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Kategorie: Allgemein

Leonard Cohen: Die Flamme – The Flame

Leonard Cohen: Die Flamme – The Flame

Vor seinem Tod wolle er noch ein Buch fertigstellen, vertraute Leonard Cohen einem Reporter des „New Yorker“ an. Wenige Wochen danach, am 7. November 2016, starb der weltberühmte Dichter und Singer-Songwriter. Die Auswahl für die Gedichte, Songtexte und Notizen des Buches hatte der 82-Jährige noch treffen können, auch die Gliederung. Die Details allerdings mussten nach seinem Tod Vertraute vornehmen, unter ihnen sein Sohn Adam. Er erinnert daran, dass das Schreiben Cohens „einziger Trost und sein wahrhaftiger Lebenszweck gewesen“ sei, den er als „Mission G-ttes“ verstanden habe. Religion, Lehrer, Sex, Frauen, Drogen, Ruhm, Geld – nichts habe ihn so erfüllt wie das Schreiben. Leonard Cohens Texte, die unter dem Titel „The Flame“ veröffentlicht wurden, sind ein sprachmächtiges Vermächtnis. Es wird ergänzt durch zahlreiche Selbstporträts, die Cohen von sich zeichnete, und durch Abbildungen vieler handgeschriebener Notizen.

Cohen war familiär tief im jüdischen Glauben und Leben verwurzelt. Schon als Kind war ihm diese Bindung ans Judentum (auch sein Nachname weist auf die jüdischen Tempelpriester hin) bewusst, er wollte eigenen Aussagen zufolge in weiß gekleidet das Allerheiligste betreten „und mit den tiefsten Quellen [s]einer Seele verhandeln“.

Tatsächlich hat der erwachsene Leonard Cohen Ähnliches sein Leben lang öffentlich getan. Sein Lied „Hallelujah“ etwa spinnt die Liebe König Davids zu Bathseba weiter; der geheimnisvolle Dreiklang von Glaube, Liebe und Abhängigkeit, den „Hallelujah“ zeichnet, fasziniert bis heute Menschen auf der ganzen Welt. Im Lied „Suzanne“ bezeichnet Cohen Jesus mystisch als Seefahrer, der übers Wasser geht, und spielt auf sein Kreuz an: „Er selbst war schon zerbrochen, lang bevor der Himmel aufging.“

Auf Cohens letzten CD-Veröffentlichungen traten seine religiösen Bezüge immer mehr in den Vordergrund. Unaufgeregt und in spiritueller Ehrfurcht nahm er seinen Tod in den Blick und ließ die Welt daran teilhaben. „You want it darker“ nannte er seine letzte CD, „Du willst es dunkler“: Der Titelsong ist ein inniges haderndes Gebet zu Gott: „Verteilst du die Karten / Verlass ich das Spiel [… ] Du willst es dunkler / Wir ersticken die Flammen“. Dennoch gibt sich Cohen immer wieder seinem Gott hin, mit biblischen Worten: „Geheiligt und gepriesen / Sei Dein Himmlischer Name […] Hineni – Hier bin ich, o Herr.“ Das erinnert an das Kaddisch, das jüdische Totengebet; im Hintergrund singt denn auch der Synagogenchor aus Cohens Geburtsort Westmount. In einem anderen Lied der CD wirkt Cohen versöhnt mit Gott. „Als würde die Sonne ihre Strahlen verlieren / Und wir in endloser Nacht vegetieren / und es gäbe nichts mehr / zu fühlen / Genau so / würde mir die Welt erscheinen / gäbe es deine Liebe nicht.“ Und im Lied „Treaty“ wünscht er sich, einen Deal zu schließen – mit Gott? Nein, offensichtlich mit Jesus, denn den sah er „Wasser zu Wein verwandeln“ und beschreibt ihn als „wiedergeboren ohne Haut“. „Ich bin wütend und müde“, bekennt Cohen, und wünscht sich „ein Abkommen zwischen Deiner Liebe und der meinen“, auch zwischen „Deinem und meinem Verlangen“.

Auch die Texte der CD sind in dem Buch „The Flame“ abgedruckt. Sie markieren Cohens Lebensthemen: seine Suche nach Gott, das Ausleben seines Verlangens – und eine mystische Weltsicht, die Cohen leidenschaftlich umtrieb und die er mit zunehmendem Alter regelrecht zelebrierte. Viel hat er ertragen in seinem Leben: Drogen, viele Frauengeschichten, die ihm sichtlich zu Herzen gingen, Depressionen, am Ende Krankheiten, die er so lange wie möglich zu ignorieren versuchte.

