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Monat: Februar 2018

Josef Danko (Hrsg.) – Der Teufel hat Angst vor fröhlichen Menschen

Josef Danko (Hrsg.) – Der Teufel hat Angst vor fröhlichen Menschen

Humor und Kirche? Ein Begriffspaar, das offenbar schlecht zusammenpasst. Wer Gottesdienste besucht, wird nicht selten von lähmender Ernsthaftigkeit übermannt, im Gemeindeleben geht es oft bierernst und höchstens unfreiwillig komisch zu. Die Tugend des Judentums: mit Humor auch die eigene Tradition aufs Korn zu nehmen – sie ist dem verfassten Christentum weitgehend abhandengekommen, zumal in Deutschland. Bereits im Mittelalter trieben miesepetrige und angsterfüllte Theologen den Christen das Lachen aus – diese Traditionen haben Nachwirkungen bis heute. Doch an der Christenbasis regt sich Widerstand: Unverbesserliche Witzesammler trotzen dem Ernsthaftigkeitsdogma. Zu ihnen gehört Josef Danko, Ordensmann der Aschaffenburger Salesianer. „Mit Drohungen und sauertöpfischer Miene war noch nie ein Blumentopf zu gewinnen”, erkannte der Priester und sammelte fortan unermüdlich Predigtwitze. 200 von ihnen hat er veröffentlicht – böse und schneidende, leichte und beflügelnde Witze und Anekdoten rund um Kanzel und Altar. Während sich mancher humorlose Prediger bei der Lektüre peinlich berührt fühlen dürfte, werden viele der Witze dem Gemeindevolk heilsame Lachtränen in die Augen treiben. Zum Beispiel der vom unter Schlaflosigkeit leidenden Prediger, der dem Psychiater auf die Frage „Reden Sie im Schlaf?” antwortet: „Nein, ich rede nur, wenn andere schlafen.” Oder der Witz vom Pfarrer, der die Kanzel erklimmt und seine Ansprache so beginnt: „Liebe Gemeinde, die Predigt fällt heute aus, denn ich habe euch was zu sagen.” Oder der vom kritischen Zuhörer, der seinem Pastor sagt: „Ich habe ihre Predigt gehört.” – „Meine letzte?” – „Hoffentlich!”

„Der Teufel hat Angst vor fröhlichen Menschen.” Diesen Ausspruch des Heiligen Don Bosco hat Danko sich als Titel und Motto seiner Sammlung ausgewählt. “Fröhlichkeit und Humor sind ernst zu nehmen”, bekennt der Sammler, „sie nehmen mancher ernsten Sache die Schärfe!” Danko wünscht sich mehr Humor und Witz, Anekdoten und Wortspiele in Predigten und Ansprachen – auf diese Weise würden die Zuhörer „merken, dass Predigt Frohbotschaft fürs Leben ist”. Mit seinem Buch gibt er bestes Anschauungsmaterial dafür.

Josef Danko (Hrsg.): Der Teufel hat Angst vor fröhlichen Menschen. Predigwitze. Echter, Würzburg 2000, 94 Seiten, ISBN 342902207X

Jürgen Fliege – Der Menschenflüsterer

Jürgen Fliege – Der Menschenflüsterer

Pferdeflüsterer Monthy Roberts dressiert Pferde, indem er mit Geduld statt mit der Peitsche auf sie zugeht. Talk-Pastor Jürgen Fliege versucht, diese Methode auf Menschen anzuwenden. Menschenflüsterei sei der Versuch, meint Fliege, „die Ideen des Monty Roberts und seiner Pferde auf den jesuanischen Umgang mit Menschen zu übertragen.” „Komm, fürchte dich nicht – ich gehe voran. Wenn du willst, kannst du mir folgen.” Mit diesen Worten beschreibt Fliege das Geschenk, das Pferde- wie Menschenflüsterer ihren Schützlingen geben können. Voraussetzung dafür, Menschen wirklich nahe zu kommen, sei Schutzlosigkeit. Und die führt Fliege in seinem autobiographischen Buch teilweise schonungslos vor. Was Tausende seiner Talkgäste bereits öffentlich getan haben – ihr Herz geöffnet, die persönlichsten Erlebnisse und Gedanken, Ängste und Freuden einem Millionenpublikum mitgeteilt – das macht nun Fliege selbst. Aus dem einfühlsamen Frager wird ein Befragter, aus dem sensibel im Hintergrund bleibenden Moderator wird ein Geschichtenerzähler. Fliege nimmt seine Leser mit in seine Kindheit, in seine Studienzeit, in sein Pfarrhaus und ins Fernsehstudio. Ergreifende Geschichten voller Wunder und Menschlichkeiten, voll von der „anderen Wirklichkeit”, um die es Fliege eigentlich geht. Der evangelische Pastor hat sie gesucht und erfahren – auf Intensivstationen und in Trommelworkshops, bei Wahrsagern und in der Natur, bei christlichen wie esoterischen Lehrern. Sich schutzlos der anderen Wirklichkeit zu öffnen, weitet den Horizont und ist unerlässliche Voraussetzung für ein erfülltes Leben – so ließe sich Flieges Botschaft zusammenfassen. Wer Flieges Geschichte kennt, weiß, dass der Abschiedsspruch seiner Nachmittags-Talkshow keine Floskel, sondern ein erfahrener Segen ist: „Passen Sie gut auf sich auf!”

