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Monat: April 2018

Peter Godman & Jens Brandt (Mitarbeit) – Weltliteratur auf dem Index

Peter Godman & Jens Brandt (Mitarbeit) – Weltliteratur auf dem Index

Die katholische Kirche erklärte die Lehren berühmter Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler als Ketzerei, verb(r)annte deren Bücher und verurteilte die Autoren. Ein Akt himmelschreiender Ungerechtigkeit, unchristlicher Anmaßung und fortschrittsfeindlicher Einstellung. Der Tübinger Historiker Peter Godman gibt sich mit dieser einfachen Sicht jedoch nicht zufrieden, in der die Opfer und Täter – hier skrupellose Zensoren, dort unterjochte „Ketzer“ – feststehen. Als einer der ersten Wissenschaftler erforschte er 1998 das Geheimarchiv des Vatikans. Auf Grundlage dieser Studien kommt Godman zu einer Einschätzung, die klischeebeladenen Lesern den Atem stocken lässt. Jenseits des verbreiteten Betroffenheits-Jargons bezeichnet er die römische Zensur als eine „Tragikomödie“.

Der Versuch, die Wahrheit mit Macht zu unterdrücken, soll neben aller Tragik also auch humoreske Züge haben? Eine auf den ersten Blick kühne Haltungung, die Godman jedoch mit vielen Fakten glaubhaft unterlegt. Schließlich wirkt es im Rückblick wahrlich komisch, dass und wie die römisch-katholische Kirche Werke jener Autoren verketzerte, die heute zum weltweiten Bildungskanon gehören. Erasmus und Machiavelli, Pascal und Rousseau, Kant und Kopernikus, Darwin und Diderot – sie alle fanden keine Gnade bei den päpstlichen Buchbeschauern der „Indexkongregation“. Seit 1559 wirkte diese päpstliche Behörde, die „mit großem Eifer, aber schlecht organisiert und ohne ersichtliche Methode“ ans Werk ging. Dogma und Dummheit vereinten sich zu peinlichen Prozess-Argumentationen, die am Ende unfreiwillig mehr gegen die Zensoren als gegen die Zensierten sprachen.

Meist trug die Zensur gar erst zur Verbreitung der inkriminierten Schriften bei, denn das Verbotene übt seit jeher einen besonderen Reiz aus. Godman ruft eine „Klasse von Opfern“ ins Gedächtnis, die über dem Hauptkonflikt in Vergessenheit geriet: Jene kirchlichen Bibliothekare, die von der kirchlichen Zensur entsetzt waren, aus Loyalitätsgründen gegenüber ihren Glaubensbrüdern jedoch schweigen mussten. Das wichtigste Opfer der Zensur waren Godmann zufolge denn auch nicht die zensierten Autoren – sie sind der Nachwelt schließlich noch immer im Gedächtnis. Das „wichtigste Opfer hieß Vertrauen“.

Peter Godman & Jens Brandt (Mitarbeit): Weltliteratur auf dem Index. Die geheimen Gutachten des Vatikan. Propyläen, Berlin 2001, 543 Seiten, ISBN 3549071442

Bernd Harder, Hansjörg Hemminger – Was ist Aberglaube

Bernd Harder, Hansjörg Hemminger – Was ist Aberglaube

Schwarze Katzen, Freitag der 13., Wünschelruten und Glücksbringer: Aberglaube begleitet alle Kulturen und Religionen der Neuzeit. Bis heute scheinen die wenigstens Menschen gefeit zu sein vor vermeintlich geheimnisvollen Zahlenkombinationen, Tieren und Vorgängen. Was es genau mit dem Phänomen des Aberglaubens auf sich hat, versuchen zwei kompetente Autoren zu ergründen. Bernd Harder hat sich bereits als Verlagsredakteur auf dem Gebiet des Übersinnlichen kundig gemacht; der studierte Verhaltensforscher Dr. Hansjörg Hemminger hat als landeskirchlich Beauftragter für Weltanschauungsfragen viele Erfahrungen mit Gläubigen aller Schattierungen gesammelt. Einen „kritischen Realismus” bemüht Hemminger, um Aberglaube zu definieren und zu erkennen. „Neben dem Merkmal offenkundiger Irrationalität von Denken und Tun” müsse „das Merkmal der unmittelbaren Verzweckung des Denkens und Tuns hinzukommen, damit man sinnvollerweise von Aberglaube reden kann.” Religiöse Ziele verfolge der Aberglaube nicht, sondern verheiße ganz profane Lebenshilfe. Glück und Erfolg sollen sich einstellen, Gesundheit oder Schutz vor Gefahren. Mit christlichem Glauben habe das weniger zu tun als mit Magie oder Okkultismus.

