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Monat: Juni 2017

Margot Käßmann (Hg.) – Das Leben reimt sich nicht

Margot Käßmann (Hg.) – Das Leben reimt sich nicht

Herz reimt sich auf Schmerz, schon klar, und die güldene Sonne auf Freud und Wonne. Tiefgehende Gedichte sind anders. Deren Maßstab beschreibt Margot Käßmann so: „Sie ignorieren nicht die Brüche im Leben, sondern vertiefen gerade das, was nicht glatt daherkommt […] Ohne ängstlich zu sein oder zu beängstigen, machen sie deutlich: Das Leben reimt sich nicht.“

85 Gedichte hat die Theologin gesammelt; aus weiblicher Sicht beleuchten sie das Glück und die Sehnsucht, das Leben und Lieben. Jedes für sich ist eine Perle. Else Lasker-Schüler ist dabei: „Es ist ein Weinen in der Welt / Als ob der liebe Gott gestorben sei…“ Hilde Domin, natürlich: „Man muss weggehen können / und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel am Boden, als zöge die Landschaft / und wir ständen fest.“ Lyrik unbekannter und bekannter Autorinnen wie Ulla Hahn, Ilse Aichinger und Eva Strittmatter finden sich, auch von Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs und Mascha Kaléko.

Zurück reicht die Sammlung bis zu den mystischen Gedanken der Hildegard von Bingen: „Ich bringe die Tränen hervor, den Duft heiligen Werkes / Ich bin die Sehnsucht nach Gott.“ Die Gedichte Gioconda Bellis bringen lateinamerikanische politische Impulse. Und immer wieder die Lyrik Dorothee Sölles: „Gib mir die Gabe der Tränen, Gott / gib mir die Gabe der Sprache.“ Und dann ist da noch Luise Hensels Schlafpoem: „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu…“ Da reimt es sich dann doch und ist trotzdem schön

Auch äußerlich ist das Frauengedichtbuch ein Schmuckstück: Halbleinen, Lesebändchen – und ziemlich schöne, weil unkitschige Bilder der im Schwarzwald lebenden Künstlerin Panka Chirer-Geyer. Und wer lieber hören mag: Für die Hörbuchversion hat Schauspielerin Szanne von Borsody eine Auswahl der Gedichte gelesen.

Margot Käßmann (Hg.): Das Leben reimt sich nicht. Frauengedichte. Mit Bildern von Panka Chirer-Geyer. Herder Verlag 2016. 176 Seiten, 19,99 Euro, Hörbuch: 19,99 Euro

Reiner Andreas Neuschäfer – Paul Gerhard. Einer, der Dankbarkeit lebte

Reiner Andreas Neuschäfer – Paul Gerhard. Einer, der Dankbarkeit lebte

„Trost zu erfahren trotz tragischer Dinge, Dank trotz tieftrauriger Lebenssituationen – das geht nicht einfach so. Das war für Paul Gerhard ein Ringen. Singen und Schreiben halfen ihm.“ Bedrückend eingängig beschreibt der Theologe Reiner Andreas Neuschäfer das Leben Paul Gerhardts. Dabei kommen dem Autor seine Erfahrungen als Religionslehrer zu Gute. Er weiß, wie man große Themen für außenstehende Neugierige verstehbar aufbereitet.

Für die ist nämlich die kleine, feine Heftreihe aus dem Berliner „Down to Earth“-Verlag gedacht: Sie stellt „inspirierende Menschen vor, die herausfordern“, die eigenen Fähigkeiten und Talente zu nutzen, heißt es von Seiten des Verlags. So sind diese Hefte wertvoll für die Gemeindearbeit und den Schulunterricht. Das Wesentliche in Paul Gerhardts Leben sei Dankbarkeit, meint Autor Neuschäfer, „wo ihm das Leben schwer gemacht wurde, ließ er sich nicht davon erdrücken. Vielmehr stimmte er immer wieder ein Loblied auf das Schöne an, das er in der Schöpfung im Alltag entdecken konnte. Er war dankbar, dass das jetzige Leben und Leiden nicht das letzte Wort behalten würde.“

Der Dreißigjährige Krieg tobt, die Pest wütet – Gerhardt trotzt dem Schicksal: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.“ Er heiratet, wird Pfarrer an der Berliner Nikolaikirche und weigert sich beharrlich, die reformierte Version des evangelischen Glaubens anzuerkennen. Seine lutherische Prägung „konnte ihm auch das Leben zur Last machen“, beschreibt Neuschäfer des Dichters lutherische Dickköpfigkeit, „sie erschwerte ihm zum Beispiel die Einsicht, dass Toleranz nicht automatisch etwas mit Schwäche und der Aufgabe eigener Glaubensgewissheiten zu tun haben muss“. Seine vier Kinder trägt er zu Grabe, schließlich auch seine Frau – und hält wacker dagegen: „Sollt ich meinem Gott nicht singen?“ Tröstlich und beeindruckend, bis heute.