Sein ganzes Leben lang schrieb er Gedanken auf, mal als Aphorismen, meist in lyrischer Form. Schon als Kind fand sein Sohn Adam überall Zettel und Notizbücher seines Vaters, in Taschen, Schubläden, sogar im Kühlschrank. Die im Buch erstmals veröffentlichten Notizen erlauben Einblick in Cohens Privatleben. Am 19. Februar 2002 schreibt er etwa am Frankfurter Flughafen: „Ich möchte beten / fünfmal am Tag / und das tue ich / Ich möchte leben / als lebte G-tt / durch mich an dich / und das tue ich.“ Einmal notiert er, er sei ein schlechtes Vorbild, „ich bin weder Weiser, Rebbe, Roshi noch Guru […] Wenn einige meiner Songs / einen Augenblick / leicht für dich machen / erinner dich bitte daran.“

Und immer wieder Texte, die wie Psalmen wirken. „Born in Chains“ zum Beispiel: „Ich wurde in Ketten geboren / Doch aus Ägypten verstoßen.“ Der Refrain: „Geheiligt werde dein Name / Dein Name sei gepriesen / Er steht auf meinem Herzen / In brennenden Buchstaben.“ Cohen beschreibt das Leid der Welt: Kriege, vermisste Kinder, Hunger, Mord, Vergewaltigung – „Lord, it‘s almost like a Blues“. Im Alter dann betet er „um Mut / Auch am Ende / Der Tod und ich / Sind dann Freunde.“ Und schließlich das ergreifende Lied „Going home“, im Angesicht des Todes singt er: „Ich geh heim / hinter den Vorhang / Ich geh heim / Ohne Verkleidung / Die ich verlor.“

Erstaunlich, wie Cohen sich immer intensiver mit Jesus auseinandersetzte. „Zeig mir den Ort / Hilf mir den Stein wegrollen […] Allein kann ich dies Ding nicht bewegen / Zeig mir den Ort / Wo das Wort zum Mann wurde […] Zeig mit den Ort / an dem das Leid begann“, singt er im Song „Show me the place“; in „Come healing“ heißt es: „Das Kreuz das du gelassen / Die Splitter in deinem Fleisch / Heilung diesem Körper / Heilung diesem Geist. / O lass die Himmel schwanken / Und lass künden aus der Erde Bauch; / Heilung den Altären / Dem Namen Heilung auch“.  Im Lied „Amen“ wieder eine Art Gebet, in der er die biblische Symbolik des leidenden Messias aufnimmt: „Erzähls mir noch mal / Wenn sich der Schmutz des Schlachters / Im Blut des Lammes gelöst hat“. Rührend eine Notiz, die er an einem einsamen Weihnachtstag aufschrieb: „Ich habe zu dem gebetet / um den es geht“.

Mit einigen biblischen Gestalten fühlte Cohen sich offenbar so verbunden, dass er sie als Schablone fürs eigene Erleben nutzte. Samson zum Beispiel, der in einer Art Selbstmordattentat einst den Tempel der feindlichen Philister einstürzen ließ, „ich selbst bin blind vor Zorn und Tod“, bekannte Cohen. Oder er fühlt sich „wie David, der sich in die Finsternisse der Liebe begab“; das Gedicht wandelt sich in den Ruf nach dem Messias: „die Welt fängt an, dich zu erwarten […] Mach den Namen neu / & bring seinen Sänger in Stellung“.

Auf außergewöhnlich fantasievolle Weise näherte sich Cohen immer wieder neu dem Mysterium des Glaubens. Motive jüdischer Mystik verband er mit biblischem Wissen, Erfahrungen eigener Enttäuschungen mit der Weisheit der buddhistischen Meditation, die ihn während eines fünfjährigen Klosteraufenthaltes eine Lebenskrise überwinden half. Das Fundament seines biblischen Glaubens verließ er nie, übte aber poetisch Kritik an verfassten Religionen. Er habe „viele Sakramente aus mancher Hand“ empfangen, schrieb er einmal, könne aber die vermeintlichen Lehrer mit ihrem „täglichen Gerede“ nicht als Vorbilder anerkennen. Eher sah er sich ganz allein vor Gott stehen(dessen Namen er in jüdischer Tradition nicht ausschreibt), „nächtelang allein / mit den Engeln des Herrn / legte ich die Bücher der Liebe beiseite“. Cohens Weltenschmerz verbindet sich in solchen Momenten mit der Leidenschaft eines biblischen Propheten. „Ich kann nicht mehr“, schreibt er, „Beschränkungen für die Reichen und den Bedürftigen Hoffnung / sicher, das brauchen wir sehr / ich kann nicht mehr. / und die Lügen die sie streuen / über G-tt / als wären sie die Herrn / ich kann nicht mehr.“

