Jürgen Fliege – Der Menschenflüsterer

Jürgen Fliege – Der Menschenflüsterer

Pferdeflüsterer Monthy Roberts dressiert Pferde, indem er mit Geduld statt mit der Peitsche auf sie zugeht. Talk-Pastor Jürgen Fliege versucht, diese Methode auf Menschen anzuwenden. Menschenflüsterei sei der Versuch, meint Fliege, „die Ideen des Monty Roberts und seiner Pferde auf den jesuanischen Umgang mit Menschen zu übertragen.” „Komm, fürchte dich nicht – ich gehe voran. Wenn du willst, kannst du mir folgen.” Mit diesen Worten beschreibt Fliege das Geschenk, das Pferde- wie Menschenflüsterer ihren Schützlingen geben können. Voraussetzung dafür, Menschen wirklich nahe zu kommen, sei Schutzlosigkeit. Und die führt Fliege in seinem autobiographischen Buch teilweise schonungslos vor. Was Tausende seiner Talkgäste bereits öffentlich getan haben – ihr Herz geöffnet, die persönlichsten Erlebnisse und Gedanken, Ängste und Freuden einem Millionenpublikum mitgeteilt – das macht nun Fliege selbst. Aus dem einfühlsamen Frager wird ein Befragter, aus dem sensibel im Hintergrund bleibenden Moderator wird ein Geschichtenerzähler. Fliege nimmt seine Leser mit in seine Kindheit, in seine Studienzeit, in sein Pfarrhaus und ins Fernsehstudio. Ergreifende Geschichten voller Wunder und Menschlichkeiten, voll von der „anderen Wirklichkeit”, um die es Fliege eigentlich geht. Der evangelische Pastor hat sie gesucht und erfahren – auf Intensivstationen und in Trommelworkshops, bei Wahrsagern und in der Natur, bei christlichen wie esoterischen Lehrern. Sich schutzlos der anderen Wirklichkeit zu öffnen, weitet den Horizont und ist unerlässliche Voraussetzung für ein erfülltes Leben – so ließe sich Flieges Botschaft zusammenfassen. Wer Flieges Geschichte kennt, weiß, dass der Abschiedsspruch seiner Nachmittags-Talkshow keine Floskel, sondern ein erfahrener Segen ist: „Passen Sie gut auf sich auf!”

Jürgen Fliege: Der Menschenflüsterer. Schutzlose Erinnerungen. Doemer/Knaur, 2002, 224 Seiten, ISBN 3426776294

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