Martin Steinhäuser – Homosexualität als Schöpfungserfahrung

Martin Steinhäuser – Homosexualität als Schöpfungserfahrung

Weil die Menschen Gott nicht erkennen und danken wollen, so schreibt der umtriebige alleinstehende Apostel Paulus an die römische Gemeinde, habe Gott ihnen Strafen auferlegt. Begierden und Unreinheit seien die Folgen dieser Sturköpfigkeit, Homosexualität sei eine von ihnen.

Seit dem Bestehen der Kirche wird Paulus immer wieder dazu benutzt, Homosexuelle aus der christlichen Gemeinschaft auszuschließen. Noch immer denken viele, vor allem konservative Christen so. Gleichzeitig versuchen immer mehr homosexuelle Männer und Frauen, ihre sexuelle Orientierung mit ihrem christlichen Glauben zu vereinbaren – vor sich selbst und vor der Gemeinde.

Vertreten sie ihre Anliegen offen, stehen Ihnen meist harte Auseinandersetzungen bevor. Denn kaum ein anderer Konflikt in der Kirche ist so gefühlsgeladen und spannungsreich wie der um das Verhältnis, das die Kirche zu Homosexuellen und zur Homosexualität entwickeln sollte. Den meist hitzigen Diskussionen fehlt oft die theologische Grundlage.

Die will der Leipziger Theologe Martin Steinhäuser mit einem knapp 500-seitigen Buch liefern. „Homosexualität als Schöpfungserfahrung” hat er seinen „Beitrag zur theologischen Urteilsbegründung” genannt. Der Titel provoziert Widerspruch.

Konservativ wie fundamentalistisch geprägte Christen werden Steinhäusers Ergebnisse als Affront gegen die Bibel werten. Denn größer könnte der Widerspruch gegen Paulus gar nicht ausfallen. Homosexualität sei nicht Widernatürlichkeit, meint Steinhäuser, sondern das Gegenteil: eine Schöpfungsform. Seine Hauptthese formuliert er so: „Die Verbindung von christlicher und homosexueller Identität kann durch eine schöpfungstheologische Reflexion der Lebenserfahrungen homosexueller Menschen aufgewiesen werden.”

Erfahrung kann nichts belegen – werden Kritiker unken und gar nicht ganz Unrecht damit haben. Als ahnte er die Einwände, sichert sich Steinhäuser ab. Dass Homosexuelle ihre Sexualität als schön oder schöpfungsgemäß empfinden, kann kein Beweis dafür sein, dass sie gottgewollt ist. Ebenso können aber auch vorgefertigte theologische Urteile das Thema verfehlen. Müssten sich Menschen starren sittlichen Gesetzen mit vermeintlich göttlicher Autorität unterwerfen, käme das einer Unbarmherzigkeit gleich.

Steinhäuser hat sich einen theologischen Weg aus diesem Dilemma gebahnt. Dabei musste er mehrere Hindernisse überwinden, Brocken der theologischen Tradition mit neuen Denkansätzen beiseiteschieben und aufpassen, auf dem mitunter glatten Boden theologischer Fachdiskussionen nicht auszurutschen.

Bezeichnend ist, wie Steinhäuser sein Buch aufbaut. Den traditionellen Dreischritt vermeidet er, der in etwa so lautet: „Was sagt die Bibel über Homosexualität? Wie können wir heute homosexuelle Christen von ihrer Sünde befreien? Was heißt das für das Handeln der Kirche?”

Martin Steinhäuser setzt genau andersherum an. Er hat die ersten 50 Seiten für Erfahrungen homosexueller Menschen reserviert – eine für ein theologisches Buch zwar unübliche, aber trotzdem sinnvolle Herangehensweise. „Schwule Lebenswirklichkeiten in Selbstzeugnissen” nennt er sein erstes Kapitel. Bewegende Schilderungen homosexueller Männer sind da zu lesen, sowohl beglückende wie bedrückende. Sie gewähren Einblicke in das Leben, die Gedanken, die Gefühle, die Sexualität – und den Glauben. Die Berichte helfen, homosexuelles Leben ungefiltert kennenzulernen. Von rüden Diskriminierungen erfährt der Leser, von unerwarteter Toleranz der Mitmenschen – und immer wieder von den Schwierigkeiten homosexueller Christen, in ihren Gemeinden akzeptiert zu werden.

