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Autor: Uwe Birnstein

Hugo Stamm – Achtung Esoterik

Hugo Stamm – Achtung Esoterik

„Esoterik ist heute ein ausgeklügeltes System zur raschen Befriedigung übersinnlicher Bedürfnisse.“ Diese kühne These vertritt der Zürcher Journalist und Weltanschauungsfachmann Hugo Stamm. Esoterik sei, so Stamm, gnadenlos kommerzialisiert und verhindere eher das „Ringen um wahre mystische Erkenntnisse“, als sie zu ermöglichen. Gute Gründe führt Stamm für seine Thesen an. Mit peniblen Recherchen und profunder Sachkenntnis nimmt er die „Glaubensfabrik moderne Esoterik“ aufs Korn. Dass er dabei weder ironisch noch überheblich wird, unterscheidet sein Buch etwa von Werken kirchlicher Weltanschauungsbeauftragter. Stamm geht dem Phänomen mit journalistischem Pathos statt mit apologetischem Anspruch nach. Als Zeitungsredakteur hat er kein anderes Terrain zu verteidigen als die journalistische Sorgfaltspflicht – und die erfüllt er in beeindruckender Weise.

Nicht zum Rundumschlag tritt er an, sondern er widmet sich den „radikalen Formen der neuen Esoterik“. Damit meint er nicht „sanfte Formen“ wie Bach-Blüten-Therapie und Astrologie, sondern das Spektrum zwischen „Astralreisen“ und dem Glauben an „universelle Gesetze“, „Bilokationen“ und „Transmutationen“ sowie das „positive Denken“. Immer mehr Esoteriker ließen sich von den „übertriebenen und unrealistischen Versprechen und von übersinnlicher Effekthascherei blenden und verraten damit die wahre Mystik“. Deren Kennzeichen seien Freiheit und Weltzugewandtheit, Demut und Bescheidenheit.

Verständlich leitet Stamm seine Leser durch den Esoterik-Dschungel der westlichen Welt. Wer sein Bedürfnis nach Sinnsuche und Spiritualität befriedigen möchte, kann schnell in die Fallgruben unseriöser Geldmacher geraten. Der dargebotene Mix von Okkultismus und New-Age-Ideologie, Karmaglaube und fernöstlichen Heilungsmethoden berge ein „beträchtliches Suchtpotenzial“, befürchtet Stamm. Das „positive Denken“ propagiere „den Sieg der Stärkeren über die Schwächeren“. Mit ihrer Übermenschen-Ideologie, tituliert als „höheres Bewusstsein“, stelle die moderne Esoterik eine „passive Form des Faschismus“ dar. Das Diktat würden „Meister und Erleuchtete übernehmen“ – die Demokratie hätte ausgedient. Theologisch gesehen würde bei den Esoterikern „der Glaube an die Selbstvergottung triumphieren“ zulasten einer ernsthaften religiösen Sinnsuche. Ein ausführliches Glossar erklärt Fachwörter und Praktiken der esoterischen Szene.

Hugo Stamm: Achtung Esoterik. Zwischen Spiritualität und Verführung. Pendo Verlag, 2000, 243 Seiten, ISBN 3858423882

Kurt-Helmuth Eimuth – Die Sekten-Kinder

Kurt-Helmuth Eimuth – Die Sekten-Kinder

Als Beth Ehrlich elf Jahre alt war, unterschrieb sie ihren ersten Vertrag – Dauer: eine Milliarde Jahre. Wenn sie den Vertrag unterschriebe, würde sie die Welt retten helfen, hatte ihr ihr Vater erklärt. Das wollte Beth selbstverständlich. Doch mit der Unterschrift hatte sie ihr Leben an Scientology verpfändet.