Ein besonderes literarisches Schmankerl bietet ein Mailwechsel Cohens mit dem Berkeley-Professor Peter Dale Scott, der ebenfalls Gedichte schreibt. Im Oktober 2016 widmete er Cohen sein Buch „Walking of Darkness“ und nahm Bezug auf dessen kurz zuvor erschienene CD „You want it darker“. Scott schreibt: „Wenn du es dunkler willst / ist dieses Buch nichts für dich / Ich wollte es stets leichter / Und ich glaube, Gott auch.“ Cohen nahm die Aussage seines Freundes etwas spitzzüngig auf. „du und gott seid kumpel“, entgegnet er, „du weißt was er nun will / da steht der gebrochene hiob voll blut / der ihm ins antlitz sah“. Und er zitiert die Torah: „er wird es dunkler machen er wird es heller machen.“ Ein heftiger geistvoller Mailwechsel über Gottes Wesen entsteht, den Cohen mit einem Zitat aus der Bergpredigt beendet: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Der Tiefe und Besonderheit des Buches entspricht die Aufmachung. Überall flammendes Orange: das Vorsatzpapier, der Schnitt, das Lesebändchen und die Stanzschrift im Leineneinband. Die seltene Schrifttype, das übergroße Format, der Satzspiegel: Dieses Buch ist ein bibliophiles Schmuckstück. Und eine gestalterische Reminiszenz an Cohens poetische Mystik, die trotz aller Melancholie am Ende von einem leidenschaftlichen „Hallelujah“ geprägt blieb. Das Schreiben war seine Flamme, meint Sohn Adam, „sie ist niemals erloschen“. Das Übersetzerteam hat die Cohen‘sche Poesie kunstvoll und feinfühlig ins Deutsche übertragen.

Leonard Cohen: Die Flamme / The Flame. Zweisprachige Ausgabe englisch/deutsch. Mit zahlreichen Illustrationen. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 352 Seiten.

 

Kidnapping Oma – Matthias Morgenroth

Kidnapping Oma – Matthias Morgenroth

Die eigene Großmutter kidnappen: ein lebensferner Plot für ein Kinderbuch, oder? Eigentlich schon. Nicht aber, wenn ein lebenserfahrener und kluger Autor wie Matthias Morgenroth darüber schreibt. Als dreifacher Vater weiß er, wie Kinder ticken. Und er kennt Familienkonstellationen, in denen Erwachsene seltsame Geheimnisse hüten, unter denen Kinder mitunter leiden. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen schrieb er sein Buch. Da gibt es Leni und Jonas, die eines Tages eine alte Frau mit Pony und blauem Campingbus mit Blümchengardinen treffen. Zufall ist das nicht, rasch entlarven sie eine Lebenslüge ihrer Mutter. Die hatte sich nämlich mit ihrer Mutter im Streit entzweit und den Kindern gesagt, ihre Oma sei gestorben. In Wahrheit lebte die Oma in Schottland; als die Sehnsucht nach den Enkeln zu groß wurde, hatte sie sich mit Pony Charles auf den Weg zu ihnen gemacht.

Wie eine Agentin nähert sie sich den zunächst verunsicherten Kindern an. Die Mutter erfährt davon und verbietet ihr, die Enkel zu sehen. Doch die wollen sich ihre Oma nicht wieder wegnehmen lassen. Also hecken sie den Plan aus, ihre eigene Oma zu entführen. Die spielt natürlich mit und die drei erleben ein aufregendes, wunderschönes Oma-Enkel-Wochenende.

Leni und Jonas geben sich nicht mit dem offensichtlich unrechten Verhalten ihrer Mutter ab und werden zu mutigen Akteuren ihres Glücks. Das ist ermutigend für die Leser. Sie bekommen einen rasanten, abenteuerlichen Roman mit Polizisten und Pony, mit Glücks- und Angstmomenten, neuen Freunden und alten Bekannten – und am Ende eine Reise ins regenreiche Schottland, auf der trotzdem „ein Feuerwerk von Glück“ explodiert.

Matthias Morgenroth – hauptberuflich arbeitet er als Redakteur für den Bayerischen Rundfunk – ist ein pädagogisch wertvolles und gleichzeitig temporeiches Buch gelungen. Es belehrt nicht, sondern klammert die seltsame Wirklichkeit, die Erwachsene Kinder zumuten, einfach nicht aus.

Matthias Morgenroth: Kidnapping Oma. Mit Illustrationen von Marloes de Vries. Coppenrath Verlag Münster 2018. ISBN 978-3-649-62856-9

