Kerstin Hensel – Schleuderfigur

Kerstin Hensel – Schleuderfigur

„Mir wurde kein Gott gegeben / Mir wurden keine Messen gelesen…“: Die Berliner Schriftstellerin Kerstin Hensel (Jahrgang 1961) macht keinen Hehl daraus, dass sie mit dem Glaubensthema wenig am Hut hat. Gedichte und Lyrik können auch ohne diesen Bezug wirken und durch Worte und Poesie den Weg ins Transzendente bahnen – dachte ich bislang. Die Gedichte Kerstin Hensels lassen mich hingegen traurig, trost- und ratlos zurück.

„Schleuderfigur“ hat sie ihr Buch genannt, anknüpfend an das Spiel, bei dem ein Kind sich vom anderen durch die Luft schleudern lässt. Gefühle wie Liebe und Trauer katapultieren die Menschen in eine Welt extremer Empfindungen – und die würden Hensels Gedichte in Worte fassen und „Schutz vor der Überwältigung durch Gefühle, vor der Empfindung, ihnen vollkommen ausgeliefert zu sein, bieten“. So kündigt es der Klappentext des Buches an.

Die Gedichte sind sperrig. Wie sich die Qualität lyrischer Texte bemessen lässt, ist mir nicht bekannt. In Theologenkreisen pflegt man zu sagen: Das ist Schwarzbrot, daran muss man lange kauen. Ja, beim Kauen öffnen sich manche Dimensionen, von der Liebe schreibt Hensel und vom Tod. Manchmal kommt sie um das Glaubensthema doch nicht herum, zum Beispiel in einem Nachruf: „Vielleicht doch dass wir uns wiedersehen / Ungläubig glaubend / den Himmel wo / das Versäumte leichtflüglig vergessen wird.“

Je länger das Kauen, desto mehr Tiefe zeigt sich. Ein Text heißt „Gebetsriemen“, litaneiartig führt Hensel von phrasenhafter Frömmigkeit zur karikierten Gaga-Version des Glaubens, „hatschi und dschihad und heilheil“. Hin und wieder gelingen Hensel schöne literarische Stillleben, zum Beispiel in „Bescherung“: „Über dem Herd hängen / Die betenden Hände der Großmutter / rieselt Salz aus den Augen.“ Und hin und wieder schleicht sich doch ein Lichtschein in die Welt der Hensel-Gedichte, dann „blinzelt“ der Tod durch die Dämmerung und das „lustlose Geflacker vor naheliegendem Horizont“. Hensels Gedichte haben mich bereichert, aber nicht berührt.

Kerstin Hensel: Schleuderfigur. Gedichte, Luchterhand-Verlag 2016, 136 Seiten, 17,99 Euro

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