Juli Zeh – Unterleuten

Juli Zeh – Unterleuten

„In Unterleuten gab es keine Kanalisation, die Straßen besaßen keine Bürgersteige, und die Dorfbeleuchtung stammte noch aus der DDR.“ „Unterleuten“? Gibt’s in Wirklichkeit nicht, wohl aber als erdachtes Dorf tief in der brandenburgischen Provinz – da, wo die Ruinen von LPGs traurig alte Zeiten bezeugen, wo sich einige Städter kleine Ferienhäuser für ihre Zivilisationsfluchten errichtet haben, wo Einheimische und Aussteiger in Schicksalsgemeinschaft zusammengewürfelt leben.

Auf den ersten Blick ist Unterleuten ein verschlafenes Provinznest. Aber hinter den Fassaden und unter blaubedachten Eigenheimdächern lauern angestaute Enttäuschungen und Gefühle aus Jahrzehnten. Das vermeintliche ländliche Paradies wird langsam und absehbar zur Hölle. Schriftstellerin Juli Zeh schildert die Bewohner und ihre Marotten, nimmt sich viel Zeit, die alten Seilschaften aus der DDR-Zeit zu beschreiben, schildert die schrulligen Männer und Frauen gleichzeitig liebevoll und erschreckend. Mit Humor und Liebe zum Alltagsdetail beschreibt sie, wie die neu zugezogenen Berliner Aussteiger mit ihrer großstädtischen Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Jahrzehntelang waren alle Beziehungs-Altlasten in Unterleuten zwar unterdrückt, aber in Balance. Das ändert sich, als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will. Alte Streitigkeiten brechen auf, skurrile neue Konstellationen ergeben sich. Der nach wie vor schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern bricht auf, die Hölle zeigt sich vollends.

Das alles liest sich hochspannend wie ein Thriller. Unterleuten gibt es nicht, stimmt – aber irgendwie gibt es Unterleuten überall. Und die Fragen, die Juli Zeh mit ihrem Gesellschaftsroman stellt, brennen auch allerorten: Gibt es eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Wie kommt es, dass alle nur das Beste wollen und am Ende trotzdem Schreckliches Passiert?

Juli Zeh: Unterleuten. Roman, btb Verlag München 2016, 656 Seiten, 12,00 Euro

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