Reiner Andreas Neuschäfer: Paul Gerhard. Einer, der Dankbarkeit lebte. Impulsheft Nr. 87, Verlag Down to Earth, Berlin 2015, 32 Seiten, bebildert, 2,80 Euro

Martha Wilhelm – Berlinerinnen. 20 Frauen, die die Stadt bewegten

Martha Wilhelm – Berlinerinnen. 20 Frauen, die die Stadt bewegten

Who’s that girl vor dem lädierten Brandenburger Tor? Hildegard Knef, im Jahr 1947. Sie ist eine der zwanzig Berlinerinnen, die dieser wundervolle Bildband vereint. Alle haben die Stadtgeschichte und das Kulturleben Berlins maßgeblich geprägt, manche weit darüber hinaus.

Die Germanistin Martha Wilhelm führt uns auf eine Entdeckungsreise durch das weibliche Berlin. Etwa in den Salon der Jüdin Rahel Vanhagen, die Literaten, Schauspieler und Politiker zum freien Austausch einlud und ermunterte. In die Praxis der Ärztin Franziska Tiburtius, die sich gegen die Abkanzelungen des männlichen Medizinerstandes zur Wehr setzen musste. In das Atelier der Bildhauerin Käthe Kollwitz und in die Theater, in denen Valeska Gert mit ihren grotesken Tanzpantomimen die Zuschauer zu Wutschreien oder Jubel hinriss. Was für Entdeckungen: die leidenschaftliche Pilotin Melli Bese, die als erste Frau Deutschlands eine Fluglizenz erhielt. Montessori-Pädagogin Clara Grunwald, die mit den ihr in Obhut gegebenen Kindern den Tod in Auschwitz erlitt. Die erste Physikprofessorin Lise Meitner die – weil eine Frau – das Chemische Institut nur durch den Hintereingang betreten durfte. Es folgen Bettine von Arnim, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg, Marlene Dietrich, Christa Wolf, Charlotte von Mahlsdorf – ein hinreißendes Panorama des weiblichen Berlins.

Und die Kirchenfrauen? Da gab und gibt es wenige. Die evangelische Kirche Berlins wirkt weiterhin wie eine Männerbastion und leistet sich nur wenige Frauen in leitenden Funktionen. So ist es bezeichnend, dass der christliche Bezug von Berlinerinnen nur zweimal vorkommt: Bei der Sozialfürsorgerin Marga Meusel, Mitglied der Bekennenden Kirche, die sich für jüdische Christen einsetzte (auf eigenes Risiko, denn von offiziellen Kirchenstellen erhielt sie Abfuhren). Und bei der frech-fromm-fröhlichen Nina Hagen, die sich vor einigen Jahren taufen ließ.

Martha Wilhelm, Berlinerinnen. 20 Frauen, die die Stadt bewegten. Elsengold Verlag Berlin 2013. 128 Seiten, 60 Abbildungen, 12,95 Euro