„Das Schicksal von Kindern, die in Sekten aufwachsen, wird noch viel zu wenig beachtet“, meint Kurt-Helmuth Eimuth. Jahrelang hat der Pädagoge Material und Schicksale wie das der Beth Ehrlich gesammelt. Als kirchlicher Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen in Frankfurt sprach er mit Betroffenen, mit Angehörigen und mit Aussteigern. Sein Buch über „Sekten-Kinder“ ist eine erschreckende Bestandsaufnahme. Ein Dokument schwärzester Pädagogik, die religiös verbrämt und mit vermeintlich göttlichen Weihen versehen wird; ein Horrortrip durch die Kinderstuben destruktiver Kulte und fundamentalistischer Christen, in denen statt Liebe die „Rute Gottes“ regiert.

Zum Beispiel in den Schulen der Krishna-Bewegung „ISKCON“. „In Indien sehen wir, wie gut die jungen Brahmacaris arbeiten“, zitiert Eimuth aus einem Erziehungshandbuch; „sie gehen am frühen Morgen hinaus und betteln den ganzen Tag… Wenn sie darin eingeübt werden, dass Entsagung sehr angenehm ist, dann werden sie nicht verderben.“ Fast zu harmlos klingt Eimuths Fazit: „Die Grenze zur Indoktrination scheint überschritten.“

In noch früherem Kindesalter beginnt der indische Guru Sant Thakar Singh mit dem Drill im Namen Gottes. „Unmittelbar nach der Geburt“ sollen Kinder „in Hören und Sehen eingeweiht werden“ – zunächst mit dem elterlichen Finger, dann mit Silikon-Ohrstöpseln und Augenbinden. In Dunkelheit und Geräuschlosigkeit sollen die Kinder Gott näherkommen. Und wenn sie die Augen denn mal öffnen dürfen, sorgt ein „abwaschbares, reißfestes Fotoalbum mit Bildern des Meisters“ für die Prägung auf den Guru.

Kinder bedeuten Zukunft – Sekten setzen diesen richtigen Sachverhalt konsequent für sich um. Sie wissen: Schaffen sie es, Kinder im frühen Lebensalter auf die eigene Ideologie einzuschwören, werden sie später aus einem Heer gehorsamer Gefolgsleute schöpfen können: roboterartige Kreaturen, denen Gedanken- und Religionsfreiheit genauso fern liegen wie Kritikfähigkeit und Individualität. Nachvollziehbar also, warum viele Kulte versuchen, den Nachwuchs von Geburt an nicht mehr aus den Augen lassen.

Befürchtungen hegt Eimuth auch gegen einige Kreise der neo-charismatischen Bewegung. Besonders die „fundamentalistische Interpretation alttestamentlicher Züchtigungsvorschriften“ gebe Anlass zu Sorge. Mit Hinweis auf die Bibel würden Kinder geschlagen; schließlich habe sogar Gott seinem Sohn das Leiden nicht erspart. „Im Alter von zehn Jahren hatte Christa dieses Prinzip so sehr begriffen, dass sie einen besonderen Stock verzierte und mit der Aufschrift versah: ‚Die Rute Gottes‘ und ihn ihren Eltern zu liebevollem Gebrauch überreichte.“ Dass neocharismatische Gruppen hier offensichtlich ähnliche pädagogische Ziele wie klassische Sekten anstreben, legitimiert die Aufnahme in ein Buch mit dem Titel „Sekten-Kinder“.

Hilfreich sind Einuths abschließende Ratschläge für alle, die für Kinder Verantwortung tragen. Er plädiert für Information, für besondere Zuwendung gegenüber Sektenkindern und tritt gegen eine Verteufelung oder gar Abschottung ein.

Kurt-Helmuth Eimuth: Die Sekten-Kinder. Mißbraucht und betrogen – Erfahrungen und Ratschläge. Herder, Freiburg 1997, 239 Seiten, ISBN 3451045397

Peter Godman & Jens Brandt (Mitarbeit) – Weltliteratur auf dem Index

Peter Godman & Jens Brandt (Mitarbeit) – Weltliteratur auf dem Index

Die katholische Kirche erklärte die Lehren berühmter Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler als Ketzerei, verb(r)annte deren Bücher und verurteilte die Autoren. Ein Akt himmelschreiender Ungerechtigkeit, unchristlicher Anmaßung und fortschrittsfeindlicher Einstellung. Der Tübinger Historiker Peter Godman gibt sich mit dieser einfachen Sicht jedoch nicht zufrieden, in der die Opfer und Täter – hier skrupellose Zensoren, dort unterjochte „Ketzer“ – feststehen. Als einer der ersten Wissenschaftler erforschte er 1998 das Geheimarchiv des Vatikans. Auf Grundlage dieser Studien kommt Godman zu einer Einschätzung, die klischeebeladenen Lesern den Atem stocken lässt. Jenseits des verbreiteten Betroffenheits-Jargons bezeichnet er die römische Zensur als eine „Tragikomödie“.

