Philippe Girard: Leonard Cohen – Like a Bird on a Wire

Philippe Girard: Leonard Cohen – Like a Bird on a Wire

„Shit!“ In der Nacht des 7. November 2016 fällt Leonard Cohen in seinem Haus in Los Angeles aus seinem Bett. Er weiß, dass er sterben wird. „Hoffen wir mal, dass es nicht zu unbequem wird!“, denkt er.

War das wirklich so? Eine Kamera war nicht dabei. Dennoch hat der französische Comic-Zeichner Philippe Girard die letzte Stunde in Cohens irdischem Leben konserviert. Mit dieser Szene eröffnet er seine „Comic-Biografie“ des kanadischen Dichters und Musikers. Die Freiheit des Künstlers erlaubt Girard diesen Zugang. Mit sprühender Fantasie und großer Kenntnis von Cohens Lebenslauf und -werk hat er dessen Leben für das Format der Graphic Novel aufbereitet. Es zeugt von Tiefsinn, dass Girard Cohens Leben nicht einfach chronologisch Revue passieren lässt. Die Sterbestunde zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch; auf kluge Weise knüpft Cohen Bezüge zwischen dem, was Cohen erlebt hat, und dem, was er in seinen letzten Minuten gedacht und gefühlt haben mag: von der Erinnerung an den Tod des Vaters über seine Liebesmühen mit Frauen, von seinen Depressionen und Drogenfluchten bis zu seinem tief verwurzelten jüdischen Gottesglauben, der ihn am Ende riefen ließ: „Hineni, hier bin ich, mein Gott!“ Im Comic tauchen die wichtigsten Figuren aus Cohens Leben auf: Familienhund Tinkie, der gelehrte Großvater Salomon und der mysteriöse spanische Gitarrenlehrer, der ihm in Montreal die ersten Akkorde beibrachte; Sängerin Judy Collins und Plattenmanager John Hammond, die aus dem Dichter einen Musiker machten; Musik-Kollegen Phil Spector, Jeff Buckley und Lou Reed. Und natürlich die Frauen, die sein Leben maßgeblich prägten, denen er (oder die ihm) das Leben dramatisch machten: die resolute Mutter; Marianne, die große Lebensliebe; Suzanne Elrod, der er den Song „Suzanne“ widmete; Fotografin Dominique Issermann; die deutsche Sängerin Nico, deren Abweisung Cohen nur schwer ertragen konnte; Managerin Kelley Lynch, die mit seinem Geld durchbrannte – und schließlich Anjani Thomas, die Lebensgefährtin seiner letzten Jahre, mit der er offensichtlich endlich Frieden an der Liebesfront gefunden hat. Inmitten der Lebensdramatik fand Cohen im Glauben Kraft, um Depressionen und Abgründe zu überstehen – auch das schildert Girard mit dem Kunstmittel des Comics auf bewundernswert kreative Weise. Für echte Cohen-Kenner hat er zudem viele Songzeilen in unvermutete Szenen eingebaut und eröffnet dadurch neue Deutungsmöglichkeiten. Etwa, dass er seinem gestorbenen Hund sagt: „Hey, that’s no way to say goodbye“. Oder dass die erste Zeile von „Hallelujah“ zunächst geheißen haben soll: „David played a secret chord, because he knew it pleased the Lord“. Comic-Künstlers Philippe Girard entpuppt sich als Cohen-Experte, dessen Fantasie nie so sehr mit ihm durchgeht, dass die Szenen, die er sich ersinnt, nicht genauso hätten sein können. Chapeau. Als I-Tüpfelchen steht dem Comic ein Vorwort des französischen Musikjournalisten Michka Assayas voran, der Cohens Bedeutung in außergewöhnlich schönen Worten auf den Punkt bringt: Cohen erinnere uns auf bewegende Weise daran: „Das Leben ist nur allzuoft zum Verzweifeln. Aber genau das macht es so interessant.“ Ohne Cohen „frieren wir etwas mehr“. Wie wahr.   

Philippe Girard: Leonard Cohen. Like a Bird on a Wire. Eine Comic-Biografie. Cross Cult Verlag Ludwigsburg 2021. 114 S., € 25,- 

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