Matthias Morgenroth zu „Kidnapping Oma“ in der Rubrik „BirnsteinsBesuch“

Autoren-Website

Leben. 100 % – Georg Schwikart

Leben. 100 % – Georg Schwikart

Was für eine dramatische Konversionsgeschichte: Der Publizist Georg Schwikart drehte – kurz vor seiner Weihe zum Diakon – der katholischen Kirche den Rücken zu. Der Grund: Wegen leicht kirchenkritischer Äußerungen in dem gemeinsam mit mir verfassten Buch „Katholisch? Never / Evangelisch? Never!“ verwehrten ihm der damalige Erzbischof Kardinal Meisner und dessen Adlatus Rainer Maria Woelki im Jahr 2010 die Weihe. Er habe Homosexualität nicht verteufelt, hieß es, und halte Frauen im Diakonat für denkbar. Verständlicherweise zog der fromme Herzenskatholik Schwikart es vor, sich dem katholischen Inquisitionseifer zu entziehen – er betrat den evangelischen Kirchengarten der Freiheit, wurde sogar rheinischer Pfarrer. (Ich kommentierte das seinerzeit in meinem Blog). Mittlerweile ist er in der Bonner Hardtberggemeinde. Nun hat er viele seiner Erfahrungen der ersten Pfarrersjahre gesammelt und veröffentlicht – in wiederum einem katholischen Verlag. Was zeigt: Schwikart ist ein Wanderer zwischen den Konfessionswelten geblieben. Viele der Gedanken, Geschichten, Anekdoten des Buches zeigen das auf eine sehr ehrliche, geerdete und oft humorvolle Weise. „Jene die meinen, sie könnten bei mir punkten, wenn sie über die katholische Kirche herziehen, kennen mich schlecht“, schreibt er – bedauert andererseits, dass er in der evangelischen Pfarrerschaft „unter chronischem Klerikalismus-Verdacht“ stehe. Irgendwie hängt er eben immer noch an der katholischen Lebensfreude; sein Klischee der freudlosen Protestanten versucht er redlich, abzubauen, wenn er lakonisch feststellt: „es gibt auch andere“. Wer mit Schwikart in den Gemeindealltag eintaucht, könnte meinen: Im Christenvolke ist die Trennlinie zwischen katholisch und evangelisch doch sehr konstruiert. Schwikart greift in die Schatzkiste des Lebens und erzählt freiweg – zum Beispiel von einer Tochter, die ihn bittet, für den kranken Vater zu beten. Schwikart: „Da hilft das protestantische Prinzip nicht viel, dass jeder für sich selbst betet – sie braucht einen Fürsprecher beim Herrn, und ich erfülle gern diesen Wunsch.“ Oder von einem Freund, der ins Bordell geht: „Ob das einen Unterschied macht, wenn er neben ihm vor Gott steht, der doch nur an der Liebe misst?“ Dann wieder ist er ergriffen von einer katholischen Ordensschwester, die eine „wundervoll geistvolle Andacht“ hält – „ein Jammer, dass sie in ihrer Kirche nicht Priesterin sein darf“. Dass der leitende Geistliche seiner jetzigen evangelischen Landeskirche, der rheinische Präses, kein Brustkreuz trägt, enttäuscht ihn – „das würde ich ihm gönnen“.

Schwikart ist Mitte fünfzig, hat ungeheuer viel Wissen im Kopf und Erfahrungen auf dem Buckel. Deshalb beurteilt er die Konflikte auf wohltuend gelassene Weise: „Ich bin erst spät Pfarrer geworden. Das hatte Vorteile: Ich wusste schon, dass es mich gibt.“ Als Pfarrer geht der studierte Religionswissenschaftler und Theologe, Dr. phil., in die Schule des Kirchenvolkes und bemerkt: „Unser Christsein ist ein großes Durchwursteln zwischen Fundamentalismus und Laissez-faire.“ Wie befreiend. Pragmatisch couragiert ist Schwikart auch in Fragen der praktischen Ökumene: Wenn er mit seiner katholischen Ehefrau in die Messe geht, feiert er nicht die Kommunion mit, sondern hält sich an die Lehre, dass er als Nichtkatholik nun mal ausgeschlossen ist. Welch schönes Bild: Seine Frau kommt vom Altar zurück und bringt ihm in der geschlossenen Hand eine halbe Hostie mit. Mit katholischer Don-Camillo-Bauernschläue gegen die amtskatholische Abendmahlsstrenge: Chapeau.

Georg Schwikart: Leben 100 %. Notizen eines Pfarrers am Stadtrand. Verlag neue Stadt, 160 S., € 15, ISBN: 978-3-7346-1188-9

Leseprobe

Rezensionen anderer Bücher Georg Schwikarts bei „BirnsteinLiest“:

Höher, höher! Bewahrte Worte

Wir plappern wie die Heiden

Amen, Kuss und Zölibat

 

 

Neujahr – Juli Zeh

Neujahr – Juli Zeh

Kein Zauber, nirgends. Dafür Enttäuschung darüber, dass Juli Zehs neue Roman merkwürdig flach, kleinteilig und klischeedurchsetzt daherkommt. Die Geschichte: Henning, ein junger Vater mit Herzproblemen, fährt mit Gattin und den beiden gemeinsamen kleinen Kindern in den Urlaub nach Lanzarote. Am Silvesterabend nerven die Kinder, die Frau flirtet und tanzt fremd – also steigt der Vater aufs Rad und quält sich die Serpentinen auf den Berg hinauf. Auf dem Weg sieht er seltsame Dinge: einen Hirten, der starr dasteht, und einen Gärtner, der gegen den Wind gießt und trotzdem nicht nass wird. Die Anstrengung des Radelns löst in dem gefrusteten Bilderbuchpapi ein paar Vermurksungen; laut traut er sich, seine eingespannte Situation und seine Liebsten „scheiße“ zu finden und schreit es wütend in den Wind. Endlich kommt er mal aus sich raus, der neue Mann. Klar, er leidet auch darunter, dass seine Frau ihn ziemlich weicheiig findet, er solle doch mal wie ein Mann werden, sagt sie, „einer, den ich lieben kann!“ Das sitzt.

