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Monat: September 2018

Momente 2017

Momente 2017

Irgendwie wirkt es irreal, was da im letzten Jahr in Wittenberg und anderswo geschah. Zehn Jahre lang bereiteten sich alle möglichen kirchlichen, später auch staatlichen Institutionen auf den 500. Jahrestag der Reformation vor. Dann war er da – und viel weniger Menschen als erhofft interessierten sich dafür. Egal, denn was da auf die Beine gestellt wurde, war schon immens und lohnt der Erinnerung, denn es war für einige Zeit sehr real. Dieser Bildband zeigt mit sehr, sehr guten Fotos renommierter Fotografen, was alles passierte anlässlich des Reformationsjahres, von der Eröffnung am 31. Oktober 2016 in der Berliner Marienkirche bis zum Abschluss genau ein Jahr später in der Wittenberger Schlosskirche. Zu Beginn zeigte Papst Franziskus mit seinem Besuch beim Lutherischen Weltbund in Lund, dass Reformation auch ein ökumenisch wichtiges Thema ist. Die Dämme waren gebrochen, Kardinal Reinhard Marx und EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm waren fortan in trauter Einigkeit bei vielen Veranstaltungen zu sehen. Ein besonders nettes Foto zeigt, wie die beiden in Israel wandern.

So viele Events wie 2017 gabs noch nie in der Kirche. Klar, die raumschiffgleiche Bühne auf den Wittenberger Wiesen für den Open-Air-Gottesdienst am 28. Mai – egal, wie viele kamen: Der Eindruck bleibt prägend. Der Bibelturm am Wittenberger Bahnhof, die vielen Angebote in der Lutherstadt, vom Kletterturm bis zum Asisi-Panorama, das Pfadfinderlager, die Lichterkirche, der Segensroboter, dann das Mini-„Haus der Religionen“ und das Flüchtlingsschiff am Schwanenteich, nicht zu vergessen das Luther Pop-Oratorium und die Ausstellung „Luther und die Avantgarde“: Der Bildband zeigt all dies und hält Erinnerungen aufs fotografisch Feinste frisch.

Momente 2017. Ein Bildband zum Reformationsjubiläum, hg. im Auftrag des Kirchenamtes der EKD. edition chrismon/EVA, Leipzig 2017. 112 Seiten. ISBN 978-3-96038-130-3

Gottloser Westen? – Alexander Garth

Gottloser Westen? – Alexander Garth

„Heilige Träumer“ brauche die Kirche, meint der Wittenberger Pfarrer Alexander Garth und vermutet, „dass diese weniger in Landeskirchenämtern sitzen“. Sie müssten mit Gemeindebauern –  den Realisten – und Bedenkenträgern in einer Art Think Tank einen kreativen Prozess beginnen, um der Kirche wieder Strahlkraft zu geben. Denn Garths Analyse der Kirche in Deutschland und der geistlichen Lage in Westeuropa ist ziemlich düster. „Der westliche Materialismus mit seinem Machbarkeitswahn, mit seiner Vergötterung von Wohlstand, mit seiner Ökonomisierung und Sexualisierung weiter Lebensbereiche hat eine spirituelle Verarmung erzeugt.“ Der Mensch habe die „religiöse Dimension“ verloren und finde sich nun „in einer entzauberten Welt wieder, in der er nicht mehr weiß, wer er ist.“ Europa sei mittlerweile „eine säkulare Insel im religiösen Meer“ geworden und habe sich „von seinem geistig-moralischen Fundament“ entfernt.

Oha, das sind sehr markige Worte. Wer Alexander Garth kennt, weiß, dass er kein Untergangsprophet ist, sondern in Lutherstadt Wittenberg mit viel Herz und kreativen Ideen versucht, Menschen für den christlichen Glauben zu begeistern. Mit einer Mischung aus theologischer Bildung und evangelikaler Missionserfahrung ist er ein Brücken bauendes Unikum in der deutschen Pfarrerszene. Er lebt einen Steinwurf entfernt von Luthers einstigem Zuhause und predigt dort, wo Luther einst predigte. Und manche Sätze Garths klingen wie Übertragungen lutherisch-bolleriger Aussagen ins 21. Jahrhundert, zum Beispiel dieser: „Christliche Spiritualität ist Jesus-Frömmigkeit, kein allgemeines religiöses BlaBla, bei dem es letztlich darum geht, das Ego spirituell aufzufrisieren.“ Oder dieser: „Wer die Aufmerksamkeit der Menschen haben möchte, muss nicht nur verständlich, sondern mit einem brennenden Herzen von Gott reden.“

