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Monat: Januar 2019

Leben. 100 % – Georg Schwikart

Leben. 100 % – Georg Schwikart

Was für eine dramatische Konversionsgeschichte: Der Publizist Georg Schwikart drehte – kurz vor seiner Weihe zum Diakon – der katholischen Kirche den Rücken zu. Der Grund: Wegen leicht kirchenkritischer Äußerungen in dem gemeinsam mit mir verfassten Buch „Katholisch? Never / Evangelisch? Never!“ verwehrten ihm der damalige Erzbischof Kardinal Meisner und dessen Adlatus Rainer Maria Woelki im Jahr 2010 die Weihe. Er habe Homosexualität nicht verteufelt, hieß es, und halte Frauen im Diakonat für denkbar. Verständlicherweise zog der fromme Herzenskatholik Schwikart es vor, sich dem katholischen Inquisitionseifer zu entziehen – er betrat den evangelischen Kirchengarten der Freiheit, wurde sogar rheinischer Pfarrer. (Ich kommentierte das seinerzeit in meinem Blog). Mittlerweile ist er in der Bonner Hardtberggemeinde. Nun hat er viele seiner Erfahrungen der ersten Pfarrersjahre gesammelt und veröffentlicht – in wiederum einem katholischen Verlag. Was zeigt: Schwikart ist ein Wanderer zwischen den Konfessionswelten geblieben. Viele der Gedanken, Geschichten, Anekdoten des Buches zeigen das auf eine sehr ehrliche, geerdete und oft humorvolle Weise. „Jene die meinen, sie könnten bei mir punkten, wenn sie über die katholische Kirche herziehen, kennen mich schlecht“, schreibt er – bedauert andererseits, dass er in der evangelischen Pfarrerschaft „unter chronischem Klerikalismus-Verdacht“ stehe. Irgendwie hängt er eben immer noch an der katholischen Lebensfreude; sein Klischee der freudlosen Protestanten versucht er redlich, abzubauen, wenn er lakonisch feststellt: „es gibt auch andere“. Wer mit Schwikart in den Gemeindealltag eintaucht, könnte meinen: Im Christenvolke ist die Trennlinie zwischen katholisch und evangelisch doch sehr konstruiert. Schwikart greift in die Schatzkiste des Lebens und erzählt freiweg – zum Beispiel von einer Tochter, die ihn bittet, für den kranken Vater zu beten. Schwikart: „Da hilft das protestantische Prinzip nicht viel, dass jeder für sich selbst betet – sie braucht einen Fürsprecher beim Herrn, und ich erfülle gern diesen Wunsch.“ Oder von einem Freund, der ins Bordell geht: „Ob das einen Unterschied macht, wenn er neben ihm vor Gott steht, der doch nur an der Liebe misst?“ Dann wieder ist er ergriffen von einer katholischen Ordensschwester, die eine „wundervoll geistvolle Andacht“ hält – „ein Jammer, dass sie in ihrer Kirche nicht Priesterin sein darf“. Dass der leitende Geistliche seiner jetzigen evangelischen Landeskirche, der rheinische Präses, kein Brustkreuz trägt, enttäuscht ihn – „das würde ich ihm gönnen“.

Schwikart ist Mitte fünfzig, hat ungeheuer viel Wissen im Kopf und Erfahrungen auf dem Buckel. Deshalb beurteilt er die Konflikte auf wohltuend gelassene Weise: „Ich bin erst spät Pfarrer geworden. Das hatte Vorteile: Ich wusste schon, dass es mich gibt.“ Als Pfarrer geht der studierte Religionswissenschaftler und Theologe, Dr. phil., in die Schule des Kirchenvolkes und bemerkt: „Unser Christsein ist ein großes Durchwursteln zwischen Fundamentalismus und Laissez-faire.“ Wie befreiend. Pragmatisch couragiert ist Schwikart auch in Fragen der praktischen Ökumene: Wenn er mit seiner katholischen Ehefrau in die Messe geht, feiert er nicht die Kommunion mit, sondern hält sich an die Lehre, dass er als Nichtkatholik nun mal ausgeschlossen ist. Welch schönes Bild: Seine Frau kommt vom Altar zurück und bringt ihm in der geschlossenen Hand eine halbe Hostie mit. Mit katholischer Don-Camillo-Bauernschläue gegen die amtskatholische Abendmahlsstrenge: Chapeau.