Als Henning den Gipfel erreicht, kommt ihm einiges seltsam vertraut vor: Das Dorf da unten hat er doch schon mal gesehen? Die unzähligen ekligen Spinnen an der Wand des Hauses und den tiefen dunklen Brunnen doch auch? Und oha, Lisa, die Frau, die im Haus auf dem Gipfel wohnt, trägt die Haare genauso geflochten wie seine Mutter!

Cut. Genau in der Mitte setzt die Erzählung neu an und erzählt eine zweite Geschichte. Sie klärt die Déja-Vùs langatmig und arg konstruiert auf. Henning und seine kleine Schwester Luna waren mit ihren Eltern schon mal im Urlaub – o Wunder, in genau diesem Haus in Lanzarote. Und da geschah Traumatisches: Die Eltern fuhren eines Tages weg und ließen die beiden Kinder allein im Haus. Die Kleinen wurschteln sich durch die Tage, sind erst irritiert, geben dann die Hoffnung auf die Wiederkehr der Eltern auf und versinken im Chaos. Eine Erinnerung kriecht in Hennings Bewusstsein: Er hatte seine Mutter dort beim Liebesakt mit dem Gärtner Noah entdeckt. Und eben der rettet Luna vor dem Sturz in den tiefen Brunnen. Das Finale des Buches: Wieder zurück in Deutschland, löst Henning das ihn offensichtlich beengende Band mit seiner Schwester Luna und entlässt sie und damit auch sich selbst ins freie Leben. Ob ihn dies befähigt, nun gegenüber seiner Frau und seinen Kindern zum Mann zu werden, bleibt so offen wie wünschenswert.

Juli Zeh schreibt eigentlich wohltuend sachlich. Im Buch „Neujahr“ allerdings führt dieser Schreibstil nicht zu tiefen und grandiosen Personenbeschreibungen, sondern zu einer geradezu plumpen Unmittelbarkeit. Da ist nichts Leichtes, nichts Unerwartbares, nichts Transzendentes. Für eine psychologische Studie, die der Plot hätte hergeben können, steuert Zeh zu gradlinig auf ihr Thema zu: Wie prägt die Kindheit das Erwachsenenleben und wie inszenieren sich in Beziehungen die alten Traumata neu. Mit viel Wohlwollen könnte man das als tiefenpsychologischen Ansatz werten – doch den relativiert Zeh gleich wieder, indem sie das offensichtlich psychosomatische Leiden Hennings, verbunden mit Panikattacken, als „ES“ bezeichnet. Freud lässt grüßen. Doch leider ist Juli Zeh auch kein halbwegs stringenter und tiefsinniger psychologischer Roman gelungen. „Neujahr“ liest sich eher wie ein Werkstattbericht eines Romans, aus dem mit viel Arbeit und Konzentration etwas Großes werden könnte.

Juli Zeh: Neujahr. Roman, Luchterhand Literaturverlag, München 2018, 192 Seiten ISBN 978-3-630-87572-9

Raiffeisen – Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft

Raiffeisen – Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft

„Gute Journalisten sind Geschichtenerzähler, die letzten Hüter des Lagerfeuers, um das sich seit Jahrtausenden die Leute versammeln und lauschen und nachdenken.“ So beschreibt Paul-Josef Raue sein Metier. Viele Jahre lang wirkte er als Chefredakteur großer Tageszeitungen. Im Ruhestand, vom tagesaktuellen Geschäft verschont, vertieft er sich nun in Themen. Zum Beispiel in das Leben Friedrich Wilhelm Raiffeisens. Umfragen zufolge wissen nur vier Prozent der Deutschen, dass „Raiffeisen“ keine Marke, sondern der Name eines Menschen ist: Der Name des Gründers der modernen Genossenschaften.

Was er tat und dachte, wie er lebte und woraus er seine Kraft schöpfte, beschreibt Raue mit lockerer Feder und dem nötigen Tiefgang. Er taucht ein in die kleine Welt des Westerwalds, versetzt sich in das Kind Friedrich Wilhelm, das in einem evangelischen Pfarrer einen Förderer und fromme Orientierung findet. Lebendig beschreibt Raue den jungen Mann, der mit Gleichgesinnten in einem Jugendbund wandert und bechert, über Gott und die Probleme der Welt diskutiert, die gerade im Aufbruch ist. Ein schweres Augenleiden lässt Raiffeisen beruflich umsatteln, mit 26 wird er Bürgermeister. Die unbeschreibliche Not der Menschen geht ihm ans Herz, er will helfen – und ersinnt eine Art der Selbsthilfe, die in den folgenden Jahren als Genossenschaftswesen bekannt wird. Bis heute ist sie so erfolgreich, dass sie „immaterielles Weltkulturerbe“ geworden ist und sich ihr rund eine Milliarde Menschen verbunden fühlen.