Mit Erfahrungen zu beginnen, hat auch einen Grund in Steinhäusers eigenem Zugang zum Thema. Er outet sich als heterosexuell. Die zunächst universitäre, dann freundschaftliche Begegnung mit einem Kommilitonen machte ihn sensibel für die Problematik. Im Bild vom Eisberg beschreibt er sie. „Aktionsgruppen, Synoden, Kirchenleitungen und Akademiker ragen wie die Spitzen aus dem Wasser; der Eisberg selber, der sich aus der Divergenz menschlicher Erfahrungen mit Liebe und Sexualität konstituiert, bleibt verborgen.” Noch schwieriger wird Steinhäusers Meinung nach eine konstruktive Auseinandersetzung, da sich fast jede Frau und jeder Mann ein Urteil zum Thema Homosexualität aus der eigenen Lebenserfahrung aufbaut. Diese Mischung aus intimen Erfahrungen und ethischer Suche, aus moralischen Urteilen und persönlicher sexueller Orientierung macht den Eisberg so gefährlich. Sichtbar geworden ist er Steinhäuser zufolge überhaupt erst durch die Homosexuellen selbst: indem sie „ihre eigenen Biografien aus der Wasseroberfläche herausschieben und als Mittel einbringen, um gegen Tabuisierung, Verunglimpfung und Diskriminierung für Toleranz, Akzeptanz und Integration zu werben, fordern sie die gesellschaftliche Mehrheit zum diffizilen Vergleich der Lebenserfahrungen mit Liebe , Sexualität und Lebensform auf. Zugespitzt gesagt: Die Homosexualitätsdiskussion rührt das Wasser auf – oder sie wird nicht geführt.”

Nachdem Steinhäuser quasi den Eisberg der Erfahrungen aus dem Wasser gehoben hat, betrachtet er dessen Spitze: Bisherige Stellungnahmen evangelischer Landeskirchen nimmt er unter die Lupe, arbeitet Konsens- und Konfliktpunkte heraus. Humanwissenschaftliche Erklärungsversuche lässt er Revue passieren. Mit den geschilderten Erfahrungen Homosexueller im Hinterkopf wirken sie oft wirklichkeitsfremd – etwa wenn Homosexualität mit wissenschaftlichem Pathos als „Perversion evolutionärer Ziele” bezeichnet wird. Deutlich wird: Die Problemlage bleibt meist auf körperlich-geschlechtliche Aspekte beschränkt. Nur am Rande kommen der Alltag, der Beruf, das Wohnen, soziale, rechtliche und religiöse Aspekte zum Tragen. Mit der gleichen Akribie schildert Steinhäuser sodann „Beispiele der theologisch-ethischen Urteilsbildung” der Systematiker Helmut Thielicke, Hermann Ringeling, Christofer Frey und Hans-Georg Wiedemann.

In Abgrenzung zu ihnen versucht Steinhäuser seinen theologischen Neuansatz. Homosexuelle Orientierung sei bislang als Glaubensproblem vermittelt worden, kritisiert Steinhäuser – sie sei jedoch eine Schöpfungserfahrung, „die der Einzelne als eine Vorgabe des eigenen Lebens erfährt”. Da sich Homosexuelle durch ihren gesellschaftlichen Minderheitenstatus stets mit ihrem Glauben und ihrer gottgegebenen Sexualität auseinandersetzen müssen, leben sie in Anfechtung. Und die führe sie zu einer Schärfung des Gewissens. Auf diese Weise können homosexuelle Christen (bewusster meist als heterosexuelle!) „ihre Sexualität in den größeren Rahmen geschöpflicher Mitmenschlichkeit einordnen”. Homosexuelle hätten sogar Vorbildfunktion: Die christliche Gemeinschaft könne sich durch sie einüben in das „Vertrauen in die verborgene Präsenz unseres Schöpfers”. Konsequent ist daher Steinhäusers Wunsch, homosexuelle Christen mögen ein offenes Glaubensbekenntnis ablegen, für das er auch gleich den Wortlaut vorschlägt: „Ich glaube, dass meine Homosexualität Zeichen des schöpferischen Handelns Gottes ist. Sie ist mir als Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit und als Befähigung zur verantwortlichen Lebensgestaltung in der Nachfolge Jesu Christi aufgetragen. Ich will dieses Leben innerhalb der lebendigen Gemeinschaft der Kirche führen, in die ich mich einbringen und von der ich mich tragen, fördern und mahnen lassen möchte. Hier erlebe ich die erneuernde Wirksamkeit des Heiligen Geistes.”

Dass die Erfüllung dieser frommen Wünsche noch an der kirchlichen Wirklichkeit scheitert, weiß Steinhäuser. Ob seine Kritiker theologisch überzeugender argumentieren können, ist nach der Lektüre des Buches fraglich.

Martin Steinhäuser: Homosexualität als Schöpfungserfahrung. Ein Beitrag zur theologischen Urteilsbegründung. Quellverlag, Stuttgart 1998, 482 Seiten, ISBN 3791821415

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