Georg Schwikart: Leben 100 %. Notizen eines Pfarrers am Stadtrand. Verlag neue Stadt, 160 S., € 15, ISBN: 978-3-7346-1188-9

Leseprobe

Rezensionen anderer Bücher Georg Schwikarts bei „BirnsteinLiest“:

Höher, höher! Bewahrte Worte

Wir plappern wie die Heiden

Amen, Kuss und Zölibat

 

 

Neujahr – Juli Zeh

Neujahr – Juli Zeh

Kein Zauber, nirgends. Dafür Enttäuschung darüber, dass Juli Zehs neue Roman merkwürdig flach, kleinteilig und klischeedurchsetzt daherkommt. Die Geschichte: Henning, ein junger Vater mit Herzproblemen, fährt mit Gattin und den beiden gemeinsamen kleinen Kindern in den Urlaub nach Lanzarote. Am Silvesterabend nerven die Kinder, die Frau flirtet und tanzt fremd – also steigt der Vater aufs Rad und quält sich die Serpentinen auf den Berg hinauf. Auf dem Weg sieht er seltsame Dinge: einen Hirten, der starr dasteht, und einen Gärtner, der gegen den Wind gießt und trotzdem nicht nass wird. Die Anstrengung des Radelns löst in dem gefrusteten Bilderbuchpapi ein paar Vermurksungen; laut traut er sich, seine eingespannte Situation und seine Liebsten „scheiße“ zu finden und schreit es wütend in den Wind. Endlich kommt er mal aus sich raus, der neue Mann. Klar, er leidet auch darunter, dass seine Frau ihn ziemlich weicheiig findet, er solle doch mal wie ein Mann werden, sagt sie, „einer, den ich lieben kann!“ Das sitzt.

Als Henning den Gipfel erreicht, kommt ihm einiges seltsam vertraut vor: Das Dorf da unten hat er doch schon mal gesehen? Die unzähligen ekligen Spinnen an der Wand des Hauses und den tiefen dunklen Brunnen doch auch? Und oha, Lisa, die Frau, die im Haus auf dem Gipfel wohnt, trägt die Haare genauso geflochten wie seine Mutter!

Cut. Genau in der Mitte setzt die Erzählung neu an und erzählt eine zweite Geschichte. Sie klärt die Déja-Vùs langatmig und arg konstruiert auf. Henning und seine kleine Schwester Luna waren mit ihren Eltern schon mal im Urlaub – o Wunder, in genau diesem Haus in Lanzarote. Und da geschah Traumatisches: Die Eltern fuhren eines Tages weg und ließen die beiden Kinder allein im Haus. Die Kleinen wurschteln sich durch die Tage, sind erst irritiert, geben dann die Hoffnung auf die Wiederkehr der Eltern auf und versinken im Chaos. Eine Erinnerung kriecht in Hennings Bewusstsein: Er hatte seine Mutter dort beim Liebesakt mit dem Gärtner Noah entdeckt. Und eben der rettet Luna vor dem Sturz in den tiefen Brunnen. Das Finale des Buches: Wieder zurück in Deutschland, löst Henning das ihn offensichtlich beengende Band mit seiner Schwester Luna und entlässt sie und damit auch sich selbst ins freie Leben. Ob ihn dies befähigt, nun gegenüber seiner Frau und seinen Kindern zum Mann zu werden, bleibt so offen wie wünschenswert.

Juli Zeh schreibt eigentlich wohltuend sachlich. Im Buch „Neujahr“ allerdings führt dieser Schreibstil nicht zu tiefen und grandiosen Personenbeschreibungen, sondern zu einer geradezu plumpen Unmittelbarkeit. Da ist nichts Leichtes, nichts Unerwartbares, nichts Transzendentes. Für eine psychologische Studie, die der Plot hätte hergeben können, steuert Zeh zu gradlinig auf ihr Thema zu: Wie prägt die Kindheit das Erwachsenenleben und wie inszenieren sich in Beziehungen die alten Traumata neu. Mit viel Wohlwollen könnte man das als tiefenpsychologischen Ansatz werten – doch den relativiert Zeh gleich wieder, indem sie das offensichtlich psychosomatische Leiden Hennings, verbunden mit Panikattacken, als „ES“ bezeichnet. Freud lässt grüßen. Doch leider ist Juli Zeh auch kein halbwegs stringenter und tiefsinniger psychologischer Roman gelungen. „Neujahr“ liest sich eher wie ein Werkstattbericht eines Romans, aus dem mit viel Arbeit und Konzentration etwas Großes werden könnte.

Juli Zeh: Neujahr. Roman, Luchterhand Literaturverlag, München 2018, 192 Seiten ISBN 978-3-630-87572-9