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Monat: Januar 2018

Edin Løvås – Wölfe in Schafspelzen

Edin Løvås – Wölfe in Schafspelzen

Sie führen Gott, Bibel und Frieden allzeit im Munde – dabei geht es ihnen nur um die eigene Macht, die sie rücksichtslos durchzusetzen versuchen. Unter dieser Spezies „Machtmensch“ leiden auch Kirchengemeinden. Intrigen statt Offenheit, Führerprinzip statt Demokratie, Lautstärke statt Demut herrscht in Gruppen, in denen sie sich hochgearbeitet haben. Dem norwegischen Missionsprediger Edin Løvås ist es zu verdanken, dass das Phänomen der Machtmenschen erstmals sensibel und auf biblischem Hintergrund dargestellt wird. „Wölfe in Schafspelzen“ nannte der Missionar sein Buch. Vierzig Jahre seelsorgerliche Erfahrung stecken in den 80 Seiten. Das Titelbild zeigt betende Hände. Deren Schatten wirft das Gesicht eines Wolfes an die Wand.

Ein Sinnbild, wie es besser kaum zum Thema passen könnte. Denn im kirchlichen Bereich verstecken Machtmenschen ihr eigentliches Ziel hinter einer frommen Fassade. „Ein Machtmensch gebraucht die Bibel als Waffe gegen seine Mitmenschen, nicht für sie“, hat Løvås beobachtet. „In seiner Gruppe kann er die schönsten Abschnitte der Bibel dazu verwenden, eine Situation seelischer und geistlicher Grausamkeit herzustellen.“ Die Mitarbeiter merken das zunächst meist nicht. Sie sind beeindruckt von der Frömmigkeit und der vermeintlichen Bibelfestigkeit der Machtmenschen. Weil sie perfekte Taktiker sind, gehen Machtmenschen oft als Sieger aus Vorstandssitzungen und Gemeindeversammlungen heraus. Wer sich traut zu widersprechen, hat bald das Gefühl, „gegen Gott selbst zu rebellieren“. Das könne soweit gehen, dass „die Opfer ihre Gebete nicht mehr an Gott richten, sondern an den Menschen, der sie quält“. Der Machtmensch sei dann am Ziel seines Weges: Er steht im Mittelpunkt, genießt göttliche Autorität und kann sich gefügiger Menschen gewiss sein.

Edin Løvås ist Seelsorger, kein Ankläger. Seiner Meinung nach erliegen Machtmenschen einem Trieb. Ihm zu folgen, führt sie in „den schlimmsten aller Rauschzustände: den Macht-rausch“. Theologisch ausgedrückt, erkennt Løvås hier die Sünde der Selbstbegierde. Løvås pietistischer Hintergrund wird deutlich, wenn er in der Machtbesessenheit „dämonische Kräfte“ wirken sieht, die sogar aus ehemaligen Freunden Gegner entstehen lässt. Immer wieder führt er Texte aus dem Neuen Testament an, in denen Machtmenschen als „Überapostel“ oder „verführte Verführer“ geschildert werden. Zum Beispiel beim Evangelisten Matthäus, der sie so schildert: „All ihre Werke tun sie, um von den Leuten gesehen zu werden.“

Eigentlich geht es Løvås aber nicht um das Leiden der Machtmenschen, sondern um die Qualen der Opfer. Sie müssten erkennen, dass sie sich mit der Unterordnung „erneut unter das Joch der Sklaverei stellen“ (Galaterbrief 5,1). Da Machtmenschen nicht mit Argumenten beizukommen sei, könnte dann der einzige Ausweg sein, sich radikal von ihnen zu trennen. Auf jeden Fall solle die auf den ersten Blick undurchschaubare Taktik von Machtmenschen „enttarnt“ werden.

Starke Menschen könnten versuchen, sie in ihre Schranken zu verweisen. Statt zu kuschen, könnten sie Machtmenschen aus ihren Führungspositionen entfernen. Für schwache Menschen dagegen könnte der einzige Ausweg Flucht bedeuten.

Dass auch in Deutschland Machtmissbrauch innerhalb christlicher Gemeinden stattfindet, bestätigen die „Gemeindeberatungen“ der Kirchen. Selbst demokratische Kirchenverfassungen scheinen Gemeinden nicht unbedingt vor Machtmenschen zu schützen. Løvås‘ Buch könne dazu beitragen, „stumm gemachten Gemeindegliedern Mut zu geben, den Mund aufzumachen und die Dinge beim Namen zu nennen. Es ist keine christliche Tugend, sich unterdrücken zu lassen!“, meint der Münchner Pfarrer Andreas Ebert im Vorwort.