Sein Buch sei „die Reportage eines Lebens, erzählt von einem Journalisten“ schreibt Raue. So liest es sich auch: spannend, kurzweilig, mit Anekdoten gespickt und spürbar mit Lebenserfahrung geschrieben. Auf die fromme Seite Raiffeisens legt Raue besonderes Augenmerk. Es wird deutlich: Raiffeisen war schlichter Christ „ohne theologischen Überbau“; das Handeln war ihm wichtiger als die private Frömmigkeit. Schleiermachers Thesen über die gefühlige Seite des Glaubens waren ihm bekannt, täglich las er die Herrnhuter Losungen. Ergiebige Zitate hat Raue gesammelt. Unter anderem die Einschätzung eines mit Raiffeisen befreundeten Priesters: „Er war sich seiner katholischen Gesinnungsweise wohl bewusst, aber dem Lehramte der katholischen Kirche sich zu unterwerfen, konnte er als Protestant nicht über sich bringen.“ Ein ganzes Kapitel beschreibt Raiffeisens späteren Plan, eine „Gemeinschaft wohltätiger Liebe“ zu gründen, eine „Societas Caritatis“. In dem überkonfessionellen Orden sollten Mönche ehelos leben und eine eigene Welt mit Ausstrahlung in die Gesellschaft gründen. Diese ziemlich spezielle Vision konnte Raiffeisen jedoch nicht umsetzen.

Ja, da gibt es tatsächlich viele lagerfeuertaugliche Geschichten im Leben Raiffeisens.

Paul-Josef Raue: Raiffeisen. Ein Leben für eine gerechte Gesellschaft. Eine Biografie über den Gründer der modernen Genossenschaften. Klartext-Verlag Essen 2018. 160 Seiten. ISBN 9783837520262

Embodiment

Embodiment

Ein Seminar für Führungskräfte, es wird viel gedacht und geredet. Nur der Workshop „Körperarbeit“ wirkt zunächst fehl am Platz. Viele, die an dem halbstündigen Workshop teilnehmen, zeigen sich hinterher irritiert und fragen, ob das jetzt Esoterik sei oder warum man hier seinen Körper spüren müsse?!? Die Szene kann man sich gut vorstellen. Sie ist aus dem Leben gegriffen und hat vier kluge Menschen, die sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Körper und Geist beschäftigen, zu diesem Buch motiviert. „Woher kommt die Vorstellung, das Gehirn könne als oberste Kommandozentrale wie ein Exekutivorgan in einer Petrischale seinen Dienst verrichten, völlig ohne die Kooperation mit all dem, was abwärts vom Hals daran befestigt ist?“, fragen sie und erforschen, warum es vielen Menschen so schwerfällt, achtsam mit dem eigenen Körper umzugehen. Ihre These: Körper und Geist stehen in Wechselwirkung miteinander. Es gibt den freien Geist nicht ohne einen bewussten Umgang mit dem Körper. Das klingt wie eine Binsenweisheit, ist es aber nicht. Denn in unserer von der Aufklärung geprägten westlichen Welt gilt zumeist die Vorordnung des Geistes; der Körper wirkt da oft nur wie ein unliebsames Anhängsel, mit dem man irgendwie umgehen muss. Das aber funktioniert nur schwerlich und führt zu allerlei Verirrungen – da erschlaffen die Körper der Denker und Schreiber, während ihre Gehirne mangels Bewegung nur noch weltfremde und verkruschte Theorien und Pläne schmieden. Verschiedene wissenschaftliche Fachrichtungen aber auch praktische Therapeuten beschäftigen sich mit dem Phänomen, das „Embodyment“ genannt wird. Wer bewusst mit seinem Körper umgeht, beeinflusst auch seinen Geist in positiver Weise. Die Körperhaltung bestimmt mit, wie das Gehirn arbeitet. Der Körper kann den Geist mehr beflügeln, als vermutet. Gesten und Atmung wirken sich auch auf die Emotionen aus. „Embodiment ist ein positiv erlebter Zustand, ja Glückszustand!“, frohlockt der Psychologe Wolfgang Tschacher, einer der Mitherausgeber dieses Standwerkes zum derzeitigen Stand der Embodiment-Forschung. Außerdem dabei: die Psychodramatherapeutin Maja Storch, Therapeutin und Journalistin Benita Cantieni sowie der Neurobiologe Gerald Hüther. Was sie an Wissen und praktischen Übungen zusammengetragen haben, überzeugt. Und es motiviert, eine ganz neue Haltung einzunehmen.

