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Monat: März 2018

Giorgio Agamben – Pilatus und Jesus

Giorgio Agamben – Pilatus und Jesus

Kennen Sie die Pasolini-Verfilmung des Matthäus-Evangeliums? Dann sind Sie Giorgio Agamben schon mal begegnet. Der Philosophieprofessor spielt darin den Apostel Philippus. Agamben überspringt gerne mal Grenzen, stand mit Pasolini in Kontakt und mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, auch mit Martin Heidegger und Hanna Ahrendt. In Venedig und Verona lehrte Agamben, zeitweise auch in Düsseldorf und Köln. Fasziniert ist der inzwischen emeritierte Philosoph von der Bibel und von der Theologie. Nun hat er sich die Passionsgeschichte vorgenommen, genauer: die Begegnung von Jesus und Pontius Pilatus. Der Berliner Matthes & Seitz-Verlag hat Agambens verblüffende Einsichten auf Deutsch herausgebracht. Zwei elementare Prinzipien stehen sich in dem Konflikt gegenüber, meint Agamben: Geschichte trifft auf Unendlichkeit, Urteil auf Heil. „Mit spürbarer Lust verwirrt Agamben seine Leser, erinnert an eine kirchenväterliche Tradition, nach der nicht Pilatus, sondern Jesus auf dem Richterstuhl gesessen habe: „Es ist nicht einmal klar, wer eigentlich Gericht hält, der von der weltlichen Macht rechtmäßig eingesetzte Richter oder der Richter aus Hohn, der das Reich vertritt, das nicht von dieser Welt ist.“ Im Prozess laufe alles auf die Unterscheidung von Erlösung und Gerechtigkeit hinaus. „Die Welt in ihrer Vergänglichkeit will nicht Erlösung, sondern Gerechtigkeit.“ Agambens Fazit: „Als unrettbare urteilen die Geschöpfe über das Ewige – so lautet das Paradox, das Jesus zuletzt, als er vor Pilatus steht, das Wort entzieht. Hier ist das Kreuz, hier ist die Geschichte.“ Das klingt ziemlich dunkel – und bietet Stoff für viele Diskussionen.

Giorgio Agamben: Pilatus und Jesus. 64 S., Verlag Matthes und Seitz Berlin 2014, € 10,-

Georg Schwikat – Amen, Kuss und Zölibat

Georg Schwikat – Amen, Kuss und Zölibat

Sie wissen nicht, was eine „Kanzelschwalbe“ ist und auch beim „Pietistenstachel“, bei „Tabernakelwanzen“ und „Zölibatsverstärker“ versagt Ihr enzyklopädisches Wissen? Dann haben Sie Pech – denn nicht einmal theologische Standardlexika verzeichnen diese Begriffe. Glück dagegen hätten Sie, wenn Sie Georg Schwikarts Ultimatives Wörterbuch für Theologen und andere Unfromme in Ihrem Regal finden würden. Mal sarkastisch, mal liebevoll, immer aber augenzwinkernd erklärt der Theologe mehr oder weniger geläufige Begriffe aus dem real existierenden Christentum, der Kirche. Amtsinhabern mag der Atem stocken angesichts der Unverfrorenheit mancher Erklärungen – allen anderen dürften sie Lachtränen in die Augen treiben. Was das Lehramt ist? „Bezwinger des Heiligen Geistes.“ Ein Mikrophon? „Beschleuniger des Untergangs klerikaler Rhetorik.“ Ein Erzbischof? „Metallhaltiger Würdenträger.“ Kein Fettnäpfchen kirchlicher Mimositäten lässt Schwikart aus, gnadenlos und mit frecher Feder verleiht er floskelhaften Begriffen neuen Sinn. Sünde? „Altertümliche Bezeichnung für alles, was Spaß macht. Offizielle Haltung der Kirche: Sie ist dagegen.“ Tür: „Das einzige, was im Landeskirchenamt klappt.“ Zellteilung? „Vermehrungsmethode in gemischtgeschlechtlichen Klöstern.“

Georg Schwikat: Amen, Kuss und Zölibat. Das ultimative Wörterbuch für Theologen und andere Unfromme. Echter, Würzburg 2001, 445 Seiten, ISBN 3429022967