Der Versuch, die Wahrheit mit Macht zu unterdrücken, soll neben aller Tragik also auch humoreske Züge haben? Eine auf den ersten Blick kühne Haltungung, die Godman jedoch mit vielen Fakten glaubhaft unterlegt. Schließlich wirkt es im Rückblick wahrlich komisch, dass und wie die römisch-katholische Kirche Werke jener Autoren verketzerte, die heute zum weltweiten Bildungskanon gehören. Erasmus und Machiavelli, Pascal und Rousseau, Kant und Kopernikus, Darwin und Diderot – sie alle fanden keine Gnade bei den päpstlichen Buchbeschauern der „Indexkongregation“. Seit 1559 wirkte diese päpstliche Behörde, die „mit großem Eifer, aber schlecht organisiert und ohne ersichtliche Methode“ ans Werk ging. Dogma und Dummheit vereinten sich zu peinlichen Prozess-Argumentationen, die am Ende unfreiwillig mehr gegen die Zensoren als gegen die Zensierten sprachen.

Meist trug die Zensur gar erst zur Verbreitung der inkriminierten Schriften bei, denn das Verbotene übt seit jeher einen besonderen Reiz aus. Godman ruft eine „Klasse von Opfern“ ins Gedächtnis, die über dem Hauptkonflikt in Vergessenheit geriet: Jene kirchlichen Bibliothekare, die von der kirchlichen Zensur entsetzt waren, aus Loyalitätsgründen gegenüber ihren Glaubensbrüdern jedoch schweigen mussten. Das wichtigste Opfer der Zensur waren Godmann zufolge denn auch nicht die zensierten Autoren – sie sind der Nachwelt schließlich noch immer im Gedächtnis. Das „wichtigste Opfer hieß Vertrauen“.

Peter Godman & Jens Brandt (Mitarbeit): Weltliteratur auf dem Index. Die geheimen Gutachten des Vatikan. Propyläen, Berlin 2001, 543 Seiten, ISBN 3549071442

Bernd Harder, Hansjörg Hemminger – Was ist Aberglaube

Bernd Harder, Hansjörg Hemminger – Was ist Aberglaube

Schwarze Katzen, Freitag der 13., Wünschelruten und Glücksbringer: Aberglaube begleitet alle Kulturen und Religionen der Neuzeit. Bis heute scheinen die wenigstens Menschen gefeit zu sein vor vermeintlich geheimnisvollen Zahlenkombinationen, Tieren und Vorgängen. Was es genau mit dem Phänomen des Aberglaubens auf sich hat, versuchen zwei kompetente Autoren zu ergründen. Bernd Harder hat sich bereits als Verlagsredakteur auf dem Gebiet des Übersinnlichen kundig gemacht; der studierte Verhaltensforscher Dr. Hansjörg Hemminger hat als landeskirchlich Beauftragter für Weltanschauungsfragen viele Erfahrungen mit Gläubigen aller Schattierungen gesammelt. Einen „kritischen Realismus” bemüht Hemminger, um Aberglaube zu definieren und zu erkennen. „Neben dem Merkmal offenkundiger Irrationalität von Denken und Tun” müsse „das Merkmal der unmittelbaren Verzweckung des Denkens und Tuns hinzukommen, damit man sinnvollerweise von Aberglaube reden kann.” Religiöse Ziele verfolge der Aberglaube nicht, sondern verheiße ganz profane Lebenshilfe. Glück und Erfolg sollen sich einstellen, Gesundheit oder Schutz vor Gefahren. Mit christlichem Glauben habe das weniger zu tun als mit Magie oder Okkultismus.