Torsten Hebel – Freischwimmer

Torsten Hebel – Freischwimmer

Was am evangelikalen Fundie-Rand der Kirche vor sich geht, wirkt auf liberale Protestanten bestenfalls religionswissenschaftlich interessant, oft jedoch wegen schlechter Theologie und übergriffigem Missionseifer abschreckend. Zum Beispiel die Sitte, bei Evangelisationsveranstaltungen Menschen nach vorne zu rufen und ihnen ein „Lebensübergabegebet“ abzuverlangen. Torsten Hebel hat genau dies als Evangelist jahrelang gemacht, er war ein Missionars-Promi, besonders bei Jugendlichen, die etwa bei „Jesus-House“-Events abfeierten. Irgendwann aber, Gott sei Dank, ging Torsten Hebel ein Licht auf, er merkte: Das ist nicht okay und Manipulation, Jeus habe seinen Jüngern auch kein Hauruck-Bekenntnis abverlangt, sondern sie auf seinen Weg eingeladen. Hebel schwamm sich also frei von dieser engen Variante des christlichen Glaubens, der die Menschen einteilt in Gläubige und Gottlose. Dazu gehörte auch Abschied vom Bild eines Gottes, der von außen die Welt regiert und kritiklose Unterwerfung fordert. Hebel machte das nicht als Einzelkämpfer, nein, er besuchte zehn Weggefährten, die ihm sehr wichtig sind, und sprach mit ihnen über seine Zweifel an Gott. So entstand ein kleiner literarisch-spiritueller Roadmovie in die Welt des christlichen Glaubens. Bewegend, wie ernsthaft und zugleich humorvoll die Weggefährten reagierten – und wie locker man über Gott und das Leben sprechen kann. Am Ende findet Hebel Gott dann doch – aber wo und wie, verrate ich nicht, denn Sie sollten dieses Buch selbst lesen. Selten hat mich ein Buch so gefesselt. Nur so viel: Die Liebe und Wertschätzung anderen gegenüber ist Hebel inzwischen wichtiger als die Gottesfrage. Dass das für Hebel nicht nur Wortblasen sind, beweist er in Berlin-Lichtenberg, wo er „blu:boks“ ins Leben gerufen hat und soziale Arbeit mit Kindern macht (www.blueboksberlin.de). Das klingt so spannend, das möchte ich mit eigenen Augen sehen.

Torsten Hebel: Freischwimmer. Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr, SCM-Verlag Holzgerlingen 2015, 256 Seiten, viele Fotos 19,95 Euro

Gerd Meyer: Grenzgänger der evangelischen Kirche

Gerd Meyer: Grenzgänger der evangelischen Kirche

Die Möglichkeiten der neuen Medienwelt verändern auch den Buchmarkt. Wo es bisher Verlagen vorbehalten war, ein Manuskript zu veröffentlichen, tummeln sich jetzt Tausende Autorinnen und Autoren mit Selfmade-Büchern. „Book on demand“ heißt das Zauberwort und meint: Ein Buch wird erst bei Bestellung gedruckt.

Die Folge: Es gelangen auch Bücher zum Lesepublikum, die mangels guter Verkaufserwartungen früher nie gedruckt worden wären. Viele eitle Selbstbespiegelungen und bemühte Geschichten sind erhältlich, die ohne den Filter seriöser Lektorate das Licht der Buchwelt erblicken. Doch die neue Produktionsmöglichkeit bringt auch wichtige Zeitzeugendokumente in die Öffentlichkeit, die erstens Historikern Material zugänglich machen, zweitens interessante, authentische Leseerlebnisse bieten.

Zu dieser Art gehört das Buch des 1933 geborenen Pfarrers Gerd Meyer. Im Ruhestand hat er seine Erlebnisse als „Grenzgänger“ zwischen West- und Ostdeutschland aufgeschrieben. Und die sind ziemlich spannend. Auf höchster Ebene diente der Theologe in den 70er und 80er Jahren der Übermittlung von Nachrichten zwischen den evangelischen Kirchenleitungen in West- und Ostdeutschland. Um abgehörte Telefongespräche und kontrollierte Post zu umgehen, überschritt er unzählige Male die Grenze zwischen West- und Ostberlin und nahm Mitteilungen, Botschaften sowie Aufgaben persönlich entgegen. „Der Einsatz war hoch“, beschreibt er seine brisante Tätigkeit. „Wenn ich geschnappt worden wäre, hätte ich selbst zusehen müssen, wie ich klarkomme.“ Noch riskanter war seine Organisation von Material- und Büchertransporten im großen Stil über die innerdeutsche Grenze. „Taube“ war sein Deckname, den die DDR-Kirchenverantwortlichen kannten. Nicht einmal seine Familie weihte er damals in seine Geheimtätigkeit ein.

Heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, erzählt er erstmals Einzelheiten. Und gewährt auch Nachgeborenen Einblick in die Zeit, als Deutschland von einer Mauer durchtrennt war.