Josef Dvorak – Satanismus

Josef Dvorak – Satanismus

Ein katholischer Theologe zelebriert „Schwarze Messen“ und will das Phänomen Satanismus seriös verstehbar machen: Diesem Anspruch wird Josef Dvorak weitgehend gerecht. Trotz seiner eigenen Verflochtenheit in die Okkult-Szene hat sich Dvorak geistige Unabhängigkeit und Kritikfähigkeit bewahrt. Sein bereits 1989 erschienenes Buch gilt als Standardwerk für all jene, die hinter die sensationsheischenden Schlagzeilen blicken wollen.

In den Achtzigerjahren stand Dvorak selbst im Rampenlicht der Öffentlichkeit: Im österreichischen Burgenland und in Bremen zelebrierte er „Schwarze Messen“, die im Fernsehen übertragen wurden und für einigen Wirbel sorgten. Dabei rezitierte er auch den Altmeister der Okkult-Szene Aleister Crowley und dessen satanisches Motto: „Es gibt keine Gnade, es gibt keine Schuld – ‚Tu was du willst‘ ist das Gesetz!“ Ob Dvorak solche „Schwarzen Messen“ als religiösen Akt oder „nur“ als provozierende Aktions-Kunst verstand, bleibt auch nach der Lektüre seines Buches offen.

Leidenschaftlich sucht er nach Erklärungen für die Faszination des Satanismus. Verständlich führt er seine Leser durch das spannende Labyrinth verschiedener Satans-Kirchen und sexualmagischer Kultpraktiken, erklärt unvermutete Verbindungen – zum Beispiel die Einflüsse satanistischen Gedankenguts auf die Nazi-Führungsclique. Auch schildert er den Kontakt des späteren Scientology-Gründers L. Ron Hubbard zum Zirkel um den Satanisten-Guru Crowley. Überzeugend lässt er die Stellung der römisch-katholischen Kirche zum Teufelsglauben seit der frühen Christenheit Revue passieren.

Die Botschaft Dvoraks komprimiert: Weil die Kirche dem Teufel den Stempel des Bösen und der Sünde aufgedrückt hat, wurde den Menschen eine wichtige Möglichkeit zur psychischen Verarbeitung ihrer Lebenswirklichkeit genommen. Die Verdrängung des Teufels habe letztendlich zu geschichtlichen Katastrophen wie dem Nationalsozialismus geführt. Kriminelle Auswüchse der heutigen Satanisten-Szene – etwa rituelle Kindesopfer – seien Verirrungen, der ein verantwortlicher Satanismus, wie ihn Dvorak selbst praktiziert, entgegen steuern könne. Natürlich sind diese Thesen streitbar – bedenkenswert sind sie allemal. Durch die Fülle von Material gibt Dvorak seinen Lesern wichtige Argumente an die Hand und ermöglicht ihnen ein eigenes Urteil.

Josef Dvorak: Satanismus. Heyne, München 2000, 445 Seiten, ISBN 3453172582

Martin Steinhäuser – Homosexualität als Schöpfungserfahrung

Martin Steinhäuser – Homosexualität als Schöpfungserfahrung

Weil die Menschen Gott nicht erkennen und danken wollen, so schreibt der umtriebige alleinstehende Apostel Paulus an die römische Gemeinde, habe Gott ihnen Strafen auferlegt. Begierden und Unreinheit seien die Folgen dieser Sturköpfigkeit, Homosexualität sei eine von ihnen.

Seit dem Bestehen der Kirche wird Paulus immer wieder dazu benutzt, Homosexuelle aus der christlichen Gemeinschaft auszuschließen. Noch immer denken viele, vor allem konservative Christen so. Gleichzeitig versuchen immer mehr homosexuelle Männer und Frauen, ihre sexuelle Orientierung mit ihrem christlichen Glauben zu vereinbaren – vor sich selbst und vor der Gemeinde.