Diese weite und theologische Definition füllt Ko-Autor Harder mit vielen Beispielen. Angefangen bei Angst vor Freitag dem 13., erklärt er die Wirkung von Kettenbriefen, beschreibt Wahrsagerei und Wünschelrutengehen, Pendeln, Gläserrücken und Kontakte mit Verstorbenen mittels Tonbandstimmen. Furcht sei stets die Kraft, die Menschen zu abergläubischen Praktiken führe. Dabei sei die Gefahr groß, dass sie „Geistheilern und Okkultschwindlern” auf den Leim gehen, die Angst und Leichtgläubigkeit von Hilfesuchenden ausnutzen. Eindrückliche Beispiele hat Harder recherchiert, in denen PSI-Berater und Parapsychologen, Geistheiler und Astrologen eine unrühmliche Rolle spielen. Tiefe verleiht Hansjörg Hemminger dem Phänomen im letzten Buchteil. Die Neigung zum Aberglauben gehöre zum Menschsein und müsse „in die Vielfalt der seelischen und kulturellen Gegenbewegungen eingeordnet werden, mit denen Menschen und Gesellschaften sich der Nöte des Lebens zu erwehren hoffen”. Die christlichen Kirchen sollten den Aberglauben nicht verdammen, sondern auf dieses menschliche Bedürfnis mit eigenen, nicht-abergläubischen Ritualen antworten.

Bernd Harder, Hansjörg Hemminger: Was ist Aberglaube? Bedeutung – Erscheinungsformen – Beratungshilfen. Gütersloher Verlagshaus, 2000, 144 Seiten, ISBN 3579033468

Annemarie Schimmel – Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen

Annemarie Schimmel – Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen

Vorurteile gegenüber dem Islam beseitigen – unter diesem Motto steht das Leben der Orientalistin Annemarie Schimmel. Umstritten ist sie, weil sie in den Augen einiger Kirchenvertreter und Feuilletonisten den Islam zu freundlich darstelle – angesichts der negativen Verzerrungen, die allerorten durch die Medien geistern eine durchaus verzeihliche Schwäche. Fest steht: Keine andere deutsche Gelehrte kennt sich dermaßen gut auf dem Gebiet des Islam aus wie Annemarie Schimmel.

Nur wenige andere können ihr Wissen so lehrreich und spannend in Buchform bringen. Diese Begabung hat sie in unzähligen Gesprächen geschult und verfeinert. Für ihr Buch hat sie zwei Gesprächspartner erfunden, deren neugierige, teilweise freche Fragen sie in verständlicher Sprache beantwortet. Auf diese dialogische Weise gelingt es Annemarie Schimmel, von den einfachsten bis zu den schwierigsten Themen des Islam alle wichtigen Aspekte der Weltreligion zu erklären. Der Prophet Muhammed entsteht plastisch vor Augen, das islamische Alltagsleben, die Sufi-Mystik, die fünf Säulen des frommen islamischen Lebens werden nachvollziehbar. Sicherlich wirken die Fragen ab und zu gestellt. Doch der Gewinn beim Lesen der Antworten ist so groß, dass er diese Formschwäche wettmacht. Für alle, die sich erstmals mit dem Islam beschäftigen, bietet Schimmels Buch eine kaum zu überbietende Hinführung.

Annemarie Schimmel: Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen. Der Islam. Dtv, München 1999, 208 Seiten, ISBN 3423361115

