Helge Burggrabe u.a.: Chartres – Lauschen mit der Seele

Helge Burggrabe u.a.: Chartres – Lauschen mit der Seele

Was kann eine Kirche mit der Seele eines Menschen machen? Musiker und Komponist Helge Burggrabe beschreibt das beeindruckend. 1996 entdeckte er die Kathedrale von Chartres. Da war er 22 Jahre alt und fühlte sich im spirituellen Niemandsland. In Myanmar geboren, hatte er in seiner Kindheit die buddhistische Lebensphilosophie in sich aufgesogen. Dann der Umzug in ein Dorf nahe Stuttgart – die christliche Kultur zu verstehen oder wertzuschätzen, fiel ihm schwer. Bis er als junger Mann die Kathedrale kennenlernte. „Das war ein Schlüsselerlebnis und führte eine Lebenswende herbei“, blickt er heute zurück. Denn die Kathedrale öffnete sein Herz und seine Sinne für die Weisheit der christlichen Spiritualität. Was er hier sah, drang tief in seinen Seelengrund. So viele Bilder, dass seine Sinne sie gar nicht fassen konnten. Da ist die Skulptur, auf der Adam seinen Kopf in den Schoß seines Schöpfers legt, der ihn liebevoll übers Haar streicht. Da ist Maria, die mit ihrer Hand das Ohr spitzt und mit ruhigem Blick in die Stille horcht. Da sind die leuchtend bunten Fenster, die die Geschichten der biblischen Überlieferung zeigen – und wie sie miteinander in Verbindung stehen. Jesus trägt sein Kreuz, ein grünes Lebenskreuz, bedrohlich wirkt das nicht, eher wie eine Einladung, die schweren, aber Leben spendenden Kreuze des eigenen Lebens anzunehmen. Dann Maria, einträchtig sitzt sie da mit Sophia, der personifizierten Weisheit. Und die vielen Engel, geheimnisvolle lichte Boten Gottes, mit unendlich viel Kraft, Zuwendung, Liebe umsorgen und beschützen sie die Menschen. In den Boden eingelassen ein steinernes Labyrinth, zwölf Meter Durchmesser, seit 800 Jahren beschreiten Menschen den Weg in die Mitte, 261 Meter sind das – mehr als ein wundervolles Sinnbild für den Lebensweg, der nicht gerade bis zum Ziel läuft, sondern ein stetes Wenden und Neuorientieren mit sich bringt.

Burggrabe machte sich auf den Weg, auf seine Entdeckungsreise zu einer „Spiritualität, die Körper, Geist und Seele umschließt und mich auf allen Ebenen offener und berührbarer macht“. Dieser Glaube schließt dunkle Momente und Zweifel nicht aus. Denn auch der christliche Glaube kann nicht alles erklären. Auch dafür ist die Kathedrale eine Analogie. Über viele Generationen wurde an ihr gebaut; wer sich mit ihr beschäftigt, stößt auf viele Fragen und architektonische Ungereimtheiten. „Fragen und Zweifel sind für mich wie Freunde geworden, die mich fordern, fördern und weiterbringen“, schreibt Burggrabe, sie seien „der notwendige Treibstoff für innere Entwicklung und Erkenntnis“, die er nicht mehr missen möchte. Die Chartres-Erfahrung hilft ihm, die eigene Unvollkommenheit anzunehmen und sich „mit dem Fragmentarischen des Lebens, mit den Unzulänglichkeiten des Alltags immer mehr zu versöhnen“. Rilkes Einstellung gefällt ihm, der einem Freund riet, „die Fragen selbst liebzuhaben… Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Heute weiß Burggrabe: „Die Kathedrale wurde zu einer inneren Heimat. Wenn ich diese alte Kirche betrete, ist es, als beträte ich meine Seele.“ Viele Male hat er inzwischen die Kathedrale besucht, hat ihr ein großes Marienoratorium gewidmet, „Stella Maris“, das 2006 dort, später auch an anderen Orten aufgeführt wurde.

Im Buch schildert Burggrabe in klarer Sprache den Pilgerweg, auf den die Kathedrale ihn geschickt hat. Sieben Stufen umfasst er: den Aufbruch; das Umkreisen des Heiligtums; das Absteigen in den Raum des Verborgenen und Geheimnisvollen; das „Lauschen mit der Seele“ an der Schwelle zum Innenraum; dann die innere Umrundung der Oberkirche und die Intervallschritte zum Herzen der Kathedrale. Und schließlich Aufbruch und Heimkehr – „Der Weg geht weiter.“ Co-Autorinnen und -Autoren bereichern die sieben Schritte mit eigenen Aspekten und historischem Wissen, neben anderen die Religionspsychologin Ingrid Riedel, Soziologe Tilman Evers und Theologin Heike Radeck. Zum Schwelgen für die Augen sind die beeindruckenden Fotos. Die Qualität des Buches und die Faszination, die von Chartres ausgeht, dokumentieren sich auch darin, dass dieses Buch neun Jahre nach seinem Erscheinen in fünfter Auflage erschienen ist. Christliche-spirituelle Longseller sind rar geworden auf dem christlichen Buchmarkt.

Helge Burggrabe, Tilman Evers, Stefanie Spessart-Evers, Heike Radeck, Ingrid Riedel: Chartres. Lauschen mit der Seele. Eine spirituelle Entdeckungsreise.  240 Seiten, durchgehend vierfarbig, viele Abbildungen. Kösel Verlag 2011, 5. Auflage 2020


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.