Barbe Maria Linke – Wege, die wir gingen

Barbe Maria Linke – Wege, die wir gingen

Erst seit wenigen Jahren lebe ich als Wessi in Ostdeutschland und komme aus dem Staunen nicht mehr raus über die vielen ganz anders geprägten Lebensgeschichten meiner neuen Nachbarn. Ja, es gibt „DDR-“ und „BRD-Biografien“. Und es ist außerordentlich interessant und erhellend, sie sich gegenseitig zu erzählen. Wie war das damals, wie habt ihr, wie haben wir gelebt, was war uns wichtig, was hat uns bewegt, was haben wir gedacht und gehofft, wie wirkte sich die gesellschaftliche Wirklichkeit auf das Alltagsleben aus?

Diesen Fragen geht auch die Autorin Barbe Maria Linke nach. Bis 1983 lebte die studierte Theologin in der DDR, mitbegründete die oppositionellen „Frauen für den Frieden“. In Westberlin arbeitete sie in der Klinikseelsorge und in der politischen Bildung. Die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit liegt ihr am Herzen. Also führte sie mit zwölf Frauen, jeweils sechs aus Ost- und Westdeutschland, ausführliche Interviews. Sie sprach mit ihnen über ihre Kindheit, Ausbildung, über Freundschaft und Liebe.

Die Frauen erzählten freimütig von ihrem Glauben und der Friedlichen Revolution, folgten dabei stets ihrer eigenen sinnstiftenden Wahrheit. In den Interviews beharrte Barbe Maria Linke auf wenigen vergleichbaren Momenten, etwa dem Mauerbau und der Maueröffnung als historisch einschneidenden Ereignissen, ansonsten ließ sie die Frauen ihr Leben frei erzählen. „Leben einsammeln wie die Bienen den Nektar“ wollte Autorin Linke – das ist ihr gelungen.

Auch Rita Süßmuth zeigt sich in ihrem Vorwort überrascht über die Individualität und Unterschiedlichkeit der Lebenswege, die sich hierbei offenbaren. „Obwohl ich es weiß, verblüffte mich erneut, wie unterschiedlich sich jedes Leben gestaltet. Hier Demokratie, dort Diktatur. Aber so einfach ist es nicht.“ Genau. Und wer nicht persönlich reden kann oder mag, der lese dieses Buch.

Barbe Maria Linke: Wege, die wir gingen. Zwölf Frauen aus Ost- und Westdeutschland geben Auskunft. Geest-Verlag, Vechta 2015, 550 Seiten, 16,80 Euro

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