Edin Løvås: Wölfe in Schafspelzen. Machtmenschen in der Gemeinde. Bredow & Sohn, Joh. Verlag GmbH, 1997, 80 Seiten, ISBN: 3870673923

Micha Brumlik – Der Anti-Alt

Micha Brumlik – Der Anti-Alt

Ein Mann sieht rot: „Religionskitsch“, „Märchen“, „Lüge“ sind noch die harmloseren Wortgeschütze Micha Brumliks bei Lektüre der Jesus-Bücher Franz Alts („Frieden ist möglich. Die Politik der Bergpredigt“; „Liebe ist möglich. Die Bergpredigt im Atomzeitalter“; „Jesus – der erste neue Mann“). Letzteres Werk animiert den Heidelberger Religionspädagogen gar zu Vorwürfen, die, um im Bild zu bleiben, nur als verbale „cruise missiles“ bezeichnet werden können: Alt verbreite Antisemitismus und säe Angst und Hass.

Seine Kritik am Baden-Badener „Report“- Chef fasste Brumlik in einem Buch zusammen: „Der Anti-Alt“. Wider dessen „furchtbare Friedfertigkeit“ will er darin vorgehen. Das soft dreinlächelnde Konterfei Franz Alts auf dem Titel ist sicherlich nicht überinterpretiert, versteht man es als Abschreckung.

Auf den 124 Seiten des Pamphlets finden sich viel Polemik (keine billige, verspricht der Verlag), wenig Analyse und noch weniger sachliche Auseinandersetzung. Das widerspräche auch der Intention des Autors und des Verlages. Denn beide verstehen es als Beitrag zur in deutschen Landen leider wenig gepflegten Streitkultur.

Ein Pamphlet also: Polemik ist erlaubt, ja erwünscht. Ein literarische Form, deren Fehlen mitverantwortlich ist für die Langeweile, die auf dem theologischen Buchmarkt herrscht. Ernst Käsemanns „Ruf der Freiheit“, das gegen die Evangelikalen polemisierte, Gerhard Lohfink und Rudolf Peschs Anti-Drewermann-Buch – nur wenige Theologen trauen sich, gegen ihre Kollegen auch mit scharfen Worten zu argumentieren.

Intellektuelle Feindbilder erzeugen Leidenschaft – die merkt man jeder Seite in Brumliks Buch an. Lustvoll seziert er das Altsche „wilde Gemisch von Friedensbewegung, New Age-Psychologie, missverstandener Religionsphilosophie und politischer Agitation“; wortgewandt polemisiert er gegen das „Pappi-Gottes-Bild“ des 51-jährigen Christen; erbarmungslos steigt er in die Tiefen der Persönlichkeit des „christoiden Publizisten“ hinab, jenem „besinnungslosen Abziehbild von zwei Jahrtausenden Antisemitismus“.

Reduziert man Brumliks Pamphlet auf die Argumentation, bleibt wenig übrig, dabei viel Altbekanntes. Auf vier Ebenen kritisiert er Alts Bestseller-Trilogie: auf der ökonomischen, der geschlechtlichen, der theologischen und der psychologischen.

Die erste ist vergleichsweise harmlos und hergesucht. Wer einen reißerischen Titel wie „Anti-Alt“ herausgibt, sollte sich bedeckt halten mit Kritik gegen eine verkaufsorientierte rot-grüne Titelgestaltung, die mit ihrem „ökologischen touch“ alternative Käuferschichten der achtziger Jahre anziehen sollte.

Überzeugender wirkt das Kapitel „Alt und die bewegten Frauen“. Brumliks Vorwurf: Jesus verkomme zu einer Art „frühen Oswalt Kolle“, wodurch der Geschlechtsverkehr eine geradezu erlösende Wirkung erhalte. Eine These, die Brumlik belustigt, doch besorgt in die Zukunft kirchlicher Beratungsstellen sehen lässt: „Ein ganz neuer Formenkreis ekklesiogener Neurosen, hier die impotentia redemptionis, wäre zu studieren.“ Außerdem begebe sich Alt mit seiner Forderung nach einer nach-patriarchalistischen Theologie in gefährliche Nähe zur feministischen Theologie. Ohne die komplexen Debatten im Lager der feministischen Theologinnen zu reflektieren, übernehme er Gedanken der Religionslehrerin Christa Mulack, um seine eigenen Aussagen zu unterstützen. Diese „selbsternannte Radikalfeministin“ sei jedoch vollkommen indiskutabel, da sie für das Judentum keinerlei Sympathien hege, im Gegenteil: Judentum gelte ihr als „Inbegriff einer patriarchalischen Machtergreifung, einer welthistorischen Katastrophe, die endlich zum Nationalsozialismus und schließlich zur atomaren und ökologischen Katastrophe führte“.