Christian Heidrich – Die Konvertiten

Christian Heidrich – Die Konvertiten

Konvertiten haftet der Ruch der Untreue an – egal, ob sie sich von Atheisten zu Gläubigen bekehren, von Katholiken zu Kommunisten oder in eine andere Konfession wechseln. Für Außenstehende, die einen solchen radikalen Schritt nie vollzogen haben, bleibt die Konversion eine geheimnisvolle und schwer nachvollziehbare Handlung. Als studierter Philosoph und Theologe verfügt der Publizist Christian Heidrich über das nötige Handwerkszeug, Konversionen erstens darzustellen und zweitens zu erklären. Dabei enthält er sich wohltuender Weise jeder Wertung; äußerst differenziert und mit wohlwollendem Blick schildert er den Bruch meist prominenter Gestalten der Geschichte mit ihren bisherigen Wert- und Glaubensvorstellungen. Statt deren Autobiographien psychoanalytisch oder historisch-kritisch zu sezieren, gewährt er ihnen einen Vertrauensvorschuss und ermöglicht den Lesern einen ebenso respektvollen wie intimen Einblick in deren Lebensgeschichte.

Zum Beispiel in die des sozialistischen Journalisten André Frossard, der „am 8 Juli 1935, zwischen 17 Uhr 10 und 17 Uhr 15“ in einer kleinen Pariser Kapelle von der Einsicht überrascht wird: „Gott existiert und alles ist wahr.“ Oder in die der Jüdin Edith Stein, die von den Schriften der Heiligen Theresa von Avila so angerührt ist, dass sie katholische Ordensschwester wird. Oder in das bewegende Leben des Redakteurs Arthur Koestler, der 1931 mit fliegenden Fahnen in die Kommunistische Partei eintritt und nach einer Reise durch die Sowjetunion dem Glauben an den „Gott, der keiner war“ wieder abschwört. Gilbert K. Chesterton und Simone Weil, Paulus, Augustinus und Reinhold Schneider, Andre Gide und Camille Claudel: Sie alle machten die Erfahrung, dass ein neuer Glauben wie ein Blitz ihr Leben traf. Die Bekehrung, so unterschiedlich sie auch biographisch verankert ist, sei nie ein Endpunkt, sondern der Beginn eines neuen Lebens, meint Heidrich. Und stellte deshalb seine Kulturgeschichte der Konversion unter ein Bibelwort: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Christian Heidrich: Die Konvertiten. Über religiöse und politische Bekehrungen. Hanser Belletristik, 2002, 381 Seiten, ISBN 3446201475

Ralf Miggelbrink – Der zornige Gott

Ralf Miggelbrink – Der zornige Gott

Kann der liebe Gott auch zornig sein? Dieser spannenden Frage ging der Essener Theologe Dr. Ralf Miggelbrink nach. Als katholischer Professor für Systematische Theologie verfügt er dabei über das nötige dogmatische und exegetische Handwerkszeug – was freilich die Lektüre seines Buches sehr erschwert, denn mit der Gabe des auch für Nichttheologen leicht verständlichen Schreibens ist er nicht beschenkt. Trotzdem lohnt es sich, sich durch die 150 Seiten hindurch zu arbeiten. Zunächst referiert er jene Stellen des Alten Testaments, in denen JHWH – das ist der hebräische Name Gottes – das Volk und Land Israel heimsucht. Blutige Kriegsniederlagen, Katastrophen und Tod, verdörrte Länder und zerstörte Städte durchziehen den ersten Teil der christlichen Bibel, so dass viele Christen wie auch Religionskritiker unken: Wenn Gott Liebe ist, warum verhält er sich dann so rüde und hofft auf die Wirkung der schwarzen Pädagogik? Miggelbrink ist die Tragweite dieser Frage sowohl in theologischer als auch lebensgeschichtlicher Sicht bewusst. Die Botschaft des „unbedingt liebenden Gottes” wurde für viele Menschen gerade im letzten Jahrhundert zur „entscheidenden religiös-spirituellen Befreiungserfahrung ihres Lebens”. Demgegenüber benutzten die Kirchen den Zorn Gottes als„Drohinstrument bei der Indoktrination mit bigotter Frömmigkeit und skrupulanter Moralität”. Diese beiden verkürzten Sichtweisen entsprechen jedoch nicht dem biblischen Befund, meint Miggelbrink – und will genau den herausarbeiten. Dabei widersteht er der Versuchung, Jesus als Verkörperung der Liebe dem alttestamentarischen zornigen Gott gegenüber zu stellen. Denn Jesus überschüttete die Menschen nicht nur mit Liebe, sondern kündigte ihnen auch das Gericht an – obwohl bei ihm „der optimistische Aspekt der Heilsansage” überwogen habe. Der Apostel Paulus deutete dies nach Jesu Tod und Auferstehung erstmals theologisch: Wer sich dem Evangelium öffne, könne dem Gericht entgehen. Miggelbrink referiert die theologische Entwicklung von der Alten Kirche bis in die Moderne, sowohl auf katholischer wie evangelischer Seite. Und stellt am Ende seine Sicht gut begründete und nachvollziehbar dar: Das Gericht ist nicht in erster Linie ein Strafandrohung, sondern ein Befreiung von der Gewalt, die Menschen einander antun.

