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Monat: Juni 2019

Leonard Cohen: Die Flamme – The Flame

Leonard Cohen: Die Flamme – The Flame

Vor seinem Tod wolle er noch ein Buch fertigstellen, vertraute Leonard Cohen einem Reporter des „New Yorker“ an. Wenige Wochen danach, am 7. November 2016, starb der weltberühmte Dichter und Singer-Songwriter. Die Auswahl für die Gedichte, Songtexte und Notizen des Buches hatte der 82-Jährige noch treffen können, auch die Gliederung. Die Details allerdings mussten nach seinem Tod Vertraute vornehmen, unter ihnen sein Sohn Adam. Er erinnert daran, dass das Schreiben Cohens „einziger Trost und sein wahrhaftiger Lebenszweck gewesen“ sei, den er als „Mission G-ttes“ verstanden habe. Religion, Lehrer, Sex, Frauen, Drogen, Ruhm, Geld – nichts habe ihn so erfüllt wie das Schreiben. Leonard Cohens Texte, die unter dem Titel „The Flame“ veröffentlicht wurden, sind ein sprachmächtiges Vermächtnis. Es wird ergänzt durch zahlreiche Selbstporträts, die Cohen von sich zeichnete, und durch Abbildungen vieler handgeschriebener Notizen.

Cohen war familiär tief im jüdischen Glauben und Leben verwurzelt. Schon als Kind war ihm diese Bindung ans Judentum (auch sein Nachname weist auf die jüdischen Tempelpriester hin) bewusst, er wollte eigenen Aussagen zufolge in weiß gekleidet das Allerheiligste betreten „und mit den tiefsten Quellen [s]einer Seele verhandeln“.

Tatsächlich hat der erwachsene Leonard Cohen Ähnliches sein Leben lang öffentlich getan. Sein Lied „Hallelujah“ etwa spinnt die Liebe König Davids zu Bathseba weiter; der geheimnisvolle Dreiklang von Glaube, Liebe und Abhängigkeit, den „Hallelujah“ zeichnet, fasziniert bis heute Menschen auf der ganzen Welt. Im Lied „Suzanne“ bezeichnet Cohen Jesus mystisch als Seefahrer, der übers Wasser geht, und spielt auf sein Kreuz an: „Er selbst war schon zerbrochen, lang bevor der Himmel aufging.“

Auf Cohens letzten CD-Veröffentlichungen traten seine religiösen Bezüge immer mehr in den Vordergrund. Unaufgeregt und in spiritueller Ehrfurcht nahm er seinen Tod in den Blick und ließ die Welt daran teilhaben. „You want it darker“ nannte er seine letzte CD, „Du willst es dunkler“: Der Titelsong ist ein inniges haderndes Gebet zu Gott: „Verteilst du die Karten / Verlass ich das Spiel [… ] Du willst es dunkler / Wir ersticken die Flammen“. Dennoch gibt sich Cohen immer wieder seinem Gott hin, mit biblischen Worten: „Geheiligt und gepriesen / Sei Dein Himmlischer Name […] Hineni – Hier bin ich, o Herr.“ Das erinnert an das Kaddisch, das jüdische Totengebet; im Hintergrund singt denn auch der Synagogenchor aus Cohens Geburtsort Westmount. In einem anderen Lied der CD wirkt Cohen versöhnt mit Gott. „Als würde die Sonne ihre Strahlen verlieren / Und wir in endloser Nacht vegetieren / und es gäbe nichts mehr / zu fühlen / Genau so / würde mir die Welt erscheinen / gäbe es deine Liebe nicht.“ Und im Lied „Treaty“ wünscht er sich, einen Deal zu schließen – mit Gott? Nein, offensichtlich mit Jesus, denn den sah er „Wasser zu Wein verwandeln“ und beschreibt ihn als „wiedergeboren ohne Haut“. „Ich bin wütend und müde“, bekennt Cohen, und wünscht sich „ein Abkommen zwischen Deiner Liebe und der meinen“, auch zwischen „Deinem und meinem Verlangen“.

Auch die Texte der CD sind in dem Buch „The Flame“ abgedruckt. Sie markieren Cohens Lebensthemen: seine Suche nach Gott, das Ausleben seines Verlangens – und eine mystische Weltsicht, die Cohen leidenschaftlich umtrieb und die er mit zunehmendem Alter regelrecht zelebrierte. Viel hat er ertragen in seinem Leben: Drogen, viele Frauengeschichten, die ihm sichtlich zu Herzen gingen, Depressionen, am Ende Krankheiten, die er so lange wie möglich zu ignorieren versuchte.

Sein ganzes Leben lang schrieb er Gedanken auf, mal als Aphorismen, meist in lyrischer Form. Schon als Kind fand sein Sohn Adam überall Zettel und Notizbücher seines Vaters, in Taschen, Schubläden, sogar im Kühlschrank. Die im Buch erstmals veröffentlichten Notizen erlauben Einblick in Cohens Privatleben. Am 19. Februar 2002 schreibt er etwa am Frankfurter Flughafen: „Ich möchte beten / fünfmal am Tag / und das tue ich / Ich möchte leben / als lebte G-tt / durch mich an dich / und das tue ich.“ Einmal notiert er, er sei ein schlechtes Vorbild, „ich bin weder Weiser, Rebbe, Roshi noch Guru […] Wenn einige meiner Songs / einen Augenblick / leicht für dich machen / erinner dich bitte daran.“

