Uwe Siemon-Netto: Luther. Lehrmeister des Widerstands

Uwe Siemon-Netto: Luther. Lehrmeister des Widerstands

Die Lutheraner sind obrigkeitshörig und die Reformierten demokratisch gesinnt. Diese Ansicht wird in verschiedenen Varianten gerne gepflegt. Karl Barth, der große reformierte Theologe – klar, ein Nazifeind. Die nazikritische Barmer Theologische Erklärung wurde ebenfalls in der Mehrzahl von Theologen der reformierten Tradition aufgesetzt und unterzeichnet. Die „Deutschen Christen“ hingegen hingen mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre unterm Arm ihrem vermeintlich gottgesandten Führer an den Lippen und vergaßen vor lauter Obrigkeitshörigkeit, wie unchristlich und -menschlich dessen krude Ideologie war.

Ja, so war es wohl – wenn man denn verallgemeinern will oder muss. Dem in Leipzig geborenen Theologen und Publizisten Uwe Siemon-Netto gehen diese Verallgemeinerungen allerdings gegen den Strich. Trotzig hält er ihnen entgegen, der lutherische Protestantismus habe die Deutschen nicht zu „obrigskeitsduseligen Duckmäusern“ gemacht – im Gegenteil. Luther sei ein „Lehrmeister des Widerstandes“ gewesen. „Dieses Buch ist ein Plädoyer für den Freispruch Martin Luthers von dem stereotypen Vorwurf, der Wegbereiter Adolf Hitlers gewesen zu sein“, verspricht Siemon-Netto.

Das Vorhaben scheint ehrenwert, baut aber bei näherem Hindenken auf einer populistischen Verzerrung auf, schließlich wirft niemand Luther vor, bewusst Weichen in Richtung antisemtischer Ideologie des 20. Jahrhunderts gestellt zu haben. Dass er von den Nazis instrumentalisiert wurde, ist hingegen unbestreitbar.

Sei‘s drum: Die Argumente, mit denen Siemon-Netto Luther vor ideologischer Vereinnahmung schützen will, sind gar nicht schlecht. Penibel analysiert er Luthers Schriften und entmachtet das Vorurteil, Luther sei ein Fürstenknecht gewesen. Ja, es kann sich lohnen, Luther von Klischees zu befreien und noch einmal gründlich zu lesen. Und es ist erhellend zu sehen, wie fromme Männer im Geiste Luthers den Nazis die Stirn boten, zum Beispiel Carl Goerdeler oder Dietrich Bonhoeffer.

Siemon-Netto geht allerdings noch weiter. „In Wahrheit“, schreibt er, „war Luther der Lehrmeister der Résistance gegen jegliche Tyrannei.“ Mit einemm Augenzwinkern könnte man das behauten und Luther in ein Che-Guuevara-Gewand kleiden. Bei Siemon-Netto klingt das jedoch wie undifferenzierte Lobhudelei. Ebenso seine Deutung, die friedliche Revolution sei ein „sehr lutherisches Ereignis“ gewesen. Der christliche Glaube kann Menschen zweifellos darin bestärken, gegen Tyrannen vorzugehen. Aber, dass die Lutheraner da gegenüber den Reformierten oder Katholiken im Vorteil wären, ist eine bloße Behauptung.

Zum Schluss verlässt Siemon-Netto dann gänzlich den ernstzunehmenden Diskurs. Wie besessen schimpft er auf „Kirchenführer“ der EKD – was für eine demagogische Bezeichnung nach seinen langen Ausführungen über den Führer Hitler! – und behauptet, sie würden einen „Kotau vor dem extremen Feminismus und dem Massenmord an ungeborenem Leben“ machen. Dann folgt ein Rundumschlag. Siemon-Netto prangert die Gleichstellung Homosexueller und das Gender Mainstreaming an, da die göttliche Schöpfungsordnung dadurch unterminiert werde. Der EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann wirft er „klerikale Hypokrisie“ vor, sie habe Luther nicht begriffen. Und überhaupt, die ganze EKD sei „getrieben von süßlicher Gutmenschlichkeit“. „Kirchenfunktionäre“ weigerten sich „gefühlsduselig“, Muslimen das Evangelium zu verkünden, und die „Tragik“ der EKD bestehe darin, dass dort viele zu „bibelwidrigem Denken“ zurückgekehrt seien. Wie einst Luther mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen habe, solle die evangelische Kirche gefälligst gegen die moderne New-Age-Religion angehen, die von dem Okkultisten Alistair Crowley beeinflusst sei. Au weia.

Mit seinen Rundumschlägen stellt sich Siemon-Netto selbst ins Abseits und disqualifiziert sich als ernstzunehmenden Dialogpartner. Schade eigentlich.

 

Uwe Siemon-Netto: Luther. Lehrmeister des Widerstands. Fontis-Verlag Basel 2016. 234 S., € 15,99


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