Vertreten sie ihre Anliegen offen, stehen Ihnen meist harte Auseinandersetzungen bevor. Denn kaum ein anderer Konflikt in der Kirche ist so gefühlsgeladen und spannungsreich wie der um das Verhältnis, das die Kirche zu Homosexuellen und zur Homosexualität entwickeln sollte. Den meist hitzigen Diskussionen fehlt oft die theologische Grundlage.

Die will der Leipziger Theologe Martin Steinhäuser mit einem knapp 500-seitigen Buch liefern. „Homosexualität als Schöpfungserfahrung” hat er seinen „Beitrag zur theologischen Urteilsbegründung” genannt. Der Titel provoziert Widerspruch.

Konservativ wie fundamentalistisch geprägte Christen werden Steinhäusers Ergebnisse als Affront gegen die Bibel werten. Denn größer könnte der Widerspruch gegen Paulus gar nicht ausfallen. Homosexualität sei nicht Widernatürlichkeit, meint Steinhäuser, sondern das Gegenteil: eine Schöpfungsform. Seine Hauptthese formuliert er so: „Die Verbindung von christlicher und homosexueller Identität kann durch eine schöpfungstheologische Reflexion der Lebenserfahrungen homosexueller Menschen aufgewiesen werden.”

Erfahrung kann nichts belegen – werden Kritiker unken und gar nicht ganz Unrecht damit haben. Als ahnte er die Einwände, sichert sich Steinhäuser ab. Dass Homosexuelle ihre Sexualität als schön oder schöpfungsgemäß empfinden, kann kein Beweis dafür sein, dass sie gottgewollt ist. Ebenso können aber auch vorgefertigte theologische Urteile das Thema verfehlen. Müssten sich Menschen starren sittlichen Gesetzen mit vermeintlich göttlicher Autorität unterwerfen, käme das einer Unbarmherzigkeit gleich.

Steinhäuser hat sich einen theologischen Weg aus diesem Dilemma gebahnt. Dabei musste er mehrere Hindernisse überwinden, Brocken der theologischen Tradition mit neuen Denkansätzen beiseiteschieben und aufpassen, auf dem mitunter glatten Boden theologischer Fachdiskussionen nicht auszurutschen.

Bezeichnend ist, wie Steinhäuser sein Buch aufbaut. Den traditionellen Dreischritt vermeidet er, der in etwa so lautet: „Was sagt die Bibel über Homosexualität? Wie können wir heute homosexuelle Christen von ihrer Sünde befreien? Was heißt das für das Handeln der Kirche?”

Martin Steinhäuser setzt genau andersherum an. Er hat die ersten 50 Seiten für Erfahrungen homosexueller Menschen reserviert – eine für ein theologisches Buch zwar unübliche, aber trotzdem sinnvolle Herangehensweise. „Schwule Lebenswirklichkeiten in Selbstzeugnissen” nennt er sein erstes Kapitel. Bewegende Schilderungen homosexueller Männer sind da zu lesen, sowohl beglückende wie bedrückende. Sie gewähren Einblicke in das Leben, die Gedanken, die Gefühle, die Sexualität – und den Glauben. Die Berichte helfen, homosexuelles Leben ungefiltert kennenzulernen. Von rüden Diskriminierungen erfährt der Leser, von unerwarteter Toleranz der Mitmenschen – und immer wieder von den Schwierigkeiten homosexueller Christen, in ihren Gemeinden akzeptiert zu werden.

Mit Erfahrungen zu beginnen, hat auch einen Grund in Steinhäusers eigenem Zugang zum Thema. Er outet sich als heterosexuell. Die zunächst universitäre, dann freundschaftliche Begegnung mit einem Kommilitonen machte ihn sensibel für die Problematik. Im Bild vom Eisberg beschreibt er sie. „Aktionsgruppen, Synoden, Kirchenleitungen und Akademiker ragen wie die Spitzen aus dem Wasser; der Eisberg selber, der sich aus der Divergenz menschlicher Erfahrungen mit Liebe und Sexualität konstituiert, bleibt verborgen.” Noch schwieriger wird Steinhäusers Meinung nach eine konstruktive Auseinandersetzung, da sich fast jede Frau und jeder Mann ein Urteil zum Thema Homosexualität aus der eigenen Lebenserfahrung aufbaut. Diese Mischung aus intimen Erfahrungen und ethischer Suche, aus moralischen Urteilen und persönlicher sexueller Orientierung macht den Eisberg so gefährlich. Sichtbar geworden ist er Steinhäuser zufolge überhaupt erst durch die Homosexuellen selbst: indem sie „ihre eigenen Biografien aus der Wasseroberfläche herausschieben und als Mittel einbringen, um gegen Tabuisierung, Verunglimpfung und Diskriminierung für Toleranz, Akzeptanz und Integration zu werben, fordern sie die gesellschaftliche Mehrheit zum diffizilen Vergleich der Lebenserfahrungen mit Liebe , Sexualität und Lebensform auf. Zugespitzt gesagt: Die Homosexualitätsdiskussion rührt das Wasser auf – oder sie wird nicht geführt.”

