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Monat: April 2017

Katharina Kunter – 500 Jahre Protestantismus

Katharina Kunter – 500 Jahre Protestantismus

„Was feiert ihr da eigentlich nächstes Jahr?“, fragten mich viele meiner nichtkirchlichen Freunde. Wem meine Antwort nicht reicht, dem werde ich künftig dieses Buch empfehlen: eine gut geschriebene, wundervoll illustrierte Geschichte des Protestantismus. Der sei „keine versunkene und keine verstaubte Welt“, schreibt Autorin Katharina Kunter im Vorwort, „sondern eine, die viel mit unserer heutigen Art zu denken und zu handeln zu tun hat“.

Kunter ist Kirchenhistorikerin, der Protestantismus ist ihr Schwerpunkt, sie forschte in Deutschland, Dänemark und Estland. Was sie von vielen ihrer professionellen Kolleginnen und Kollegen unterscheidet: Sie kann verständlich schreiben, bezieht Position und verliert nicht den Blick fürs Wesentliche. Protestantismus sei „nicht nur eine Sache des persönlichen Glaubens, sondern auch unsere Weltvorstellungen und unsere Kultur- und Wirtschaftsstrukturen sind von ihm mitgeprägt“.

Aus dieser Perspektive lässt das Buch 500 Jahre Protestantismus Revue passieren. Es beginnt mit den Wegbereitern der Reformation: John Wycliff, Jan Hus, Geert Grote, Thomas von Kempen und anderen. Dann erhob der Mönch Martin Luther seine Stimme gegen die Missstände in der Kirche seiner Zeit. Er berief sich auf die Freiheit des Einzelnen, auf die Rechtfertigung allein durch Gott und den Glauben. Im Widerstreit mit der alten Kirche bildete sich das geistliche und geistige Fundament des Protestantismus aus. Es wirkt bis in unsere heutige Zeit und ist durch „ein hohes individuelles Verantwortungsgefühl und konkretes gesellschaftliches Engagement“ ausgezeichnet. Kunter erzählt die Geschichte von fünf Jahrhunderten reformatorischen Bekenntnisses, von Widerstand und Machtkalkül, von Anpassung und unerschütterlichem Glauben – und bietet damit viele Gründe, mitzufeiern im Gedenkjahr 2017.

Katharina Kunter: 500 Jahre Protestantismus. Eine Reise von den Anfängen bis in die Gegenwart. Palm Verlag Berlin 2016, 240 Seiten, mit Abbildungen, 19,95 Euro

Kerstin Hensel – Schleuderfigur

Kerstin Hensel – Schleuderfigur

„Mir wurde kein Gott gegeben / Mir wurden keine Messen gelesen…“: Die Berliner Schriftstellerin Kerstin Hensel (Jahrgang 1961) macht keinen Hehl daraus, dass sie mit dem Glaubensthema wenig am Hut hat. Gedichte und Lyrik können auch ohne diesen Bezug wirken und durch Worte und Poesie den Weg ins Transzendente bahnen – dachte ich bislang. Die Gedichte Kerstin Hensels lassen mich hingegen traurig, trost- und ratlos zurück.

„Schleuderfigur“ hat sie ihr Buch genannt, anknüpfend an das Spiel, bei dem ein Kind sich vom anderen durch die Luft schleudern lässt. Gefühle wie Liebe und Trauer katapultieren die Menschen in eine Welt extremer Empfindungen – und die würden Hensels Gedichte in Worte fassen und „Schutz vor der Überwältigung durch Gefühle, vor der Empfindung, ihnen vollkommen ausgeliefert zu sein, bieten“. So kündigt es der Klappentext des Buches an.

Die Gedichte sind sperrig. Wie sich die Qualität lyrischer Texte bemessen lässt, ist mir nicht bekannt. In Theologenkreisen pflegt man zu sagen: Das ist Schwarzbrot, daran muss man lange kauen. Ja, beim Kauen öffnen sich manche Dimensionen, von der Liebe schreibt Hensel und vom Tod. Manchmal kommt sie um das Glaubensthema doch nicht herum, zum Beispiel in einem Nachruf: „Vielleicht doch dass wir uns wiedersehen / Ungläubig glaubend / den Himmel wo / das Versäumte leichtflüglig vergessen wird.“

Je länger das Kauen, desto mehr Tiefe zeigt sich. Ein Text heißt „Gebetsriemen“, litaneiartig führt Hensel von phrasenhafter Frömmigkeit zur karikierten Gaga-Version des Glaubens, „hatschi und dschihad und heilheil“. Hin und wieder gelingen Hensel schöne literarische Stillleben, zum Beispiel in „Bescherung“: „Über dem Herd hängen / Die betenden Hände der Großmutter / rieselt Salz aus den Augen.“ Und hin und wieder schleicht sich doch ein Lichtschein in die Welt der Hensel-Gedichte, dann „blinzelt“ der Tod durch die Dämmerung und das „lustlose Geflacker vor naheliegendem Horizont“. Hensels Gedichte haben mich bereichert, aber nicht berührt.

Kerstin Hensel: Schleuderfigur. Gedichte, Luchterhand-Verlag 2016, 136 Seiten, 17,99 Euro