Maja Storch u.a. (Hg.): Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Hogrefe Verlag, 3. Aufl. 2017. 184 Seiten. ISBN: 9783456858166

Momente 2017

Momente 2017

Irgendwie wirkt es irreal, was da im letzten Jahr in Wittenberg und anderswo geschah. Zehn Jahre lang bereiteten sich alle möglichen kirchlichen, später auch staatlichen Institutionen auf den 500. Jahrestag der Reformation vor. Dann war er da – und viel weniger Menschen als erhofft interessierten sich dafür. Egal, denn was da auf die Beine gestellt wurde, war schon immens und lohnt der Erinnerung, denn es war für einige Zeit sehr real. Dieser Bildband zeigt mit sehr, sehr guten Fotos renommierter Fotografen, was alles passierte anlässlich des Reformationsjahres, von der Eröffnung am 31. Oktober 2016 in der Berliner Marienkirche bis zum Abschluss genau ein Jahr später in der Wittenberger Schlosskirche. Zu Beginn zeigte Papst Franziskus mit seinem Besuch beim Lutherischen Weltbund in Lund, dass Reformation auch ein ökumenisch wichtiges Thema ist. Die Dämme waren gebrochen, Kardinal Reinhard Marx und EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm waren fortan in trauter Einigkeit bei vielen Veranstaltungen zu sehen. Ein besonders nettes Foto zeigt, wie die beiden in Israel wandern.

So viele Events wie 2017 gabs noch nie in der Kirche. Klar, die raumschiffgleiche Bühne auf den Wittenberger Wiesen für den Open-Air-Gottesdienst am 28. Mai – egal, wie viele kamen: Der Eindruck bleibt prägend. Der Bibelturm am Wittenberger Bahnhof, die vielen Angebote in der Lutherstadt, vom Kletterturm bis zum Asisi-Panorama, das Pfadfinderlager, die Lichterkirche, der Segensroboter, dann das Mini-„Haus der Religionen“ und das Flüchtlingsschiff am Schwanenteich, nicht zu vergessen das Luther Pop-Oratorium und die Ausstellung „Luther und die Avantgarde“: Der Bildband zeigt all dies und hält Erinnerungen aufs fotografisch Feinste frisch.

Momente 2017. Ein Bildband zum Reformationsjubiläum, hg. im Auftrag des Kirchenamtes der EKD. edition chrismon/EVA, Leipzig 2017. 112 Seiten. ISBN 978-3-96038-130-3

Gottloser Westen? – Alexander Garth

Gottloser Westen? – Alexander Garth

„Heilige Träumer“ brauche die Kirche, meint der Wittenberger Pfarrer Alexander Garth und vermutet, „dass diese weniger in Landeskirchenämtern sitzen“. Sie müssten mit Gemeindebauern –  den Realisten – und Bedenkenträgern in einer Art Think Tank einen kreativen Prozess beginnen, um der Kirche wieder Strahlkraft zu geben. Denn Garths Analyse der Kirche in Deutschland und der geistlichen Lage in Westeuropa ist ziemlich düster. „Der westliche Materialismus mit seinem Machbarkeitswahn, mit seiner Vergötterung von Wohlstand, mit seiner Ökonomisierung und Sexualisierung weiter Lebensbereiche hat eine spirituelle Verarmung erzeugt.“ Der Mensch habe die „religiöse Dimension“ verloren und finde sich nun „in einer entzauberten Welt wieder, in der er nicht mehr weiß, wer er ist.“ Europa sei mittlerweile „eine säkulare Insel im religiösen Meer“ geworden und habe sich „von seinem geistig-moralischen Fundament“ entfernt.

Oha, das sind sehr markige Worte. Wer Alexander Garth kennt, weiß, dass er kein Untergangsprophet ist, sondern in Lutherstadt Wittenberg mit viel Herz und kreativen Ideen versucht, Menschen für den christlichen Glauben zu begeistern. Mit einer Mischung aus theologischer Bildung und evangelikaler Missionserfahrung ist er ein Brücken bauendes Unikum in der deutschen Pfarrerszene. Er lebt einen Steinwurf entfernt von Luthers einstigem Zuhause und predigt dort, wo Luther einst predigte. Und manche Sätze Garths klingen wie Übertragungen lutherisch-bolleriger Aussagen ins 21. Jahrhundert, zum Beispiel dieser: „Christliche Spiritualität ist Jesus-Frömmigkeit, kein allgemeines religiöses BlaBla, bei dem es letztlich darum geht, das Ego spirituell aufzufrisieren.“ Oder dieser: „Wer die Aufmerksamkeit der Menschen haben möchte, muss nicht nur verständlich, sondern mit einem brennenden Herzen von Gott reden.“