Nachdem Steinhäuser quasi den Eisberg der Erfahrungen aus dem Wasser gehoben hat, betrachtet er dessen Spitze: Bisherige Stellungnahmen evangelischer Landeskirchen nimmt er unter die Lupe, arbeitet Konsens- und Konfliktpunkte heraus. Humanwissenschaftliche Erklärungsversuche lässt er Revue passieren. Mit den geschilderten Erfahrungen Homosexueller im Hinterkopf wirken sie oft wirklichkeitsfremd – etwa wenn Homosexualität mit wissenschaftlichem Pathos als „Perversion evolutionärer Ziele” bezeichnet wird. Deutlich wird: Die Problemlage bleibt meist auf körperlich-geschlechtliche Aspekte beschränkt. Nur am Rande kommen der Alltag, der Beruf, das Wohnen, soziale, rechtliche und religiöse Aspekte zum Tragen. Mit der gleichen Akribie schildert Steinhäuser sodann „Beispiele der theologisch-ethischen Urteilsbildung” der Systematiker Helmut Thielicke, Hermann Ringeling, Christofer Frey und Hans-Georg Wiedemann.

In Abgrenzung zu ihnen versucht Steinhäuser seinen theologischen Neuansatz. Homosexuelle Orientierung sei bislang als Glaubensproblem vermittelt worden, kritisiert Steinhäuser – sie sei jedoch eine Schöpfungserfahrung, „die der Einzelne als eine Vorgabe des eigenen Lebens erfährt”. Da sich Homosexuelle durch ihren gesellschaftlichen Minderheitenstatus stets mit ihrem Glauben und ihrer gottgegebenen Sexualität auseinandersetzen müssen, leben sie in Anfechtung. Und die führe sie zu einer Schärfung des Gewissens. Auf diese Weise können homosexuelle Christen (bewusster meist als heterosexuelle!) „ihre Sexualität in den größeren Rahmen geschöpflicher Mitmenschlichkeit einordnen”. Homosexuelle hätten sogar Vorbildfunktion: Die christliche Gemeinschaft könne sich durch sie einüben in das „Vertrauen in die verborgene Präsenz unseres Schöpfers”. Konsequent ist daher Steinhäusers Wunsch, homosexuelle Christen mögen ein offenes Glaubensbekenntnis ablegen, für das er auch gleich den Wortlaut vorschlägt: „Ich glaube, dass meine Homosexualität Zeichen des schöpferischen Handelns Gottes ist. Sie ist mir als Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit und als Befähigung zur verantwortlichen Lebensgestaltung in der Nachfolge Jesu Christi aufgetragen. Ich will dieses Leben innerhalb der lebendigen Gemeinschaft der Kirche führen, in die ich mich einbringen und von der ich mich tragen, fördern und mahnen lassen möchte. Hier erlebe ich die erneuernde Wirksamkeit des Heiligen Geistes.”

Dass die Erfüllung dieser frommen Wünsche noch an der kirchlichen Wirklichkeit scheitert, weiß Steinhäuser. Ob seine Kritiker theologisch überzeugender argumentieren können, ist nach der Lektüre des Buches fraglich.

Martin Steinhäuser: Homosexualität als Schöpfungserfahrung. Ein Beitrag zur theologischen Urteilsbegründung. Quellverlag, Stuttgart 1998, 482 Seiten, ISBN 3791821415