Diese weite und theologische Definition füllt Ko-Autor Harder mit vielen Beispielen. Angefangen bei Angst vor Freitag dem 13., erklärt er die Wirkung von Kettenbriefen, beschreibt Wahrsagerei und Wünschelrutengehen, Pendeln, Gläserrücken und Kontakte mit Verstorbenen mittels Tonbandstimmen. Furcht sei stets die Kraft, die Menschen zu abergläubischen Praktiken führe. Dabei sei die Gefahr groß, dass sie „Geistheilern und Okkultschwindlern” auf den Leim gehen, die Angst und Leichtgläubigkeit von Hilfesuchenden ausnutzen. Eindrückliche Beispiele hat Harder recherchiert, in denen PSI-Berater und Parapsychologen, Geistheiler und Astrologen eine unrühmliche Rolle spielen. Tiefe verleiht Hansjörg Hemminger dem Phänomen im letzten Buchteil. Die Neigung zum Aberglauben gehöre zum Menschsein und müsse „in die Vielfalt der seelischen und kulturellen Gegenbewegungen eingeordnet werden, mit denen Menschen und Gesellschaften sich der Nöte des Lebens zu erwehren hoffen”. Die christlichen Kirchen sollten den Aberglauben nicht verdammen, sondern auf dieses menschliche Bedürfnis mit eigenen, nicht-abergläubischen Ritualen antworten.

Bernd Harder, Hansjörg Hemminger: Was ist Aberglaube? Bedeutung – Erscheinungsformen – Beratungshilfen. Gütersloher Verlagshaus, 2000, 144 Seiten, ISBN 3579033468

Annemarie Schimmel – Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen

Annemarie Schimmel – Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen

Vorurteile gegenüber dem Islam beseitigen – unter diesem Motto steht das Leben der Orientalistin Annemarie Schimmel. Umstritten ist sie, weil sie in den Augen einiger Kirchenvertreter und Feuilletonisten den Islam zu freundlich darstelle – angesichts der negativen Verzerrungen, die allerorten durch die Medien geistern eine durchaus verzeihliche Schwäche. Fest steht: Keine andere deutsche Gelehrte kennt sich dermaßen gut auf dem Gebiet des Islam aus wie Annemarie Schimmel.

Nur wenige andere können ihr Wissen so lehrreich und spannend in Buchform bringen. Diese Begabung hat sie in unzähligen Gesprächen geschult und verfeinert. Für ihr Buch hat sie zwei Gesprächspartner erfunden, deren neugierige, teilweise freche Fragen sie in verständlicher Sprache beantwortet. Auf diese dialogische Weise gelingt es Annemarie Schimmel, von den einfachsten bis zu den schwierigsten Themen des Islam alle wichtigen Aspekte der Weltreligion zu erklären. Der Prophet Muhammed entsteht plastisch vor Augen, das islamische Alltagsleben, die Sufi-Mystik, die fünf Säulen des frommen islamischen Lebens werden nachvollziehbar. Sicherlich wirken die Fragen ab und zu gestellt. Doch der Gewinn beim Lesen der Antworten ist so groß, dass er diese Formschwäche wettmacht. Für alle, die sich erstmals mit dem Islam beschäftigen, bietet Schimmels Buch eine kaum zu überbietende Hinführung.

Annemarie Schimmel: Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen. Der Islam. Dtv, München 1999, 208 Seiten, ISBN 3423361115

Christian Heidrich – Die Konvertiten

Christian Heidrich – Die Konvertiten

Konvertiten haftet der Ruch der Untreue an – egal, ob sie sich von Atheisten zu Gläubigen bekehren, von Katholiken zu Kommunisten oder in eine andere Konfession wechseln. Für Außenstehende, die einen solchen radikalen Schritt nie vollzogen haben, bleibt die Konversion eine geheimnisvolle und schwer nachvollziehbare Handlung. Als studierter Philosoph und Theologe verfügt der Publizist Christian Heidrich über das nötige Handwerkszeug, Konversionen erstens darzustellen und zweitens zu erklären. Dabei enthält er sich wohltuender Weise jeder Wertung; äußerst differenziert und mit wohlwollendem Blick schildert er den Bruch meist prominenter Gestalten der Geschichte mit ihren bisherigen Wert- und Glaubensvorstellungen. Statt deren Autobiographien psychoanalytisch oder historisch-kritisch zu sezieren, gewährt er ihnen einen Vertrauensvorschuss und ermöglicht den Lesern einen ebenso respektvollen wie intimen Einblick in deren Lebensgeschichte.