Ralf Miggelbrink: Der zornige Gott. Die Bedeutung einer anstößigen bilblischen Tradition. Wissensch. BG., 2002, 168 Seiten, ISBN 3534155823

Giorgio Agamben – Pilatus und Jesus

Giorgio Agamben – Pilatus und Jesus

Kennen Sie die Pasolini-Verfilmung des Matthäus-Evangeliums? Dann sind Sie Giorgio Agamben schon mal begegnet. Der Philosophieprofessor spielt darin den Apostel Philippus. Agamben überspringt gerne mal Grenzen, stand mit Pasolini in Kontakt und mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, auch mit Martin Heidegger und Hanna Ahrendt. In Venedig und Verona lehrte Agamben, zeitweise auch in Düsseldorf und Köln. Fasziniert ist der inzwischen emeritierte Philosoph von der Bibel und von der Theologie. Nun hat er sich die Passionsgeschichte vorgenommen, genauer: die Begegnung von Jesus und Pontius Pilatus. Der Berliner Matthes & Seitz-Verlag hat Agambens verblüffende Einsichten auf Deutsch herausgebracht. Zwei elementare Prinzipien stehen sich in dem Konflikt gegenüber, meint Agamben: Geschichte trifft auf Unendlichkeit, Urteil auf Heil. „Mit spürbarer Lust verwirrt Agamben seine Leser, erinnert an eine kirchenväterliche Tradition, nach der nicht Pilatus, sondern Jesus auf dem Richterstuhl gesessen habe: „Es ist nicht einmal klar, wer eigentlich Gericht hält, der von der weltlichen Macht rechtmäßig eingesetzte Richter oder der Richter aus Hohn, der das Reich vertritt, das nicht von dieser Welt ist.“ Im Prozess laufe alles auf die Unterscheidung von Erlösung und Gerechtigkeit hinaus. „Die Welt in ihrer Vergänglichkeit will nicht Erlösung, sondern Gerechtigkeit.“ Agambens Fazit: „Als unrettbare urteilen die Geschöpfe über das Ewige – so lautet das Paradox, das Jesus zuletzt, als er vor Pilatus steht, das Wort entzieht. Hier ist das Kreuz, hier ist die Geschichte.“ Das klingt ziemlich dunkel – und bietet Stoff für viele Diskussionen.

Giorgio Agamben: Pilatus und Jesus. 64 S., Verlag Matthes und Seitz Berlin 2014, € 10,-