Jürgen Fliege: Der Menschenflüsterer. Schutzlose Erinnerungen. Doemer/Knaur, 2002, 224 Seiten, ISBN 3426776294

Gilbert K. Chesterton – Orthodoxie

Gilbert K. Chesterton – Orthodoxie

Wie die Androhung eines Missionstraktates liest sich das Vorwort Gilbert K. Chestertons: „Zuerst ist von all den ebenso persönlichen wie aufrichtigen Überlegungen die Rede, die ich im stillen Kämmerlein anstellte, und dann wird berichtet, in welch großartiger Manier all mein Grübeln plötzlich von der christlichen Theologie befriedigt wurde.” Doch weit gefehlt: Was folgt, ist ein ebenso humor- wie niveauvoller Essay über Gott und die Welt, besser: über die Frage, weshalb ein Mensch eigentlich gar nicht anders kann als im strengen christlichen Glauben zu leben. Die Lust am Kombinieren auf theologischem Terrain, die Chesterton in den vielen Kriminalgeschichten um Pater Brown grandios vorgeführt hat, durchdringt auch sein Buch über die Orthodoxie. Seine Wortgeschosse sind intellektuelle Leckerbissen auf höchstem Niveau und zeugen von einer geistigen Streitlust, die bis heute nur wenige Literaten umtreibt. Dabei ist die Kernthese Chestertons nicht sonderlich originell: „die christliche Lehre in ihrem Kern” stelle „die beste Kraftquelle und Basis gesunder Moral” dar. Dass sich ein Denker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Modernismus Trend war und sich die römisch-katholische Kirche durch Unfehlbarkeits- und Mariendogmen von Philosophie und Wissenschaft zu trennen versuchte, offen zum Christentum in seiner strenggläubigen Spielart bekennt: darin besteht die eigentliche Provokation Chestertons, an der sich auch das Gros heutiger Kirchenkritiker die Zähne ausbeißen dürfte. Gnadenlos legt er den Finger in die Wunde des rationalen Fortschrittsdenkens: Der Verstand könne die Welt weder erklären noch retten; einzig der Glaube setze alle Kräfte frei, die zum persönlichen Seelenheil und zum Verstehen der Welt nötig seien. Grandios arbeitet Chesterton heraus, dass die „moderne Wissenschaft” mehr Tabus und Denkverbote aufstelle als die christliche Orthodoxie: „Katholische Lehre und Disziplin mögen Mauern sein; aber sie sind Mauern um einen Spielplatz.” Kein Wunder, dass Chesterton 1922 zur katholischen Kirche konvertierte – die ihm nach seinem Tod 1936 den Ehrentitel „Fidei Defensor” („Verteidiger des Glaubens”) verlieh.

Gilbert K. Chesterton: Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen. fe-medienvlg 2011, 304 Seiten, ISBN 978-3863570194, 9,95 Euro

Thomas Rahe – Höre Israel

Thomas Rahe – Höre Israel

Wie haben jüdische Gefangene im Schreckens-System der nationalsozialistischen Konzentrationslager ihren Glauben gelebt? Und wie haben sie das eigene Schicksal gedeutet? Diesen Fragen geht der Historiker Thomas Rahe nach. Die christliche Theologie, beklagt Rahe, habe die Herausforderung einer „Theologie nach Auschwitz” zwar benannt; gerecht werde sie ihr im ganzen jedoch noch nicht. Das liegt Rahe zufolge auch darin begründet, dass das historische Wissen über jüdische Religiosität in Konzentrationslagern bislang fehle. Diesem Mangel will er abhelfen – und tut es kompetent und sensibel. Als wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen hat er viele Quellen zusammengetragen, zusätzlich Überlebende des Holocaust in Interviews befragt. Auf diese Weise steuert Rahe einer „Akademisierung des Holocaust” entgegen, die nach Meinung ehemaliger KZ-Insassen das Leid beschreibe, systematisiere und kategorisiere und darüber die Überlebenden statt als Zeugen ernst zu nehmen zum „Rohmaterial” verdingliche. Behutsam verbindet und erklärt Rahe die Zeugenberichte; dabei verfällt er nicht der Versuchung, mit ihnen bloß seine eigenen Thesen zu untermauern. Authentisch und ungeschönt entstehen so eindrucksvolle Bilder des Lager-Lebens und -Sterbens vor den Augen des Lesers. Trotz aller schwer fassbaren Brutalität und Unterdrückung lebte ein Teil der jüdischen KZ-Häftlinge den Glauben – so weit wie möglich und entgegen allen SS-Vorschriften. Vor allem orthodoxe Juden aus Polen tauschten ins Lager geschmuggelte Gebetsriemen und -tücher aus; sie beteten, versuchten weiterhin, sich koscher zu ernähren und trotzten so den Versuchen der Nazis, die jüdische Glaubenspraxis vollends zu unterbinden. Nachts beteten sei bei Kerzenschein, feierten – insgeheim – jüdische Festtage. Sogar die Würde der Toten versuchten jüdische Gefangene zu wahren, indem sie noch in den Krematorien den Kaddisch, das jüdische Totengebet, sprachen. In der gläubigen Bewertung ihres Schicksals gingen die Meinungen der jüdischen Gefangenen auseinander. Eher Strenggläubige deuteten das Leid als Gottes Strafe für fehlenden Gottesgehorsam; ihr Schicksal stellten sie in eine Reihe mit früheren Judenverfolgungen. Andere verloren ihren Glauben gänzlich.

Thomas Rahe: Höre Israel. Jüdische Religiosität in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1999, 263 Seiten, ISBN: 3525013787