Zum Beispiel in die des sozialistischen Journalisten André Frossard, der „am 8 Juli 1935, zwischen 17 Uhr 10 und 17 Uhr 15“ in einer kleinen Pariser Kapelle von der Einsicht überrascht wird: „Gott existiert und alles ist wahr.“ Oder in die der Jüdin Edith Stein, die von den Schriften der Heiligen Theresa von Avila so angerührt ist, dass sie katholische Ordensschwester wird. Oder in das bewegende Leben des Redakteurs Arthur Koestler, der 1931 mit fliegenden Fahnen in die Kommunistische Partei eintritt und nach einer Reise durch die Sowjetunion dem Glauben an den „Gott, der keiner war“ wieder abschwört. Gilbert K. Chesterton und Simone Weil, Paulus, Augustinus und Reinhold Schneider, Andre Gide und Camille Claudel: Sie alle machten die Erfahrung, dass ein neuer Glauben wie ein Blitz ihr Leben traf. Die Bekehrung, so unterschiedlich sie auch biographisch verankert ist, sei nie ein Endpunkt, sondern der Beginn eines neuen Lebens, meint Heidrich. Und stellte deshalb seine Kulturgeschichte der Konversion unter ein Bibelwort: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Christian Heidrich: Die Konvertiten. Über religiöse und politische Bekehrungen. Hanser Belletristik, 2002, 381 Seiten, ISBN 3446201475

Ralf Miggelbrink – Der zornige Gott

Ralf Miggelbrink – Der zornige Gott

Kann der liebe Gott auch zornig sein? Dieser spannenden Frage ging der Essener Theologe Dr. Ralf Miggelbrink nach. Als katholischer Professor für Systematische Theologie verfügt er dabei über das nötige dogmatische und exegetische Handwerkszeug – was freilich die Lektüre seines Buches sehr erschwert, denn mit der Gabe des auch für Nichttheologen leicht verständlichen Schreibens ist er nicht beschenkt. Trotzdem lohnt es sich, sich durch die 150 Seiten hindurch zu arbeiten. Zunächst referiert er jene Stellen des Alten Testaments, in denen JHWH – das ist der hebräische Name Gottes – das Volk und Land Israel heimsucht. Blutige Kriegsniederlagen, Katastrophen und Tod, verdörrte Länder und zerstörte Städte durchziehen den ersten Teil der christlichen Bibel, so dass viele Christen wie auch Religionskritiker unken: Wenn Gott Liebe ist, warum verhält er sich dann so rüde und hofft auf die Wirkung der schwarzen Pädagogik? Miggelbrink ist die Tragweite dieser Frage sowohl in theologischer als auch lebensgeschichtlicher Sicht bewusst. Die Botschaft des „unbedingt liebenden Gottes” wurde für viele Menschen gerade im letzten Jahrhundert zur „entscheidenden religiös-spirituellen Befreiungserfahrung ihres Lebens”. Demgegenüber benutzten die Kirchen den Zorn Gottes als„Drohinstrument bei der Indoktrination mit bigotter Frömmigkeit und skrupulanter Moralität”. Diese beiden verkürzten Sichtweisen entsprechen jedoch nicht dem biblischen Befund, meint Miggelbrink – und will genau den herausarbeiten. Dabei widersteht er der Versuchung, Jesus als Verkörperung der Liebe dem alttestamentarischen zornigen Gott gegenüber zu stellen. Denn Jesus überschüttete die Menschen nicht nur mit Liebe, sondern kündigte ihnen auch das Gericht an – obwohl bei ihm „der optimistische Aspekt der Heilsansage” überwogen habe. Der Apostel Paulus deutete dies nach Jesu Tod und Auferstehung erstmals theologisch: Wer sich dem Evangelium öffne, könne dem Gericht entgehen. Miggelbrink referiert die theologische Entwicklung von der Alten Kirche bis in die Moderne, sowohl auf katholischer wie evangelischer Seite. Und stellt am Ende seine Sicht gut begründete und nachvollziehbar dar: Das Gericht ist nicht in erster Linie ein Strafandrohung, sondern ein Befreiung von der Gewalt, die Menschen einander antun.

Ralf Miggelbrink: Der zornige Gott. Die Bedeutung einer anstößigen bilblischen Tradition. Wissensch. BG., 2002, 168 Seiten, ISBN 3534155823