So wahr, so gut. Luther wusste, wen er mit seiner Kritik an der real existierenden Kirche im Blick hatte. Das ist bei Alexander Garth anders. Er ist ja auch Teil und Nutznießer jener Kirche, mit der er ins Gericht geht. Da wirken nach der an manchen Stellen wortmächtigen und schön streitbaren  Analyse der Situation die praktischen Tipps dann doch etwas klein. Think Tanks und Gremien, die die Kirche voranbringen sollen, gibt es wahrlich genug. „Wenn die Strahlkraft einer lebendigen Spiritualität aufleuchtet, öffnen sich Herzen“, vermutet Garth – stimmt, deshalb versuchen die Kirchen, den spirituellen Aspekt des Glaubens in ihren Vikarskursen zu verstärken. Prediger sollten „sich hüten, die große Geschichte Gottes mit der Menschheit in lauter kleine Geschichtchen der Betroffenheit auszulösen“, warnt Garth und rennt auch damit offene Türen ein, denn das EKD- „Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur“, das ebenfalls in Wittenberg arbeitet, lehrt genau das. Garths Plädoyer ist folglich nicht neu, aber deswegen nicht minder wichtig: Gemeinden sollten nicht in der selbstzerstörerischen Illusion verharren, „dass sie alles anbieten müssen“; gefragt seien Gemeinden mit erkennbarem Profil, das könne hochkirchlich oder charismatisch sein, sozial, evangelikal, liberal, familienorientiert oder auf Jugendliche zugeschnitten.

Am Ende bleibt Garth hoffnungsfroh, dass die Kirche ihre Bürokratie zähmen kann und „in Liebe zu Christus entbrennt“. Dann könne die Kirche, diese „ehrwürdige alte Dame“ und „stolze Riesin“, ihre besten Zeiten noch vor sich haben – auch in der säkularen Kultur des Westens.

Alexander Garth zu Gast in BirnsteinsSalon

Alexander Garth: Gottloser Westen? Chancen für Glauben und Kirche in einer entchristlichten Welt. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2017. 224 Seiten. ISBN 978-3-374-05026-0

Kerstin Hack – Leinen los

Kerstin Hack – Leinen los

Manche Menschen meinen, Sie hätten keine Träume. Andere haben welche, erfüllen sie sich aber nicht. Und einige lassen sie wirklich werden, koste es an Geld, Energie und Aufwand, was es wolle. Verlegerin und Coach Kerstin Hack gehört zu ihnen. Der Traum der gebürtigen Fränkin: auf einem Hausboot leben. Mittlerweile tut sie es, mitten in Berlin, wacht morgens mit den Enten auf, nimmt gerne mal ein Bad in der Spree, begrüßt Fischreiher und beherbergt Gäste, die sich von ihr coachen und inspirieren lassen wollen. Hinter der heute wildromantisch anmutenden Szenerie steckt jahrelange Arbeit. Denn Kerstin Hack scheute weder Mühen noch Kosten, um ihren Traum wahr werden zu lassen. Sie fand immer wieder Helfer, wurde so ganz nebenbei selbst zur Schiffsanierungsexpertin, tat manchmal auf wundersame Weise neue Geldquellen auf und genießt heute das Leben an und unter Deck. Nun hat sie aufgeschrieben, wie sie ihren Traum verwirklichte. Das Buch macht deutlich: Den Lebenstraum zu leben, kostet. Doch wer die Mühen nicht scheut, wird am Ende glücklicher sein.

Wer lesen will, wie es weitergeht auf dem Schiff, lese Kerstin Hacks Blog: https://kerstinhack.de/blog

Kerstin Hack: Leinen los. Wie ich mitten in Berlin ein Hausboot baute, um meinen Traum zu leben. bene! / Droemer Knaur, München 2018. 208 S., ISBN: 978-3-96340-028-5