Georg Schwikat – Amen, Kuss und Zölibat

Georg Schwikat – Amen, Kuss und Zölibat

Sie wissen nicht, was eine „Kanzelschwalbe“ ist und auch beim „Pietistenstachel“, bei „Tabernakelwanzen“ und „Zölibatsverstärker“ versagt Ihr enzyklopädisches Wissen? Dann haben Sie Pech – denn nicht einmal theologische Standardlexika verzeichnen diese Begriffe. Glück dagegen hätten Sie, wenn Sie Georg Schwikarts Ultimatives Wörterbuch für Theologen und andere Unfromme in Ihrem Regal finden würden. Mal sarkastisch, mal liebevoll, immer aber augenzwinkernd erklärt der Theologe mehr oder weniger geläufige Begriffe aus dem real existierenden Christentum, der Kirche. Amtsinhabern mag der Atem stocken angesichts der Unverfrorenheit mancher Erklärungen – allen anderen dürften sie Lachtränen in die Augen treiben. Was das Lehramt ist? „Bezwinger des Heiligen Geistes.“ Ein Mikrophon? „Beschleuniger des Untergangs klerikaler Rhetorik.“ Ein Erzbischof? „Metallhaltiger Würdenträger.“ Kein Fettnäpfchen kirchlicher Mimositäten lässt Schwikart aus, gnadenlos und mit frecher Feder verleiht er floskelhaften Begriffen neuen Sinn. Sünde? „Altertümliche Bezeichnung für alles, was Spaß macht. Offizielle Haltung der Kirche: Sie ist dagegen.“ Tür: „Das einzige, was im Landeskirchenamt klappt.“ Zellteilung? „Vermehrungsmethode in gemischtgeschlechtlichen Klöstern.“

Georg Schwikat: Amen, Kuss und Zölibat. Das ultimative Wörterbuch für Theologen und andere Unfromme. Echter, Würzburg 2001, 445 Seiten, ISBN 3429022967

Josef Dvorak – Satanismus

Josef Dvorak – Satanismus

Ein katholischer Theologe zelebriert „Schwarze Messen“ und will das Phänomen Satanismus seriös verstehbar machen: Diesem Anspruch wird Josef Dvorak weitgehend gerecht. Trotz seiner eigenen Verflochtenheit in die Okkult-Szene hat sich Dvorak geistige Unabhängigkeit und Kritikfähigkeit bewahrt. Sein bereits 1989 erschienenes Buch gilt als Standardwerk für all jene, die hinter die sensationsheischenden Schlagzeilen blicken wollen.

In den Achtzigerjahren stand Dvorak selbst im Rampenlicht der Öffentlichkeit: Im österreichischen Burgenland und in Bremen zelebrierte er „Schwarze Messen“, die im Fernsehen übertragen wurden und für einigen Wirbel sorgten. Dabei rezitierte er auch den Altmeister der Okkult-Szene Aleister Crowley und dessen satanisches Motto: „Es gibt keine Gnade, es gibt keine Schuld – ‚Tu was du willst‘ ist das Gesetz!“ Ob Dvorak solche „Schwarzen Messen“ als religiösen Akt oder „nur“ als provozierende Aktions-Kunst verstand, bleibt auch nach der Lektüre seines Buches offen.

Leidenschaftlich sucht er nach Erklärungen für die Faszination des Satanismus. Verständlich führt er seine Leser durch das spannende Labyrinth verschiedener Satans-Kirchen und sexualmagischer Kultpraktiken, erklärt unvermutete Verbindungen – zum Beispiel die Einflüsse satanistischen Gedankenguts auf die Nazi-Führungsclique. Auch schildert er den Kontakt des späteren Scientology-Gründers L. Ron Hubbard zum Zirkel um den Satanisten-Guru Crowley. Überzeugend lässt er die Stellung der römisch-katholischen Kirche zum Teufelsglauben seit der frühen Christenheit Revue passieren.

Die Botschaft Dvoraks komprimiert: Weil die Kirche dem Teufel den Stempel des Bösen und der Sünde aufgedrückt hat, wurde den Menschen eine wichtige Möglichkeit zur psychischen Verarbeitung ihrer Lebenswirklichkeit genommen. Die Verdrängung des Teufels habe letztendlich zu geschichtlichen Katastrophen wie dem Nationalsozialismus geführt. Kriminelle Auswüchse der heutigen Satanisten-Szene – etwa rituelle Kindesopfer – seien Verirrungen, der ein verantwortlicher Satanismus, wie ihn Dvorak selbst praktiziert, entgegen steuern könne. Natürlich sind diese Thesen streitbar – bedenkenswert sind sie allemal. Durch die Fülle von Material gibt Dvorak seinen Lesern wichtige Argumente an die Hand und ermöglicht ihnen ein eigenes Urteil.

Josef Dvorak: Satanismus. Heyne, München 2000, 445 Seiten, ISBN 3453172582