Und immer wieder Texte, die wie Psalmen wirken. „Born in Chains“ zum Beispiel: „Ich wurde in Ketten geboren / Doch aus Ägypten verstoßen.“ Der Refrain: „Geheiligt werde dein Name / Dein Name sei gepriesen / Er steht auf meinem Herzen / In brennenden Buchstaben.“ Cohen beschreibt das Leid der Welt: Kriege, vermisste Kinder, Hunger, Mord, Vergewaltigung – „Lord, it‘s almost like a Blues“. Im Alter dann betet er „um Mut / Auch am Ende / Der Tod und ich / Sind dann Freunde.“ Und schließlich das ergreifende Lied „Going home“, im Angesicht des Todes singt er: „Ich geh heim / hinter den Vorhang / Ich geh heim / Ohne Verkleidung / Die ich verlor.“

Erstaunlich, wie Cohen sich immer intensiver mit Jesus auseinandersetzte. „Zeig mir den Ort / Hilf mir den Stein wegrollen […] Allein kann ich dies Ding nicht bewegen / Zeig mir den Ort / Wo das Wort zum Mann wurde […] Zeig mit den Ort / an dem das Leid begann“, singt er im Song „Show me the place“; in „Come healing“ heißt es: „Das Kreuz das du gelassen / Die Splitter in deinem Fleisch / Heilung diesem Körper / Heilung diesem Geist. / O lass die Himmel schwanken / Und lass künden aus der Erde Bauch; / Heilung den Altären / Dem Namen Heilung auch“.  Im Lied „Amen“ wieder eine Art Gebet, in der er die biblische Symbolik des leidenden Messias aufnimmt: „Erzähls mir noch mal / Wenn sich der Schmutz des Schlachters / Im Blut des Lammes gelöst hat“. Rührend eine Notiz, die er an einem einsamen Weihnachtstag aufschrieb: „Ich habe zu dem gebetet / um den es geht“.

Mit einigen biblischen Gestalten fühlte Cohen sich offenbar so verbunden, dass er sie als Schablone fürs eigene Erleben nutzte. Samson zum Beispiel, der in einer Art Selbstmordattentat einst den Tempel der feindlichen Philister einstürzen ließ, „ich selbst bin blind vor Zorn und Tod“, bekannte Cohen. Oder er fühlt sich „wie David, der sich in die Finsternisse der Liebe begab“; das Gedicht wandelt sich in den Ruf nach dem Messias: „die Welt fängt an, dich zu erwarten […] Mach den Namen neu / & bring seinen Sänger in Stellung“.

Auf außergewöhnlich fantasievolle Weise näherte sich Cohen immer wieder neu dem Mysterium des Glaubens. Motive jüdischer Mystik verband er mit biblischem Wissen, Erfahrungen eigener Enttäuschungen mit der Weisheit der buddhistischen Meditation, die ihn während eines fünfjährigen Klosteraufenthaltes eine Lebenskrise überwinden half. Das Fundament seines biblischen Glaubens verließ er nie, übte aber poetisch Kritik an verfassten Religionen. Er habe „viele Sakramente aus mancher Hand“ empfangen, schrieb er einmal, könne aber die vermeintlichen Lehrer mit ihrem „täglichen Gerede“ nicht als Vorbilder anerkennen. Eher sah er sich ganz allein vor Gott stehen(dessen Namen er in jüdischer Tradition nicht ausschreibt), „nächtelang allein / mit den Engeln des Herrn / legte ich die Bücher der Liebe beiseite“. Cohens Weltenschmerz verbindet sich in solchen Momenten mit der Leidenschaft eines biblischen Propheten. „Ich kann nicht mehr“, schreibt er, „Beschränkungen für die Reichen und den Bedürftigen Hoffnung / sicher, das brauchen wir sehr / ich kann nicht mehr. / und die Lügen die sie streuen / über G-tt / als wären sie die Herrn / ich kann nicht mehr.“

Ein besonderes literarisches Schmankerl bietet ein Mailwechsel Cohens mit dem Berkeley-Professor Peter Dale Scott, der ebenfalls Gedichte schreibt. Im Oktober 2016 widmete er Cohen sein Buch „Walking of Darkness“ und nahm Bezug auf dessen kurz zuvor erschienene CD „You want it darker“. Scott schreibt: „Wenn du es dunkler willst / ist dieses Buch nichts für dich / Ich wollte es stets leichter / Und ich glaube, Gott auch.“ Cohen nahm die Aussage seines Freundes etwas spitzzüngig auf. „du und gott seid kumpel“, entgegnet er, „du weißt was er nun will / da steht der gebrochene hiob voll blut / der ihm ins antlitz sah“. Und er zitiert die Torah: „er wird es dunkler machen er wird es heller machen.“ Ein heftiger geistvoller Mailwechsel über Gottes Wesen entsteht, den Cohen mit einem Zitat aus der Bergpredigt beendet: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Der Tiefe und Besonderheit des Buches entspricht die Aufmachung. Überall flammendes Orange: das Vorsatzpapier, der Schnitt, das Lesebändchen und die Stanzschrift im Leineneinband. Die seltene Schrifttype, das übergroße Format, der Satzspiegel: Dieses Buch ist ein bibliophiles Schmuckstück. Und eine gestalterische Reminiszenz an Cohens poetische Mystik, die trotz aller Melancholie am Ende von einem leidenschaftlichen „Hallelujah“ geprägt blieb. Das Schreiben war seine Flamme, meint Sohn Adam, „sie ist niemals erloschen“. Das Übersetzerteam hat die Cohen‘sche Poesie kunstvoll und feinfühlig ins Deutsche übertragen.

Leonard Cohen: Die Flamme / The Flame. Zweisprachige Ausgabe englisch/deutsch. Mit zahlreichen Illustrationen. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 352 Seiten.