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Monat: März 2017

Klaus Modick – Konzert ohne Dichter

Klaus Modick – Konzert ohne Dichter

„Für einen flüchtigen Augenblick überkam ihn ein Anflug von Heimweh und Holzpantinen und nach Torfrauch statt der überm Getümmel dräuenden Wolke aus Parfum, Sektdunst und Zigarettenqualm.“ Ja, so wird es Heinrich Vogeler gegangen sein bei seinem Besuch in Berlin. Aus der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen war der berühmte Künstler für ein paar Tage in die Metropole eingetaucht, hatte sich in seinen Biedermeieranzug geschmissen, war im Lichte der Gaslaternen in die Behrenstraße 29 gefahren zu einer Vernissage im Kunstsalon Fritz Gurlitt.

„Wenn da einer aus allertiefster Provinz des Teufelsmoors auftauchte, musste er schon Flagge zeigen“, beschreibt Schriftsteller Klaus Modick mit trockenem Humor die Szene und schildert detailgetreu die Atmosphäre in der Galerie. Ausgestellt werden die freizügigen Bilder des Malers Fidus, die Berlin entzücken. „Det koof ick mir. Für überm Bett“, sagt ein begeisterter Besucher. Und mitten in der Berliner Bohème trifft Vogeler den schnauzbärtigen Rainer Maria Rilke, der mit gelben Gamaschen und schwarzer Weste wirkte wie ein „geckenhafter Prediger seiner eigenen Konfession“.

In Klaus Modicks Buch „Konzert ohne Dichter“ stimmt alles. Sein historischer Roman schildert die Zustände und Beziehungen in der Worpsweder Kunstszene am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dort tummelten sich viele Dichter, Denker und Künstler, Männer wie Frauen, und huldigten der Leibe und den Birken, der Melancholie und dem ländlichen Leben – darunter der Maler Heinrich Vogeler, der Mäzen Ludwig Roselius, aber auch Paula Modersohn-Becker und Clara Westhoff, die sich in der Männerwelt als Künstlerinen behaupteten. Und Dichter Rainer Maria Rilke, der im Jahr 1900 aus Berlin kurz und heftig in die Worpsweder Welt eintauchte und sie mit seiner narzisstischen Dichterei aufwirbelte. Auch die jugendstilige Ausstattung des Buches ist ein Genuss.

 

Klaus Modick: Konzert ohne Dichter, Roman. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2015, 230 Seiten, 17,99 Euro. Sonderausgabe in Leinen in der Büchergilde Gutenberg (für Mitglieder)

Jens Böttcher – Herr Sturm und die Farbe des Windes

Jens Böttcher – Herr Sturm und die Farbe des Windes

„Besonderer Auftrag für interessierten Schriftsteller, der mit der Löschtaste umgehen kann. Exquisites Honorar“. Auch ich hätte auf diese Anzeige reagiert. So wie mein fiktiver Kollege Richard Sturm. Als erfolgloser Autor hangelt der sich durchs Leben. Doch dann sieht er eben diese Annonce, kontaktiert den Auftraggeber – und nimmt dessen ungewöhnliches Angebot an.

Zwölf Menschen soll er über den Glauben befragen und darüber ein Buch schreiben. Sturm lernt berückende Menschen kennen: unter anderem einen Religionsphilosophen und ein St.-Pauli-Original, einen Krishna-Meister und einen Berliner Ufo-Gläubigen. Er findet sich wieder in einem menschelnden Panoptikum von weisen Gelehrten, Lebenskünstlern und tragischen Gestalten.

Die Gespräche wühlen Sturm auf und spülen so schöne wie schuldbeladene Erinnerungen an Tutu hoch, die verlorene Liebe seines Lebens. Am Ende erhält Richard Sturm ein nahezu himmlisches Geschenk und versöhnt sich auf wundervolle Weise mit einigen Holprigkeiten seines Lebens.

Dem seit Jahren kreativ umtriebigen Musiker und Komponisten, Filmemacher und Schriftsteller Jens Böttcher ist ein literarisches Kunstwerk gelungen, das ihn in die Oberliga der deutschen Autoren katapultiert. Feinfühlig und humorvoll nähert er sich dem Glaubensthema, an dem schon viele Erzähler gescheitert sind – entweder durch Missionierungseifer oder Oberflächlichkeit. Böttchers Buch ist eine hinreißende Hommage an den christlichen Glauben und das Mysterium der Liebe, poetisch und von großer Menschenliebe durchtränkt. Wohldurchdacht schickt Böttcher seine staunenden Leserinnen und Leser auf einen Parcours ins Innere der eigenen Glaubenswelten. Das ist unterhaltsam, bewegend und tröstlich und zudem enorm klug.

 

Jens Böttcher: Herr Sturm und die Farbe des Windes. Eine fabelhafte Reise in die Welt des Glaubens. SCM Medien, Holzgerlingen 2015. 400 Seiten, 17,95 Euro