Edin Løvås – Wölfe in Schafspelzen

Edin Løvås – Wölfe in Schafspelzen

Sie führen Gott, Bibel und Frieden allzeit im Munde – dabei geht es ihnen nur um die eigene Macht, die sie rücksichtslos durchzusetzen versuchen. Unter dieser Spezies „Machtmensch“ leiden auch Kirchengemeinden. Intrigen statt Offenheit, Führerprinzip statt Demokratie, Lautstärke statt Demut herrscht in Gruppen, in denen sie sich hochgearbeitet haben. Dem norwegischen Missionsprediger Edin Løvås ist es zu verdanken, dass das Phänomen der Machtmenschen erstmals sensibel und auf biblischem Hintergrund dargestellt wird. „Wölfe in Schafspelzen“ nannte der Missionar sein Buch. Vierzig Jahre seelsorgerliche Erfahrung stecken in den 80 Seiten. Das Titelbild zeigt betende Hände. Deren Schatten wirft das Gesicht eines Wolfes an die Wand.

Ein Sinnbild, wie es besser kaum zum Thema passen könnte. Denn im kirchlichen Bereich verstecken Machtmenschen ihr eigentliches Ziel hinter einer frommen Fassade. „Ein Machtmensch gebraucht die Bibel als Waffe gegen seine Mitmenschen, nicht für sie“, hat Løvås beobachtet. „In seiner Gruppe kann er die schönsten Abschnitte der Bibel dazu verwenden, eine Situation seelischer und geistlicher Grausamkeit herzustellen.“ Die Mitarbeiter merken das zunächst meist nicht. Sie sind beeindruckt von der Frömmigkeit und der vermeintlichen Bibelfestigkeit der Machtmenschen. Weil sie perfekte Taktiker sind, gehen Machtmenschen oft als Sieger aus Vorstandssitzungen und Gemeindeversammlungen heraus. Wer sich traut zu widersprechen, hat bald das Gefühl, „gegen Gott selbst zu rebellieren“. Das könne soweit gehen, dass „die Opfer ihre Gebete nicht mehr an Gott richten, sondern an den Menschen, der sie quält“. Der Machtmensch sei dann am Ziel seines Weges: Er steht im Mittelpunkt, genießt göttliche Autorität und kann sich gefügiger Menschen gewiss sein.

Edin Løvås ist Seelsorger, kein Ankläger. Seiner Meinung nach erliegen Machtmenschen einem Trieb. Ihm zu folgen, führt sie in „den schlimmsten aller Rauschzustände: den Macht-rausch“. Theologisch ausgedrückt, erkennt Løvås hier die Sünde der Selbstbegierde. Løvås pietistischer Hintergrund wird deutlich, wenn er in der Machtbesessenheit „dämonische Kräfte“ wirken sieht, die sogar aus ehemaligen Freunden Gegner entstehen lässt. Immer wieder führt er Texte aus dem Neuen Testament an, in denen Machtmenschen als „Überapostel“ oder „verführte Verführer“ geschildert werden. Zum Beispiel beim Evangelisten Matthäus, der sie so schildert: „All ihre Werke tun sie, um von den Leuten gesehen zu werden.“

Eigentlich geht es Løvås aber nicht um das Leiden der Machtmenschen, sondern um die Qualen der Opfer. Sie müssten erkennen, dass sie sich mit der Unterordnung „erneut unter das Joch der Sklaverei stellen“ (Galaterbrief 5,1). Da Machtmenschen nicht mit Argumenten beizukommen sei, könnte dann der einzige Ausweg sein, sich radikal von ihnen zu trennen. Auf jeden Fall solle die auf den ersten Blick undurchschaubare Taktik von Machtmenschen „enttarnt“ werden.

Starke Menschen könnten versuchen, sie in ihre Schranken zu verweisen. Statt zu kuschen, könnten sie Machtmenschen aus ihren Führungspositionen entfernen. Für schwache Menschen dagegen könnte der einzige Ausweg Flucht bedeuten.

Dass auch in Deutschland Machtmissbrauch innerhalb christlicher Gemeinden stattfindet, bestätigen die „Gemeindeberatungen“ der Kirchen. Selbst demokratische Kirchenverfassungen scheinen Gemeinden nicht unbedingt vor Machtmenschen zu schützen. Løvås‘ Buch könne dazu beitragen, „stumm gemachten Gemeindegliedern Mut zu geben, den Mund aufzumachen und die Dinge beim Namen zu nennen. Es ist keine christliche Tugend, sich unterdrücken zu lassen!“, meint der Münchner Pfarrer Andreas Ebert im Vorwort.

Edin Løvås: Wölfe in Schafspelzen. Machtmenschen in der Gemeinde. Bredow & Sohn, Joh. Verlag GmbH, 1997, 80 Seiten, ISBN: 3870673923

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