Gilbert K. Chesterton – Orthodoxie

Gilbert K. Chesterton – Orthodoxie

Wie die Androhung eines Missionstraktates liest sich das Vorwort Gilbert K. Chestertons: „Zuerst ist von all den ebenso persönlichen wie aufrichtigen Überlegungen die Rede, die ich im stillen Kämmerlein anstellte, und dann wird berichtet, in welch großartiger Manier all mein Grübeln plötzlich von der christlichen Theologie befriedigt wurde.” Doch weit gefehlt: Was folgt, ist ein ebenso humor- wie niveauvoller Essay über Gott und die Welt, besser: über die Frage, weshalb ein Mensch eigentlich gar nicht anders kann als im strengen christlichen Glauben zu leben. Die Lust am Kombinieren auf theologischem Terrain, die Chesterton in den vielen Kriminalgeschichten um Pater Brown grandios vorgeführt hat, durchdringt auch sein Buch über die Orthodoxie. Seine Wortgeschosse sind intellektuelle Leckerbissen auf höchstem Niveau und zeugen von einer geistigen Streitlust, die bis heute nur wenige Literaten umtreibt. Dabei ist die Kernthese Chestertons nicht sonderlich originell: „die christliche Lehre in ihrem Kern” stelle „die beste Kraftquelle und Basis gesunder Moral” dar. Dass sich ein Denker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Modernismus Trend war und sich die römisch-katholische Kirche durch Unfehlbarkeits- und Mariendogmen von Philosophie und Wissenschaft zu trennen versuchte, offen zum Christentum in seiner strenggläubigen Spielart bekennt: darin besteht die eigentliche Provokation Chestertons, an der sich auch das Gros heutiger Kirchenkritiker die Zähne ausbeißen dürfte. Gnadenlos legt er den Finger in die Wunde des rationalen Fortschrittsdenkens: Der Verstand könne die Welt weder erklären noch retten; einzig der Glaube setze alle Kräfte frei, die zum persönlichen Seelenheil und zum Verstehen der Welt nötig seien. Grandios arbeitet Chesterton heraus, dass die „moderne Wissenschaft” mehr Tabus und Denkverbote aufstelle als die christliche Orthodoxie: „Katholische Lehre und Disziplin mögen Mauern sein; aber sie sind Mauern um einen Spielplatz.” Kein Wunder, dass Chesterton 1922 zur katholischen Kirche konvertierte – die ihm nach seinem Tod 1936 den Ehrentitel „Fidei Defensor” („Verteidiger des Glaubens”) verlieh.

Gilbert K. Chesterton: Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen. fe-medienvlg 2011, 304 Seiten, ISBN 978-3863570194, 9,95 Euro

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