So wahr, so gut. Luther wusste, wen er mit seiner Kritik an der real existierenden Kirche im Blick hatte. Das ist bei Alexander Garth anders. Er ist ja auch Teil und Nutznießer jener Kirche, mit der er ins Gericht geht. Da wirken nach der an manchen Stellen wortmächtigen und schön streitbaren  Analyse der Situation die praktischen Tipps dann doch etwas klein. Think Tanks und Gremien, die die Kirche voranbringen sollen, gibt es wahrlich genug. „Wenn die Strahlkraft einer lebendigen Spiritualität aufleuchtet, öffnen sich Herzen“, vermutet Garth – stimmt, deshalb versuchen die Kirchen, den spirituellen Aspekt des Glaubens in ihren Vikarskursen zu verstärken. Prediger sollten „sich hüten, die große Geschichte Gottes mit der Menschheit in lauter kleine Geschichtchen der Betroffenheit auszulösen“, warnt Garth und rennt auch damit offene Türen ein, denn das EKD- „Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur“, das ebenfalls in Wittenberg arbeitet, lehrt genau das. Garths Plädoyer ist folglich nicht neu, aber deswegen nicht minder wichtig: Gemeinden sollten nicht in der selbstzerstörerischen Illusion verharren, „dass sie alles anbieten müssen“; gefragt seien Gemeinden mit erkennbarem Profil, das könne hochkirchlich oder charismatisch sein, sozial, evangelikal, liberal, familienorientiert oder auf Jugendliche zugeschnitten.

Am Ende bleibt Garth hoffnungsfroh, dass die Kirche ihre Bürokratie zähmen kann und „in Liebe zu Christus entbrennt“. Dann könne die Kirche, diese „ehrwürdige alte Dame“ und „stolze Riesin“, ihre besten Zeiten noch vor sich haben – auch in der säkularen Kultur des Westens.

Alexander Garth zu Gast in BirnsteinsSalon

Alexander Garth: Gottloser Westen? Chancen für Glauben und Kirche in einer entchristlichten Welt. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2017. 224 Seiten. ISBN 978-3-374-05026-0

Kerstin Hack – Leinen los

Kerstin Hack – Leinen los

Manche Menschen meinen, Sie hätten keine Träume. Andere haben welche, erfüllen sie sich aber nicht. Und einige lassen sie wirklich werden, koste es an Geld, Energie und Aufwand, was es wolle. Verlegerin und Coach Kerstin Hack gehört zu ihnen. Der Traum der gebürtigen Fränkin: auf einem Hausboot leben. Mittlerweile tut sie es, mitten in Berlin, wacht morgens mit den Enten auf, nimmt gerne mal ein Bad in der Spree, begrüßt Fischreiher und beherbergt Gäste, die sich von ihr coachen und inspirieren lassen wollen. Hinter der heute wildromantisch anmutenden Szenerie steckt jahrelange Arbeit. Denn Kerstin Hack scheute weder Mühen noch Kosten, um ihren Traum wahr werden zu lassen. Sie fand immer wieder Helfer, wurde so ganz nebenbei selbst zur Schiffsanierungsexpertin, tat manchmal auf wundersame Weise neue Geldquellen auf und genießt heute das Leben an und unter Deck. Nun hat sie aufgeschrieben, wie sie ihren Traum verwirklichte. Das Buch macht deutlich: Den Lebenstraum zu leben, kostet. Doch wer die Mühen nicht scheut, wird am Ende glücklicher sein.

Wer lesen will, wie es weitergeht auf dem Schiff, lese Kerstin Hacks Blog: https://kerstinhack.de/blog

Kerstin Hack: Leinen los. Wie ich mitten in Berlin ein Hausboot baute, um meinen Traum zu leben. bene! / Droemer Knaur, München 2018. 208 S., ISBN: 978-3-96340-028-5

Khaled Hosseini – Am Abend vor dem Meer

Khaled Hosseini – Am Abend vor dem Meer

Flüchtlingsstatistiken. Jede Zahl bedeutet: ein Mensch. Und hinter jeder Zahl steht ein bewegendes Schicksal mit Leid, Schmerz und Schrecken, aber auch mit Lebenswille, Hoffnung und Zähigkeit. Khaled Hosseini, in Afghanistan geborener und seit Jugendjahren in den USA lebender Schriftsteller, hat eine kleine, berührende Erzählung geschrieben über das Schicksal einer syrischen Familie. Sie beginnt in Friedenszeiten und endet auf dem Mittelmeer. In wenigen Zeilen umreißt Hosseini, was geschieht. Die Illustrationen des englischen Künstlers Dan Williams verleihen den Worten zusätzliche Stärke. Erst die strotzende Natur in den Bergen Syriens. Dann die dunklen Kriegsjahre. Schließlich das Meer, gleichzeitig bedrohlich, aber am Horizont schimmert die Sonne. „Ich bete, dass Gott unser Boot sicher leitet“, sagt der syrische Familienvater, denn sein Sohn sei „die kostbarste Fracht, die es jemals gab. Oh wie sehr ich bete, dass das Meer das weiß.“

Ein zauberhaftes, aufrüttelndes, melancholisches und hoffnungsvolles Buch. Es sei „der Versuch, die Millionen von Familien zu ehren, die auseinandergerissen und gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen“, erklärt Autor Hosseini. Ein sehr gelungener Versuch.

Khaled Hosseini: Am Abend vor dem Meer. Mit Illustrationen von Dan Williams. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018. 48 Seiten, ISBN  978-3103974096