Gottloser Westen? – Alexander Garth

Gottloser Westen? – Alexander Garth

„Heilige Träumer“ brauche die Kirche, meint der Wittenberger Pfarrer Alexander Garth und vermutet, „dass diese weniger in Landeskirchenämtern sitzen“. Sie müssten mit Gemeindebauern –  den Realisten – und Bedenkenträgern in einer Art Think Tank einen kreativen Prozess beginnen, um der Kirche wieder Strahlkraft zu geben. Denn Garths Analyse der Kirche in Deutschland und der geistlichen Lage in Westeuropa ist ziemlich düster. „Der westliche Materialismus mit seinem Machbarkeitswahn, mit seiner Vergötterung von Wohlstand, mit seiner Ökonomisierung und Sexualisierung weiter Lebensbereiche hat eine spirituelle Verarmung erzeugt.“ Der Mensch habe die „religiöse Dimension“ verloren und finde sich nun „in einer entzauberten Welt wieder, in der er nicht mehr weiß, wer er ist.“ Europa sei mittlerweile „eine säkulare Insel im religiösen Meer“ geworden und habe sich „von seinem geistig-moralischen Fundament“ entfernt.

Oha, das sind sehr markige Worte. Wer Alexander Garth kennt, weiß, dass er kein Untergangsprophet ist, sondern in Lutherstadt Wittenberg mit viel Herz und kreativen Ideen versucht, Menschen für den christlichen Glauben zu begeistern. Mit einer Mischung aus theologischer Bildung und evangelikaler Missionserfahrung ist er ein Brücken bauendes Unikum in der deutschen Pfarrerszene. Er lebt einen Steinwurf entfernt von Luthers einstigem Zuhause und predigt dort, wo Luther einst predigte. Und manche Sätze Garths klingen wie Übertragungen lutherisch-bolleriger Aussagen ins 21. Jahrhundert, zum Beispiel dieser: „Christliche Spiritualität ist Jesus-Frömmigkeit, kein allgemeines religiöses BlaBla, bei dem es letztlich darum geht, das Ego spirituell aufzufrisieren.“ Oder dieser: „Wer die Aufmerksamkeit der Menschen haben möchte, muss nicht nur verständlich, sondern mit einem brennenden Herzen von Gott reden.“

So wahr, so gut. Luther wusste, wen er mit seiner Kritik an der real existierenden Kirche im Blick hatte. Das ist bei Alexander Garth anders. Er ist ja auch Teil und Nutznießer jener Kirche, mit der er ins Gericht geht. Da wirken nach der an manchen Stellen wortmächtigen und schön streitbaren  Analyse der Situation die praktischen Tipps dann doch etwas klein. Think Tanks und Gremien, die die Kirche voranbringen sollen, gibt es wahrlich genug. „Wenn die Strahlkraft einer lebendigen Spiritualität aufleuchtet, öffnen sich Herzen“, vermutet Garth – stimmt, deshalb versuchen die Kirchen, den spirituellen Aspekt des Glaubens in ihren Vikarskursen zu verstärken. Prediger sollten „sich hüten, die große Geschichte Gottes mit der Menschheit in lauter kleine Geschichtchen der Betroffenheit auszulösen“, warnt Garth und rennt auch damit offene Türen ein, denn das EKD- „Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur“, das ebenfalls in Wittenberg arbeitet, lehrt genau das. Garths Plädoyer ist folglich nicht neu, aber deswegen nicht minder wichtig: Gemeinden sollten nicht in der selbstzerstörerischen Illusion verharren, „dass sie alles anbieten müssen“; gefragt seien Gemeinden mit erkennbarem Profil, das könne hochkirchlich oder charismatisch sein, sozial, evangelikal, liberal, familienorientiert oder auf Jugendliche zugeschnitten.

Am Ende bleibt Garth hoffnungsfroh, dass die Kirche ihre Bürokratie zähmen kann und „in Liebe zu Christus entbrennt“. Dann könne die Kirche, diese „ehrwürdige alte Dame“ und „stolze Riesin“, ihre besten Zeiten noch vor sich haben – auch in der säkularen Kultur des Westens.

Alexander Garth zu Gast in BirnsteinsSalon

Alexander Garth: Gottloser Westen? Chancen für Glauben und Kirche in einer entchristlichten Welt. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2017. 224 Seiten. ISBN 978-3-374-05026-0


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