Brumlik kommt zu seiner Kernthese, die ans Eingemachte geht: Alts Jesus-Trilogie, vor allem sein Buch vom „ersten neuen Mann“, sei „der erste antisemitische Bestseller seit 1945.“ Hier beginnt der stärkste Teil Brumliks Buches, das Pamphlet beginnt sich einer sachliche Auseinandersetzung zu nähern.

Denn tatsächlich finden sich in den Büchern des „Reporters“ unterschwellig antijudaistische Argumentationen. Immer wieder betont der theologische Laie Alt, Christus habe das Judentum, das jüdische Gottesbild, überwunden. Brumlik hat bei seiner Kritik den Großteil der neutestamentlichen Wissenschaft auf seiner Seite: Jesus war ein besonders gesetzestreuer Jude, wie nicht nur die Antithesen der Bergpredigt belegen. Zwar distanzierte er sich von einer vergesetzlichten pharisäischen Strömung – niemals jedoch setzte er das Gesetz, die Thora, außer Kraft. Mit der Definition des Judentums als unmenschliche, weil gesetzeshörige Autoritätsreligion, errichtet Alt ein Feindbild, auf dessen Hintergrund sein Jesus-Bild umso schillernder strahlt. Brumlik hat Recht, wenn er warnt, „dass der Geist des Judentums nicht mit seinen Verzerrungen gleichgesetzt werden darf.“ Mehr noch: Alt typisiert sein Zerrbild zu einer zu überwindenden „Männerethik“. In derselben Akte „Patriarchat“ legt Alt zu allem Überfluss kindermordende SS-Männer ab. Alts verhängnisvolle Assoziationskette: Pharisäismus = Patriarchat = Gewissenlosigkeit = Nazi-Schergen. Mit anderen Worten: Die Juden sind schuld am eigenen Unglück.

Micha Brumlik: Der Anti-Alt. Wider die furchtbare Friedfertigkeit. Eichhorn, Frankfurt a. M. 1991, 124 Seiten, ISBN 382180453X

Geiko Müller-Fahrenholz – Vergebung macht frei

Geiko Müller-Fahrenholz – Vergebung macht frei

Einige ökumenisch gesinnte Christen ärgern sich darüber, dass ausgerechnet der Begriff „Versöhnung“ für die großen Versammlungen im Rahmen des „Konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ ausgewählt wurde. Sie befürchten, dass Versöhnung missverstanden werden könnte als allzu billige Methode, Ungerechtigkeiten mit dem Mantel vorschneller Harmonie zu bedecken.

Geiko Müller-Fahrenholz‘ neues Buch räumt diese Bedenken aus und verleiht der Diskussion Tiefe. „Vergebung macht frei“ heißt es, im Untertitel verspricht der Autor „Vorschläge für eine Theologie der Versöhnung“. Die Vorsicht dieser Formulierung ist keine Koketterie.

Mit einer Geschichte von Simon Wiesenthal beginnt Müller-Fahrenholz sein essayistisches Buch. Wiesenthal beschreibt eine Begebenheit im Konzentrationslager Lemberg. Eines Tages wird dort ein Insasse an das Bett eines 21-jährigen SS-Mannes geholt, der im Sterben liegt und ihm als einem Juden seine Mordtaten an jüdischen Menschen beichtet. Wiesenthal lässt keinen Zweifel daran, dass das Geständnis des jungen Deutschen aufrichtig ist. Zwischen Abscheu und Mitleid hin- und hergerissen, verlässt der Jude das Zimmer des Sterbenden. Ein Wort der Vergebung bringt er nicht über die Lippen.

„Die Zumutung, die Wiesenthal in dieser Geschichte beschreibt, erreicht die Grenze des Erträglichen. Hätte der KZ-Insasse vergeben sollen? Wäre das ein Akt sinnvoller, wirklicher Vergebung gewesen? Oder sind Versöhnung und Vergebung übermenschliche Ansinnen, muss also die Bitte um Vergebung vor Auschwitz kapitulieren?“

Nein, meint Müller-Fahrenholz – und nähert sich der Thematik mit einem kräftigen Schuss Kirchenkritik. Die Kirche habe das Amt der Vergebung, das Bußsakrament, als Machtinstrument missbraucht. Weil sie Vergebung stets auf die reine Gottesbeziehung beschränkt habe, sei Vergebung aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeklammert worden. Und wenn Kirche doch Vergebung im politischen Bereich gefordert habe, sei es ihr mehr um die Entschuldigung der Täter als um Befreiung der Opfer gegangen.

