3896600745 

Hanna Spiegel – Die Düne wandert. Facetten aus dem Leben und Werk der pommerschen Dichterin Gerda von Below

Hanna Spiegel – Die Düne wandert. Facetten aus dem Leben und Werk der pommerschen Dichterin Gerda von Below

Regelmäßig ein Päckchen aus der Redaktion: Bücher für meine Lese-Ecke. Der Zwang zum Lesen birgt die Chance, unbekannte literarische Welten zu entdecken. Zum Beispiel die der Dichterin Gerda von Below. Nie gehört, nie gelesen. Was für wunderschöne Worte sie gefunden hat für das Leben und den Tod, für den Glauben und die Natur, für die irdische und die letzte Heimat!

Und was für ein bewegtes Leben sie geführt hat: Als Tochter eines pommerschen Gutsbesitzers und dessen schriftstellerisch tätigen Frau wurde sie 1894 im Kreis Stolp geboren; ihre bildungsbeflissenen Eltern schickten sie zur Schule nach Weimar, dann studierte sie in Berlin Musik. Der ewige Kreislauf von Saat und Ernte, den sie aus Pommern kannte, wurde ihr zum Sinnbild für das Leben. Eine melancholische Ader, dazu übergroße Mutterliebe, Sehnsucht nach vergangenen Kindertagen und die große Lust, das alles kreativ in Worte zu fassen: Viele Gedichte Gerda von Belows sind berückende poetische Kunstwerke voller Tiefe und Weisheit.

Biografin Hanna Spiegel hat Gerda von Belows Leben unterhaltsam und nachvollziehbar aufgeschrieben. Sie teilt mit den Leserinnen und Lesern die Faszination an den Gedichten – und den Schock darüber, dass Gerda von Belows bisweilen allzu sehr wabernde religiös-mystische Seite sie anfällig für völkische Ideologie machte, sie gar „Weiheverse für den Führer“ verfasste. Den Nazis war die Dichterin dennoch zu sperrig, sie schlossen sie aus der „Reichsschrifttumskammer“ aus, nur mit Mühe konnte Gerda von Below sich über Wasser halten. Ihre letzte Textsammlung erschien 1943 unter dem martialischen Titel „Heimat des Bluts“ und wurde ein Bestseller. Nach dem Krieg zog sie sich zurück, arbeitete als Graphologin im Schwarzwald. Ihre geistliche Heimat fand sie bei den Rosenkreuzern. 1975 starb sie in Darmstadt. Was bleibt? Lesefreude und die Erkenntnis, dass allzu viel Naturmystik leicht auf Abwege führt.

Hanna Spiegel: Die Düne wandert. Facetten aus dem Leben und Werk der pommerschen Dichterin Gerda von Below. Edition Pommern, Elmenhorst 2015, 160 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 16,95 Euro

Georg Schwikart – Höher, höher!

Georg Schwikart – Höher, höher!

„Wer noch Knittelverse fabriziert / der hat keine Ahnung / vom Vakuum des Seins“. Kein Wunder also, dass Georg Schwikarts Gedichte feinsinnige und mehr Fragen aufwerfende denn Antwort gebende Momentaufnahmen der Wirklichkeit sind. Als frommer Mensch, Seelsorger, Trauerredner, Konvertit und seit einigen Jahren auch evangelischer Pfarrer kennt er die Abgründe des Menschen und diverse horror vacuis.  Auch den der lebensleeren Variante jenes Faches, das er studierte. Deshalb empfiehlt er aphoristisch einen „Schnellkurs Theologie“: „Ganz oben / ganz unten / ganz oben / Der Weg Jesu“. Und er widmet sich dem „Patient Protestantismus“: „Diagnose: / zu viel Martha / Therapie: mehr Maria.“ Schwikart nimmt seine Leser mit zu diversen Stationen seines Alltags: auf den Zahnarztstuhl, zum Vortrag in Berlin, an den Frühstückstisch und auf den Friedhof. Lyrische Alltagsexerzitien, die zeigen, dass sich das Heilige auch in unspektakulären Situationen zeigt. „Es ist ein Irrtum anzunehmen / Gott komme nicht vor / wenn von Gott nicht gesprochen wird“, sinniert Schwikart – und schiebt, lebens- und glaubenserfahren, die Pointe hinterher: „Das gilt auch umgekehrt.“ Gleich am Anfang seines Büchleins meint der Dichter: „In diesem Buch / stehen drei gute Gedichte / der Rest füllt nur die Seiten / damit das Bändchen / nicht zu schmal ist / wer suchet“. Das freilich ist ein wenig kokett. Ich habe mehr als drei gefunden. Und ahne, wie schwierig es ist, jenseits pastoraler, frommer oder sonstiger Floskeln in einfacher Sprache Wahrheiten zu formulieren. Zum Beispiel diese: „Ich sterbe also bin ich.“ Kein Knittelvers. Nirgends.

 

Georg Schwikart: höher, höher! Bewahrte Worte. Steyler Verlag, St. Augustin 2018, ISBN 978-3-8050-0632-3, 80 Seiten, € 9,80

www.schwikart.de

Hanna Buiting – Vom Warten, Wundern und Wenigeristmehr

Hanna Buiting – Vom Warten, Wundern und Wenigeristmehr

Texte statt Türchen? Alle Jahre wieder schwemmen viele Bücher mit 24 Texten auf den Markt. Dieses neue Buchgenre hat ein großes Problem. Zum einen müssen die Bücher so ansprechend sein, dass man sie gerne 24 Mal zur Hand nimmt. Zum anderen müssen sie zeigen, dass Lesen mindestens so reizvoll ist wie Schokolade naschen.

Die Berliner Autorin Hanna Buiting hat diese Herausforderung angenommen. „Willkommen! Im Advent. Schön, dass Du da bist.“ Buiting pirscht sich ziemlich direkt an die Leserinnen und Leser ihres Adventskalenderbuches heran. „Vom Warten, Wundern und Wenigerismehr“ – so der Titel – will sie ihnen 24 Tage lang erzählen, sie wünscht ihnen „eine lichtreiche Zeit“ und warnt: „Vorsicht, dieses Buch kann Spuren von Sternen enthalten.“

Das liest sich erfrischender als manch andere von christlicher Besinnung triefende Texte. Hanna Buiting kann sehr gut schreiben, mal locker flockig, mal besinnlich tröstlich. Manchmal habe sie das Gefühl: „Nicht ich finde die Worte, sondern die Worte finden mich“, schreibt sie auf ihrer Website (www.hannaburing.de). Auch sprudelt sie vor guten Ideen. Zum Beispiel die Geschichte von „Pippi Langstrumpf in der Krippe“. Oder „Joseph in der S-Bahn“. Auch Rezepte schenkt sie ihren Leserinnen und Lesern, „Spekulatius-Tiramisu“, klingt gut, werde ich ausprobieren.

Die Ratschläge, die sie gibt, sind oft originell („Tunke den Tag in Schokolade“. „Stell Dir vor, der Regen, der an Deine Fensterscheibe prasselt, klingt wie ein Applaus“). Ja, manchmal geht es ihr durch mit den Worten, auch am Heilig Abend: „Häng an WUNDE ein R. Und freu Dich über das WUNDER.“ Immer noch besser als altfromme Phrasen. Hanna Buiting ist 23 Jahre alt, dieses schön gestaltete Buch ist ihr erstes. Die Vorfreude steigt. Auch auf die kommenden Bücher dieser jungen Autorin.

Hanna Buiting: Vom Warten, Wundern und Wenigeristmehr. 24 mal Vorfreude im Advent. Neukirchener Verlag 2015, 8,95 Euro