Gerd Meyer: Grenzgänger der evangelischen Kirche. Verlag Pro BUSINESS, Berlin 2014 (book on demand). 128 Seiten, 12,90 Euro

Georg Schwikart – Wir plappern wie die Heiden

Georg Schwikart – Wir plappern wie die Heiden

Biografien kann Georg Schwikart schreiben, das hat er mehrfach bewiesen. Den Apostel Paulus hat er für den Wichern-Verlag porträtiert, ebenso Johann Sebastian Bach und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen, auch Hanns Dieter Hüsch. Mit Letztgenanntem teilt Schwikart die Kunst der Poesie. Denn neben Romanen und Sachbüchern verfasst Schwikart auch Gedichte.

Nun liegt sein sechstes Lyrikbuch vor mir, „Gedichte aus dem Diesseits“ lautet der Untertitel, und die wenigen zielgenauen Worte, die Schwikart darin findet, wirken wie ein Gegenentwurf zum Haupttitel: „Wir plappern wie die Heiden“. Schwikart reduziert, dampft ein, seine Worte wirken wie eine Art Essenz von Lebenserfahrung, Glaubensversuchen und Selbstbespiegelungen. Mit erstaunlich wenigen Worten schafft er Stimmungen und sorgt für Einsichten. Zu Beispiel im „Gespräch zweier Mönche“: „der eine sagt nichts / der andere schweigt / sie verstehen sich blendend“. Oder den „Vorschlag für meine Trauerrede“: „Er hat gerne gelebt. / Er ist gerne gestorben. / Amen.“

Der Tod und das sterben sind ein Schwerpunkt in Schwikarts schriftstellerischem wie seelsorgerlichen Schaffen als Pfarrer. Viele seiner Gedichte kreisen um die Zumutung der Vergänglichkeit; in anderen sinniert er über Glauben und Zweifel oder über die Bibel. Auch über den Sinn von Weihnachten: „Verbinde sie mit deiner Geschichte / jene wahre Legende / die so beginnt: / Es begab sich aber zu der Zeit.“ Berührend auch, wie er Psalmen paraphrasiert und sie in die aktuelle Zeit übersetzt. Und wie er mit deftigen Worten den Tod beschreibt: „Der Tod ist mal ein netter Kerl / und mal ein großes Arschloch / er ist wie ich.“

Georg Schwikart: Wir plappern wie die Heiden. Gedichte aus dem Diesseits. Steyler Verlag 2016, 96 Seiten, 9,80 Euro

Beständig neu – 850 Jahre Dom zu Brandenburg an der Havel

Beständig neu – 850 Jahre Dom zu Brandenburg an der Havel

„Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauchte sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz.“

Strahlende Schönheit

Mit unglaublich schönen Worten beschrieb Schriftsteller Pascal Mercier die wahre Macht von Kirchen. Also ab und in dem Nacht-(oder Regional-)zug nach Brandenburg. Der dortige Dom bietet ein wunderschönes Beispiel, reich an Geschichten und Geschichte. „St. Peter und Paul“ steht dort, wo Brandenburgs Weg in die Geschichte begann. Hier befand sich die „Brandenburg“, der der Dom, die Stadt, die Mark und das heutige Bundesland ihren Namen verdanken. 2015 wurde der Dom 850 Jahre alt. Damit zählt er zu den frühesten monumentalen Bauten der nordeuropäischen Backsteingotik. Über Jahrhunderte hinweg waren die Markgrafen von Brandenburg, später die Könige von Preußen dem Dom auf das Engste verbunden und ließen ihn immer wieder entsprechend den Bedürfnissen der jeweiligen Zeit umbauen. Von 1995 an konnte der vom Einsturz bedrohte Dom durch umfassende Baumaßnahmen gerettet werden. Seit der im Sommer 2014 abgeschlossenen Sanierung erstrahlt das Wahrzeichen der Stadt Brandenburg in einer seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenen Schönheit.

Das Buch zum Jubiläum berichtet vom Neubeginn des Bistums Brandenburg im 12. Jahrhundert, von spätgotischen Dombauten und der repräsentativen Backsteinarchitektur, von Umbrüchen und Beständigkeit im Glauben, vom Umgang mit dem Kirchenraum und seiner Ausstattung, aber auch von der Sorge um das Denkmal.

Beständig neu. 850 Jahre Dom zu Brandenburg an der Havel. Im Auftrag des Domkapitels hg. v. Rüdiger von Schnurbein. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2015, 240 Seiten, zahlreiche Abb., 24,99 Euro