Doch heute habe Kirche sowieso ihre Macht verloren, „praktischer Atheismus ist gegenwärtig“. „Sünde“ als allgemein anerkannte Kategorie gebe es nicht mehr. Aber „die Realität der Schuld kann niemand leugnen“. Müller-Fahrenholz entpuppt sich als progressiver Missionar, wenn er schreibt: „Ich bin der Auffassung, dass auch solche Menschen, die eine religiöse Prämisse ablehnen, die Kräfte finden können, die es ihnen ermöglichen, über das Verhängnis ihrer Schuldverflochtenheit hinauszugelangen“.

Um das zu erreichen, löst Müller-Fahrenholz den Begriff „Versöhnung“ ganz von der vermeintlichen kirchlichen Verfälschung. Mit psychologischen und ethischen Deutungen versucht er, zu beweisen: Wem an einem würdevollen Miteinander gelegen ist, der hat gar keine andere Wahl, als Vergebung zu leben. Wer Befreiung finden möchte, der muss den Weg der Vergebung einschlagen.

Der gehört zu den schwersten, denn er ist gepflastert von Schmerz und von Schuldeingeständnis. Und er kostet Mut. Denn es geht nicht um die Wiederherstellung alter Zustände oder um das Ende eines Konflikts. Nein, Vergebung führt in einen neuen Zustand, einen heileren als zuvor. Die Kraft, die Vergebung freisetzt, „lässt uns erfahren, wozu Humanität fähig ist“, schreibt Müller-Fahrenholz. „Dieses tiefste Fundament des Menschlichen können wir Großmut nennen, oder auch Güte oder Weisheit. Ich nenne es Gnade.“

Geiko Müller-Fahrenholz: Vergebung macht frei. Vorschläge für eine Theologie der Versöhnung. Lembeck, Frankfurt a. M. 1996, 171 Seiten, ISBN: 3874763129

Konrad Baumgartner (Hg.) – Für ein Sterben in Würde

Konrad Baumgartner (Hg.) – Für ein Sterben in Würde

Angesichts der „Umwälzungen im Gesundheitswesen, der Überlastung von Ärzten, Pflegenden und Angehörigen” bezeichnet der Regensburger Theologe Konrad Baumgartner die Diskussion um ein menschenwürdiges Sterben als „Herausforderung ohnegleichen”. Mit seinem Sammelband gibt ihr der Professor für Pastoraltheologie wegweisende Impulse.

Besonders hilfreich ist die fachübergreifende Herkunft der Autorinnen und Autoren – sie verleiht dem Buch die nötige praktische Dimension, die rein ethisch-theologischen Überlegungen fehlt. Seelsorger und Strahlentherapeuten, Moraltheologen und Hospizhelferinnen, Sozialpolitologen und Chefärzte kommen zu Wort und schildern aus ihrem Erfahrungshorizont die Problematik des Sterbens. Sie alle eint die Kritik an der derzeitigen Situation: die meisten Menschen enden in Kliniken, „nicht selten durch Medikamente ruhiggestellt, betäubt, alkoholisiert oder sogar in euphorische Stimmung versetzt. Die seelischen, sozialen und religiösen Interessen dieser Sterbenden werden oft kaum noch beachtet.”Mittlerweile, das belegt der Sammelband eindrücklich und ermutigend, kümmern sich weitab der medienwirksamen Öffentlichkeit immer mehr Menschen darum, dass Sterbende nicht der „Routine der Patientenversorgung” geopfert werden.

Die Autorinnen und Autoren zeigen Wege auf, die das Sterben in der eigenen Wohnung oder wenigstens kompetent begleitet von Angehörigen möglich machen. Trost und verständnisvolle Begleitung sind wichtiger als Vertröstung und angstvolles Verdrängen – diese Einsicht vermittelt das Buch Baumgartners und zieht daraus die Folgerung, dass eine nur leidverlängernde Apparatemedizin abzulehnen sei. Stattdessen fordern die Autorinnen und Autoren die Schaffung räumlicher Möglichkeiten für ein würdevolles Sterben in Krankenhäusern oder in Hospizeinrichtungen. Ausgiebig widmet sich das Buch der Begleitung sterbender Kinder. Baumgartners Sammelband zeigt in verständlicher Weise, dass der Tod für die Angehörigen nicht selten eine größere Belastung darstellt als für die Sterbenden. Der christliche Glaube könne allen Beteiligten helfen, das Sterben als einen lebenswichtigen Vorgang zu deuten und zu erleben.

Baumgartner, Konrad (Hg.): Für ein Sterben in Würde. Don Bosco, München 1997, 191 Seiten, ISBN 3769810600